Wirtschaftliche Folgen der Coronakrise Das "Whatever it takes" der EZB-Chefin

Wird die Europäische Zentralbank die Eurozone auch in der Coronakrise vor dem Kollaps retten? Zunächst gab es Zweifel an der Entschlossenheit der neuen Chefin Christine Lagarde - die hat sie jetzt ausgeräumt.
Von Tim Bartz, Frankfurt
EZB-Chefin Lagarde: Historischer Beschluss

EZB-Chefin Lagarde: Historischer Beschluss

Foto: ANDREW CABALLERO-REYNOLDS / AFP

Nun hat also auch Christine Lagarde ihren "whatever it takes"-Moment. "Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen", twitterte die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstagmorgen um 1 Uhr, als der Corona-geplagte Kontinent im Schlaf lag. "Unser Bekenntnis zum Euro ist grenzenlos. Wir sind entschlossen, im Rahmen unseres Mandates das volle Potenzial unserer Möglichkeiten zu nutzen", fuhr die Französin mit allem Pathos fort, der der historischen Situation angemessen erscheint.

Als Lagarde ihren Tweet absetzte, lag eine Notsitzung des EZB-Rats hinter ihr, die man ebenfalls als geschichtsträchtig bezeichnen kann. Die Notenbank wird ab sofort bis Ende des Jahres im Rahmen eines "Pandemic Emergency Purchase Programme" staatliche und private Anleihen im Volumen von 750 Milliarden Euro am Kapitalmarkt aufkaufen. Damit will sie die Zinsen drücken, zu denen sich Staaten und Unternehmen verschulden können.

Bereits vergangene Woche hatte die EZB angekündigt, bis Jahresende 120 Milliarden Euro zusätzlich in Anleihekäufe zu stecken. Zusammen mit dem bereits seit Jahren laufenden Programm wird die EZB alles in allem jetzt monatlich im Schnitt für 100 Milliarden Euro Anleihen kaufen, insgesamt 1,1 Billionen Euro. So will sie erreichen, dass Staaten und Unternehmen, die sich durch den Verkauf von Anleihen Geld bei Investoren besorgen, dies zu verträglichen Zinskonditionen tun. Fakt ist freilich auch, dass damit der vor Ausbruch der Coronakrise angepeilte Ausstieg der EZB aus den Krisenmaßnahmen nun auf die ganz lange Bank geschoben wird.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Lagardes Ansage zeigte Wirkung am Kapitalmarkt. Die Kurse italienischer Staatsanleihen legten am Montagmorgen kräftig zu. Ihre Rendite - also die Zinsaufschläge, die Investoren als eine Art Risikoprämie für ein Investment in Anleihen des schuldenbeladenen Landes zahlen – sank spiegelbildlich drastisch.

Zehnjährige Staatsanleihen rentierten zeitweise mit 1,3 Prozent - rund einen Prozentpunkt niedriger als am Vortag. Die Renditen griechischer Staatsanleihen sanken noch stärker. Denn anders als bei ihrem bisherigen Kaufprogramm, will die EZB diesmal auch griechische Anleihen explizit einbeziehen. Fast alle Beschränkungen, die noch bei der Bekämpfung der Eurokrise und anschließend einer drohenden Deflation galten, sind diesmal aufgehoben.

Die Aktienmärkte profitieren

Der Ökonom Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) lobte die EZB für ihr Vorpreschen: "Wie schon in der Euro-Schuldenkrise 2012 zeigt sich Europas Zentralbank als handlungsfähig in einer Situation, in der eine umfassende systemische Krise droht und die europäische Politik sich noch in Schockstarre befindet", sagte er.

Auch die Investoren am Aktienmarkt begrüßten die Entscheidung der EZB, die Eurozone um jeden Preis zu stützen: Der Deutsche Aktienindex (Dax) legte am Vormittag zeitweise um 0,7 Prozent zu. Am Nachmittag rutschte der Dax allerdings schon wieder nach unten.

