Börsen-Hype trotz Coronakrise Die Totenzahlen in den USA steigen - die Kurse auch

Die Realwirtschaft ist im freien Fall - nur die US-Aktienmärkte streben munter aufwärts, selbst wenn gerade wieder Millionen Jobs verloren gehen. Sind die Investoren völlig verrückt geworden?
Von Ines Zöttl, Washington
Börsenplatz an der Wall Street in New York - der am stärksten vom Coronavirus getroffenen US-Metropole

Börsenplatz an der Wall Street in New York - der am stärksten vom Coronavirus getroffenen US-Metropole

Foto: Mark Lennihan/ AP

Während US-Präsident Donald Trump mal wieder eine seiner berüchtigten Pressekonferenzen zur Coronakrise hielt, blendete sein Lieblingssender Fox News Daten ein, die nicht recht zueinander zu passen schienen: Oben stand die erneut gestiegene Zahl der Covid-19-Toten und Neuinfektionen, unten der Schlusskurs des Dow Jones: 24.242 Punkte. Der Börsenindex hatte an diesem Tag die besten zwei Wochen seit über 80 Jahren abgeschlossen: mit einem Plus von 15 Prozent.

Kurzzeitig ließ die Euphorie nach, als der Ölpreis ins Bodenlose stürzte. Doch bald zogen die Aktienkurse wieder an. Am Freitag schloss der Dow Jones etwa dort, wo er schon Anfang Januar 2019 notiert hatte, vor dem Corona-Crash, mitten im zehnten Jahr des Wirtschaftsaufschwungs. Dabei steuern die USA unverändert auf die schlimmste Rezession seit den Dreißigerjahren zu.

Sind die Börseninvestoren also verrückt geworden?

Die Kurse erholen sich, während im wahren Leben - dem, was die Ökonomen Realwirtschaft nennen - eine Hiobsbotschaft die nächste jagt: 

  • 26 Millionen Amerikaner haben sich seit Beginn der Krise arbeitslos gemeldet. Damit hat Covid-19 innerhalb von vier Wochen den Jobzuwachs eines ganzen Jahrzehnts zunichtegemacht.

  • Der Einzelhandelsumsatz ist im März um knapp neun Prozent abgestürzt - und droht eine traditionsreiche Branche mit in den Abgrund zu reißen: Die Kaufhauskette J.C. Penney verhandelt mit ihren Gläubigern über ein Rettungspaket. Die Pleite des glamouröseren Konkurrenten Neiman Marcus scheint unvermeidlich, und die Traditionsmarke Macy's hofft noch auf ein Wunder, das vermutlich aber ausbleiben wird.

  • Die US-Industrieproduktion ist abgestürzt auf den tiefsten Wert seit 74 Jahren. Das Wirtschaftsanalyse-Institut Oxford Economics erwartet, dass die Unternehmensgewinne im zweiten Quartal verglichen zum Vorjahr um 25 Prozent schrumpfen. Dutzende Konzerne haben angekündigt, dass Dividendenzahlungen und geplante Aktienrückkäufe ausfallen.

Eigentlich sind das auch für Aktionäre schlechte Nachrichten. Doch die Kurse steigen kräftig. Catherine Mann, Chefökonomin bei Citi, hat ein kleines Experiment gemacht, um das eigenartige Phänomen zu verdeutlichen: Sie hat beide Kurven übereinandergelegt: die Börsencharts und die neuesten Konjunkturvorhersagen. "Es gibt da eine komplett negative Korrelation", erklärte sie in einem Videoauftritt.

Sechs Millionen Jobs weg - aber die Kurse klettern

Sprich: Während die Ökonomen die Wachstumsaussichten immer weiter nach unten korrigieren, weist der Börsentrend seit Wochen wieder nach oben. An dem Tag, als die Rekordzahl von 6,6 Millionen neuen Arbeitslosen innerhalb einer Woche gemeldet wurde, stieg der Dow Jones um fast 500 Punkte.

Den Märkten scheint das Kunststück gelungen, das der Realwirtschaft kaum noch ein Experte zutraut: die V-Erholung, der schnelle Aufstieg nach dem steilen Fall. Der S&P 500 hatte zwischen seinem Rekordstand am 19. Februar und dem 23. März ein Drittel seines Wertes eingebüßt. Mehr als die Hälfte des Verlustes hat er bis Freitag wieder wettgemacht.

