Corona-Infektionen in Schlachthöfen Eine verseuchte Branche

Die hohe Zahl der Corona-Infizierten in Schlachthöfen wirft ein Schlaglicht auf die dortigen Arbeitsbedingungen. Nun wird breit getestet, Kenner rechnen mit weiteren Fällen: Die Strukturen begünstigen die Ausbreitung des Virus.
Foto: Bernd Thissen/ dpa

Jetzt haben auch Niedersachsens Schlachthöfe ein Corona-Problem. Im Emsland haben sich zwei Mitarbeiter mit dem Virus infiziert, teilte der Landkreis am Montag mit. Und der Krisenstab der Landesregierung kündigt nun niedersachsenweit mehrere Tausend Sars-CoV-2-Tests in fleischverarbeitenden Betrieben des Bundeslandes an.

Deutschlands Schlachthöfe sind Corona-Hotspots. In den vergangenen Tagen haben bereits Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein umfassende Tests in den fleischverarbeitenden Betrieben gestartet - nachdem die Ansteckungszahlen hochgeschnellt sind. In Schlachthöfen dieser beiden Bundesländer, in Baden-Württemberg und Niedersachsen sind nach SPIEGEL-Recherchen in den vergangenen Wochen schon mindestens 905 Infektionen entdeckt worden; ein Teil der Erkrankten ist unterdessen wieder gesund. Aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass bei den Tests neue Infizierte entdeckt werden. Denn die Strukturen, unter denen Zehntausende Menschen dicht an dicht in Schlachtbetrieben arbeiten und genauso beengt wohnen, begünstigen die Ausbreitung des Virus.

Größter Sektor der deutschen Lebensmittelindustrie

Die Fleischwirtschaft ist der größte Sektor in der deutschen Lebensmittelindustrie. Sie setzte 2018 rund 42 Milliarden Euro um und beschäftigt rund 130.000 Menschen. Der deutsche Markt ist fest in der Hand eines Oligopols: Beim Schwein etwa, dem meistgegessenen Fleisch, töten und zerlegen vier Großunternehmen fast zwei Drittel aller rund 55 Millionen Tiere, die hier jährlich geschlachtet werden. Es sind:

  • die Tönnies-Gruppe,

  • Westfleisch

  • sowie die deutschen Ableger des Vion-Konzerns aus den Niederlanden

  • und von Danish Crown aus Dänemark.

Bei Geflügel dominieren

  • die PHW-Gruppe ("Wiesenhof")

  • und die Rothkötter-Unternehmensgruppe aus dem Emsland.

Wer sein Geld nicht in einer Bio-, Hochqualitäts- oder regionalen Nische verdient, muss Größe haben, um mithalten zu können. Denn um die Schlachthöfe herum sind ganze Wertschöpfungsketten aufgebaut. Von der Aufzucht der Tiere über den Transport bis hin zur Verarbeitung des Fleisches, der Auslieferung und Vermarktung ist alles durchgetaktet. Masse spart Geld in der hochindustrialisierten Produktion. Und: Niedrige Kosten sind oft der entscheidende Vorteil im knallharten Preiswettbewerb.

Ohne Leih- und Werkvertragsarbeiter kommt kaum eines der führenden Unternehmen aus. "Ein großer Teil der Beschäftigten in den Schlachthöfen sind Arbeitsmigranten, die über Subunternehmen angeheuert werden", sagt der Hamburger Soziologe Marcel Sebastian, der über die Schlachthofarbeit promoviert hat. Die meisten dieser Menschen kommen aus Osteuropa, vor allem Rumänien und Bulgarien. Oft sind sie über Werkverträge beschäftigt. Das heißt, sie werden für die "Herstellung eines Werks" bezahlt – am Zerlegeband in der Fleischfabrik oft nur für einen bestimmten immer wiederkehrenden Schnitt am Tierkörper. Aber sie gehören nicht zum Unternehmen.

Firmen wie Tönnies bietet die Konstruktion mit den Werkverträgen und den Subunternehmern eine Art Sorglospaket: Man kann Arbeiter je nach aktuellem Bedarf beschäftigen, ohne sie anzustellen – und wird sie im Zweifel schnell wieder los.

Bis zu 80 Prozent Werkvertragsbeschäftigte

Während Branchenverbände davon ausgehen, dass etwa die Hälfte der rund 130.000 Arbeiter im Fleischsektor über Werkverträge beschäftigt ist, geht die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) von deutlich höheren Zahlen aus. Auf etwa 80 Prozent schätzt Matthias Brümmer von der NGG die Zahl der prekären Arbeitsverhältnisse.