Die EZB will ihre Ankäufe künftig auch auf Geldmarktpapiere erweitern. Über diese sogenannten Commercial Papers, Schuldverschreibungen mit kurzer dreimonatiger Laufzeit, holen sich Industrieunternehmen frisches Geld am Kapitalmarkt, um ihre Geschäfte zu finanzieren. Beliebt als Refinanzierungsquelle sind Commercial Papers vor allem in den USA, wo die Federal Reserve (Fed) bereits vor Tagen angekündigt hatte, den Markt zu stützen. Zudem hat die US-Notenbank ihren Leitzins inzwischen in zwei Schritten von 1,75 bis 1,5 Prozent auf nahezu null und damit quasi auf EZB-Niveau gesenkt sowie ein 700 Milliarden Dollar großes Anleihekaufprogramm aufgelegt.

Nun zieht die EZB nach. Und das war noch nicht alles: Wie sie weiter mitteilte, akzeptiert sie fortan noch mehr Sicherheiten von Geschäftsbanken, die sich bei der EZB Geld leihen wollen. Dazu gehören jetzt auch Forderungen, die Banken gegenüber anderen Unternehmen aus der Realwirtschaft haben. Diese Forderungen können die Geldhäuser bei der EZB künftig hinterlegen, um sich dort Liquidität abzuholen, die sie wiederum an Unternehmen als Kredit ausreichen können. Auch griechische Staatsanleihen dürfen wieder als Sicherheiten für die Geldleihe bei der EZB eingereicht werden.

EZB-Chefin Lagarde: Fehler korrigiert

EZB-Chefin Lagarde: Fehler korrigiert

Foto:

ARMANDO BABANI/EPA-EFE/Shutterstock

Bemerkenswert ist zudem, was die EZB nicht explizit, aber zwischen den Zeilen ankündigte. Demnach erwägt sie, die selbst gesteckten Grenzen für Staatsanleihekäufe anzuheben. Bislang darf die EZB maximal ein Drittel aller Anleihen eines Staates erwerben, zudem muss sie den sogenannten Kapitalschlüssel berücksichtigen, der das Gewicht der einzelnen Eurostaaten am Grundkapital der EZB spiegelt. Das dürfte nun bald ebenfalls passé sein.

US-Ökonom Melvyn Krauss lobte die kaum versteckte Ankündigung der Notenbank. "Der einzige Weg, wie die EZB die europäischen Anleihemärkte beruhigen und glaubwürdig bleiben kann, ist, ihre selbstauferlegten Beschränkungen aufzuheben", sagte Krauss.

Auf Draghis Spuren

ZEW-Ökonom Heinemann sieht das ähnlich: "In der Coronakrise droht nun eine umfassende Finanz- und Schuldenkrise. Die EZB versucht mit allen Mitteln, der Corona-Eindämmungspolitik Rückendeckung zu geben und Zeit zu kaufen", sagte er. "Durch die Aufgabe des EZB-Kapitalschlüssels als verbindliche Steuerungsgröße ist dieses Programm auch einsetzbar, um gezielt Länder wie Italien oder Spanien liquide zu halten." Dennoch sei die Maßnahme im Interesse aller Eurostaaten und ein weitreichender, aber verantwortungsvoller Schritt der EZB.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Das hatte Zweifel genährt, ob Draghis "whatever it takes"-Versprechen auch noch unter Lagarde gilt. In der Folge hatte die EZB, insbesondere ihr Chefökonom Philip Lane, alle Mühe, den Eindruck zu revidieren. Die EZB musste auch umstrittene Aussagen des österreichischen Notenbankchefs Robert Holzmann zurückweisen. Holzmann hatte gesagt, die geldpolitischen Instrumente der Zentralbanken hätten "ihre Grenzen erreicht", die Coronakrise sei ein "Reinigungsprozess", den nur solche Unternehmen überleben würden, die überlebensfähig seien.

Mit der jetzigen Entscheidung dürfte klar sein, dass Lagardes Äußerung eher ein Versprecher war. Die EZB geht nun "all in".

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.