Angeschlagene Fluglinie Coronakrise gefährdet Condor-Rettung

Als die polnische Fluglinie LOT im Januar die Übernahme der strauchelnden Condor bekannt gab, war das Coronavirus noch nicht in Europa angekommen. Nun könnte die Pandemie den Deal nach SPIEGEL-Informationen kippen.
Foto: Arnulf Hettrich/ imago images

Die Coronakrise könnte die Rettung der im Schutzschirmverfahren befindlichen Ferienfluglinie Condor gefährden. Nach SPIEGEL-Informationen scheint es fraglich, ob die Mutter der polnischen Fluglinie LOT, die Polish Aviation Group (PAG), angesichts der unklaren Aussichten im Luftverkehr an der im Januar angekündigten Übernahme festhält.

Aus Verhandlungskreisen erfuhr der SPIEGEL, dass das Szenario einer Verschiebung oder gar Absage von Verantwortlichen angesprochen worden sei. LOT wollte auf Anfrage keine Stellungnahme abgeben. Condor sagt, dass man mit einer mehrheitlichen Zustimmung zum Schutzschirmplan rechne. An diesem Donnerstag findet die finale Gläubigerversammlung statt. Laut Amtsgericht Frankfurt wurde der Termin bisher nicht abgesagt.

Der Schutzschirmplan für Condor wurde bereits am 11. Februar beim Gericht eingereicht - die Coronavirus-Krise hatte da noch deutlich kleinere Dimensionen in Europa. Ob die stärkere Ausbreitung des Virus in dem Plan bereits berücksichtigt wurde, ließ Condor auf Anfrage unbeantwortet. Man erwarte "nach wie vor einen Abschluss des Schutzschirmverfahrens zu Ende März und eine fristgerechte Rückzahlung des Überbrückungskredits im April", so eine Sprecherin.

Die PAG hätte zumindest ahnen können, dass ein potenzielles Problem auf sie zukommt. Die Übernahme wurde am 24. Januar angekündigt; zwei Tage zuvor wurde das Coronavirus-Risiko in der EU von niedrig auf moderat angehoben. Erst am 30. Januar sprach die Weltgesundheitsorganisation von einer internationalen Gesundheitsbedrohung. Auch in polnischen Medien wird der Zeitpunkt der Übernahme als unglücklich gewertet. Es sei absolut unmöglich, dass die Epidemie die Einnahmen von Condor nicht beeinflusst, zitiert die Zeitung "Gazeta Wyborcza"  einen Luftfahrtexperten. Die polnische Zeitung "Fakt"  geht davon aus, dass die Übernahme von Condor heute erheblich billiger gewesen wäre als vor anderthalb Monaten.

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Auch LOT selbst ist vom Coronavirus betroffen. Neben Einschränkungen bei Flügen nach Italien setzt die polnische Linie alle Flüge auf der Strecke Warschau-Peking bis zum 25. April aus. Auch Flüge von Budapest nach Seoul sollen bis zum 8. April nicht stattfinden. Ebenfalls als problematisch könnte sich erweisen, dass LOT auch und vor allem auf ein Wachstum bei Langstreckenverbindungen nach Asien setzt.

Die polnische Zeitung "Gazeta Prawna" spekuliert, dass LOT Staatshilfen benötigen könnte. Da die Fluglinie jedoch in der Vergangenheit schon einmal eine staatliche Hilfe von 400 Millionen polnischen Zloty (rund 93 Millionen Euro) in Anspruch genommen habe, würde eine weitere Unterstützung wohl gegen das EU-Recht verstoßen und man bräuchte eine Sonderregelung.

Bei Condor sieht man derzeit keine Probleme im Flugbetrieb durch das Virus. Eine Condor-Sprecherin verweist darauf, dass derzeit die Auslastung bei durchschnittlich 90 Prozent liege, ähnliche Zahlen erwarte man auch für die kommenden Wochen. Da man mit Ausnahme einer Italienverbindung nach Sizilien nicht in Risikoländer fliege, sei bisher kein einziger Flug gestrichen worden und man plane auch keine Streichungen. Alle Condor-Flugzeuge seien im Einsatz. Reisende wünschten sich jedoch im Moment bei der Urlaubsplanung "mehr Flexibilität", man reagiere mit gebührenfreien Umbuchungen für Neubuchungen.

Immerhin haben mittlerweile alle zuständigen Kartellbehörden der Übernahme von Condor durch PGL zugestimmt, sodass zumindest der Weg aus kartellrechtlicher Sicht frei ist.

Mitarbeit: Marta Solarz