Wirtschaftserholung nach der Coronakrise Geht es jetzt wieder aufwärts?

Politik und Ökonomen sind zuversichtlich: In der wirtschaftlichen Coronakrise scheint die Talsohle erreicht zu sein. Beim Wiederaufstieg aber drohen gleich mehrere Rückschläge.  
Passanten in der Düsseldorfer Innenstadt: Hoffen auf die Mehrwertsteuersenkung

Passanten in der Düsseldorfer Innenstadt: Hoffen auf die Mehrwertsteuersenkung

Foto: Ralph Peters/ imago images/Ralph Peters

Ist das Schlimmste in der Coronakrise überstanden? Das Bundeswirtschaftsministerium zeigte sich zu Wochenbeginn ziemlich sicher.

"Der konjunkturelle Tiefpunkt ist damit erreicht", kommentierten die Beamten um Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) neue Zahlen zur Industrieproduktion. Nun setze "die wirtschaftliche Erholung ein". Auch unter den Bürgern macht sich vorsichtiger Optimismus breit. Im SPIEGEL-Wirtschaftsmonitor von Civey steigt seit Kurzem die Zahl jener, die die wirtschaftliche Lage als gut beurteilen. Angesichts der Corona-Pandemie war sie zuvor seit Mitte Februar steil gefallen.

Andererseits kommen nach wie vor dramatische Signale aus der Wirtschaft. So brachen die deutschen Exporte im April um 31 Prozent ein - der größte Rückgang seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1950. Ist es da nicht zu früh, von einer Erholung zu sprechen?

Tatsächlich sehen auch die großen Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland Anzeichen für etwas, das Ökonomen gerne Bodenbildung nennen: Der Absturz flacht ab, eine Trendwende lässt sich zumindest erahnen. Viele dramatische Zahlen, die derzeit veröffentlicht werden, spiegeln noch die Zeit ab dem 23. März wider, in der weite Teile der Wirtschaft wegen staatlicher Auflagen zum Erliegen kamen. Seit 20. April aber werden die Einschränkungen schrittweise gelockert. Ab der zweiten Jahreshälfte erwarten die Institute deshalb wieder Wachstum.

"Alles, was nach dem April kommt, ist besser", sagt Timo Wollmershäuser, Leiter der Konjunkturforschung am Ifo-Institut. "Wir können relativ sicher sein, dass wir die Talsohle erreicht haben." Im Geschäftsklimaindex des Ifo für Mai beurteilten die befragten Unternehmen ihre Lage zwar erneut schlechter als im Vormonat. Ihre Erwartungen für die kommenden Monate aber besserten sich deutlich.

Riskanter Weg aus dem Tal

Unklar ist aber, wie lange die deutsche Wirtschaft braucht, um wieder aus dem Tal hinauszufinden. Denn trotz der Erholung in der zweiten Jahreshälfte dürfte der Absturz fürs Gesamtjahr mit minus sechs bis sieben Prozent massiv sein. "Dass das Schlimmste hinter uns liegt, ist noch keine Entwarnung", sagt Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). "Denn das Schlimmste war sehr schlimm."

Zudem drohen beim Wiederaufstieg aus dem konjunkturellen Abgrund eine Reihe von Rückschlägen. Eindeutig die größte Gefahr ist dabei eine zweite Krankheitswelle. "Vor der Klammer steht immer die Annahme, dass die Pandemie von Monat zu Monat schwächer wird", sagt Kooths über die aktuellen Prognosen. "Niemand weiß, ob es im Herbst einen zweiten Shutdown gibt." Sollte der Staat erneut das öffentliche Leben einschränken, wären die derzeitigen Vorhersagen schnell passé.

Den Wiederaufstieg schafft die exportabhängige deutsche Wirtschaft zudem nur in Seilschaften mit ihren Handelspartnern. Die müssen wieder mehr Waren aus Deutschland abnehmen und Vorprodukte für deren Herstellung liefern. "Positiv ist das, was aus China kommt", sagt Ifo-Forscher Wollmershäuser. Im Ursprungsland der Pandemie hat sich die Lage normalisiert, die Einkaufsmanagerindizes signalisieren wieder Wachstum. Deutlich unsicherer ist die Lage in Ländern wie den USA oder Großbritannien. Neben der gedämpften Nachfrage droht hier auch die Pleite von Lieferanten deutscher Firmen. "Das kann am ehesten Probleme bereiten", so Wollmershäuser.

Auch in Deutschland könnten Unternehmen verstärkt in Zahlungsschwierigkeiten geraten. "Jeder Tag ohne normale Umsätze frisst sich in die Kapitaldecke", sagt IfW-Ökonom Kooths. Wie stark die Zahl nicht bedienter Kredite steigt, werde sich erst mit drei Monaten Verzögerung zeigen. Das Ausmaß einer möglichen Insolvenzwelle lässt sich jetzt ebenfalls noch nicht abschätzen, weil die Insolvenzantragspflicht bis Ende September ausgesetzt wurde.

Jo-Jo zu Jahresbeginn?

Für den Weg aus dem konjunkturellen Tal hat die Politik verschiedene Aufstiegshilfen geschaffen: Erst wurden Kredit- und Zuschussprogramme beschlossen, deren Empfängerkreis vom Soloselbstständigen bis zur Lufthansa reicht. In der vergangenen Woche brachte die Bundesregierung dann das Konjunkturpaket auf den Weg. Dessen teuerster Bestandteil ist die temporäre Senkung der Mehrwertsteuer bis Jahresende.

Die staatlichen Hilfen treffen bei Ökonomen auf überwiegend positives Echo, dennoch verbindet sich auch damit Unsicherheit. Eine Frage ist, was nach dem Auslaufen passiert. So könnte die Mehrwertsteuersenkung in den kommenden Monaten wie erwünscht den Konsum ankurbeln. Zu Jahresbeginn aber dürfte dieser dann umso stärker einbrechen. "Das Auslaufen der Konjunkturhilfen wird zu einem eher destabilisierenden Jo-Jo-Effekt bei langlebigen Konsumgütern führen", vermutet Kooths. "Kühlschränke oder Schrankwände werden eben nicht zweimal hintereinander gekauft."

Die Debatte über eine mögliche Verlängerung der Mehrwertsteuersenkung im Wahljahr wurde durch den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) bereits eröffnet, Schützenhilfe bekam er von SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich. Sein Parteifreund Olaf Scholz betont dagegen bislang, die Senkung müsse temporär bleiben. Im Finanzministerium kann man auf den Solidaritätszuschlag verweisen, der Anfang 2021 für 90 Prozent der Zahler abgeschafft wird. "Im Januar kommt die nächste Einkommensspritze", so Wollmershäuser.

Sollte es allerdings zu einer zweiten Welle der Erkrankungen kommen, werde der Konsum ohnehin wieder eingeschränkt. Dann helfe die 20 Milliarden Euro schwere Mehrwertsteuersenkung "wenig bis nichts", kritisiert IfW-Forscher Kooths. Aus seiner Sicht müssten die Hilfen deshalb stärker bei Unternehmen ansetzen. "Private Haushalte kaufen nun mal keine Stanzmaschinen oder Hochöfen."

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