Der fragwürdige Erfolg der Branche sei eine Mischung aus technischer Effizienz und Lohndumping. Tarifverträge gibt es nicht, 1200 bis 1500 Euro verdienen die meisten der osteuropäischen Wanderarbeiter. "Und selbst dieser Lohn wird gedrückt bis zum Geht-nicht-mehr", so Brümmer. Etwa durch das Koppeln vom Mindestlohn an eine bestimmte Leistung oder durch fragwürdige Zeitabrechnungen. "Eine fälschungssichere elektronische Zeiterfassung gibt es in den meisten Unternehmen bis heute nicht."

Die Strukturen der meisten Großschlachtbetriebe ähnelten einander stark, sagt Experte Sebastian. "Es würde einen Wettbewerbsnachteil mit sich bringen, völlig anders zu agieren." Schließlich seien die Gewinnmargen vieler Schlachthöfe niedrig - und der Konkurrenzdruck enorm. Umso höher ist die Wahrscheinlichkeit weiterer Corona-Fälle in anderen Betrieben. "Andere Großschlachtbetriebe sind ähnlich infektionsgefährdet wie die Fabriken von Westfleisch oder Vion, wo das Virus entdeckt worden ist", sagt Sebastian. "Die Rahmenbedingungen prädestinieren sie dafür."

Dicht an dicht

Abstand halten ist in dieser Industrie schwer. Am Zerlegeband stehen die Arbeiter eng nebeneinander. In den Massenunterkünften, die ein Bestandteil vieler Werksverträge sind, ist es üblich, dass Zimmer mit mehreren Menschen belegt werden. Und zur Schicht werden die Arbeiter oft in vollgestopften Bullis oder Minibussen transportiert. Obendrauf kommen Verständigungsprobleme. Zwar haben alle Schlachthöfe ihre Hygienerichtlinien. "Allerdings sprechen die Mitarbeiter oft kein Deutsch oder Englisch – und die Hygienebeauftragten beherrschen oft keine andere Fremdsprache, die können das den neuen Mitarbeitern kaum erklären", berichtet ein Auditor, der jahrelang für einen Großabnehmer Kontrollen in Schlachthöfen durchgeführt hat.

Bei Westfleisch in Coesfeld stellten Kontrolleure fest, dass es nicht nur mit dem Abstand am Zerlegeband und den Umkleiden Probleme gab. Der bereitgestellte Mund- und Nasenschutz wurde am Zerlegeband auch nicht korrekt getragen. Dabei gilt Westfleisch, eine Genossenschaft von rund 4000 Landwirten, in der Szene noch als vergleichsweise guter Arbeitgeber. "Wenn sich bei denen schon so viele Infektionen häufen, wie groß ist die Gefahr bei anderen Schlachthöfen?", fragt ein Branchenkenner.

Wie prekär die Arbeitsbedingungen sind, wissen die Verantwortlichen in Nordrhein-Westfalen spätestens seit dem Sommer 2019. Da kontrollierten die Behörden die Zustände in den 30 größten Schlachthöfen des Bundeslandes. Die Ergebnisse dieser "Arbeitsschutzaktion Fleischwirtschaft" nannte Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) "katastrophal". Bei 26 Schlachthöfen stellten die Prüfer teils gravierende Verstöße gegen die Arbeitsschutzgesetze vor. Teilweise arbeiteten Arbeiter 16 Stunden am Stück durch, Schutzvorrichtungen waren entfernt worden, Notausgänge geschlossen, Werkzeuge abgenutzt. Und in mehr als 900 Fällen fehlte die gesetzlich vorgeschriebene arbeitsmedizinische Vorsorge. Nur zwei Unternehmen wurden als gut bewertet - beide arbeiteten mit einer Stammbelegschaft. "Die schlimmsten Befürchtungen wurden bestätigt", sagte Laumann bei der Vorstellung der Ergebnisse. Doch konkret verbessert hat sich seither wenig.

Laumann bestreitet, zu spät auf die Corona-Ausbrüche reagiert zu haben. Doch schon Tage bevor er am Freitag die Schließung des Westfleisch-Schlachthofs in Coesfeld anordnete, gingen dort die Infektionszahlen rapide hoch. Am Dienstag stieg die Zahl von 54 auf 64, am Mittwoch dann auf 79 Fälle. Er habe "kein Vertrauen" mehr in die Arbeitsbedingungen der Schlachtindustrie, sagt Laumann nun im Deutschlandfunk.

Stephanie Töwe von Greenpeace hält das für "befremdlich". Laumanns Partei habe die Missstände der Billigfleisch-Produktion "über Jahrzehnte toleriert", sich mit freiwilligen Branchenlösungen "abspeisen" lassen und zusammen mit der Industrie "das Lied vom Weltmarkt und der Wettbewerbsfähigkeit" angestimmt – mit dem sich auch die massenhafte Beschäftigung osteuropäischer Arbeiter rechtfertigen ließ. "Jetzt allerdings", so Töwe, "rächen sich die niedrigen Standards in der deutschen Schlachtindustrie."

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