Gemessen an den Gewinnerwartungen für das kommende Jahr seien die amerikanischen Aktien so teuer wie seit fast 20 Jahren nicht, schreibt der Bloomberg-Finanzexperte John Authers. Ein ähnliches Kurs-Gewinn-Verhältnis habe man zuletzt in den "verrückten Jahren" der Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende gesehen.

Niemand wäre so dumm, gegen die Fed zu wetten

Wenn also die grundlegenden Wirtschaftsdaten eigentlich so wenig Kaufanreiz bieten, was steckt hinter der Rally? Des Rätsels Lösung hat drei Buchstaben: Fed. Die US-Notenbank Federal Reserve lässt keinen Zweifel daran, dass sie einen Crash verhindern wird, koste es, was es wolle. Wer also auf Kursverluste setzen wollte, müsste damit gegen eine Institution wetten, deren Mittel praktisch nicht endlich sind. "Diejenigen, die die Macht der Fed nach (der Finanzkrise) 2008 unterschätzt haben, wollen diesen Fehler nicht noch einmal machen", glaubt Authers.

Für Michael Every von der Rabobank ist die Sache noch simpler: Die Märkte seien in einer Art Ekstase, weil "sie im Moment überhaupt nicht denken müssen". Die Fed, die Milliarden und Abermilliarden in alle Winkel der Wirtschaft pumpe, habe klargemacht, "dass es keine Verlierer geben wird - oder zumindest, dass man sich die Mühe sparen kann, nach möglichen Gewinnern zu suchen".

Die Geldpolitiker würden faktisch die Preise der Vermögenswerte wie Aktien und Anleihen bestimmen. Das erinnert ein wenig an eine Szene aus dem berühmten Film "Harry und Sally", in der Meg Ryan in einem voll besetzten Restaurant einen Orgasmus vortäuscht  - und die Dame am Nachbartisch zum Kellner sagt: "Ich will genau das, was sie hatte". Die Märkte nehmen einfach das Gleiche, was die Fed bestellt. Dazu passt, dass die frühere Fed-Chefin Janet Yellen bereits fordert, dass der Gesetzgeber der Notenbank erlauben solle, in einer Krise auch direkt Aktien aufkaufen zu können. Auch wenn das "momentan" nicht notwendig wäre. Das würde die Preise noch weiter nach oben treiben.

Tauziehen zwischen Hoffnung und Realität

Viele Beobachter bezweifeln allerdings, dass die multiple Entzückung auf Dauer hält. Investorenlegende Paul Singer, dessen Gesellschaft Elliott Management ein Portfolio mit einem Volumen von 40 Milliarden Dollar hält, warnte seine Kunden, dass nach seinem "Bauchgefühl" die Talsohle nicht erreicht sei. Manche halten den Kursanstieg der vergangenen Wochen auch für einen "dead cat bounce": Selbst tote Katzen springen noch mal hoch, wenn man sie nur aus ausreichend großer Höhe fallen lässt.  

Bei jeder schlechten Nachricht - ob Ölpreisabsturz oder enttäuschten Impfstoff-Illusionen - fährt dem Markt der nächste Schreck durch die Glieder. An der Wall Street finde ein "Tauziehen zwischen Hoffnung und Realität" statt, sagte Larry Adam vom Finanzdienstleister Raymond James der Agentur Reuters. Die Anleger hofften darauf, dass die Pandemie bald überwunden werde. Aber zugleich sorgten die Konjunkturdaten für Unbehagen.

Noch haben die Optimisten die Oberhand. Doch wenn sich herausstellt, dass die Hoffnung auf eine schnelle Normalisierung trügt, könnte die Stimmung ins Gegenteil umschlagen, warnt der Princeton-Ökonom Markus Brunnermeier, er hat viel zu Finanzmärkten, Preisblasen und Krisen geforscht. "In der Querschnittsanalyse ist der Markt sehr effizient, aber in der Zeitreihe liegt er oft falsch", sagt er. Wenn Amerika seine Wirtschaft nach dem Lockdown in den kommenden Monaten wieder öffne, dann aber eine zweite Covid-19-Infektionswelle komme, dann "könnte es an den Märkten zum großen Umdenken kommen".

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, der Aktienindex S&P 500 sei an einem Tag um fast 500 Punkte gestiegen. Tatsächlich war es der Dow Jones Index, der an diesem Tag um fast 500 Punkte gestiegen ist. Wir haben die Stelle korrigiert.