Einzelhandel in der Krise Kurz vor Ladenschluss

Zögerlich kehrt die Shoppinglust zurück. Doch die Händler leiden, Milliardenumsätze sind weg und dürften auch nicht wieder reinkommen. Bis zu 200.000 Geschäfte könnten für immer schließen.
Vor dem Kaufhaus KaDeWe in Berlin: Die Kunden kommen langsam

Vor dem Kaufhaus KaDeWe in Berlin: Die Kunden kommen langsam

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Die Läden haben wieder geöffnet, Verbraucher zieht es in Einkaufsmeilen und in die Innenstädte. Manche Filiale verzeichnet kurzzeitig Umsätze, als hätte das Coronavirus die Welt nie lahmgelegt.

Doch die Freude währt kurz. "Nach wenigen Tagen bricht das Geschäft wieder ein. Die Kunden decken sich kurz ein mit Produkten und sind wieder weg", sagt Wolfgang Wanning, Berater vieler Handelsfirmen wie Tommy Hilfiger, Marc O’Polo oder Christ Juweliere. "So werden sich viele Händler nicht aus dem Tal herausarbeiten können", warnt der Geschäftsführer von Team Retail Excellence.

Als Mitte April Händler mit bis zu 800 Quadratmeter Fläche in einigen Bundesländern und Städten wieder öffnen durften, kehrten die ersten Käufer wieder zurück. Seitdem die fast komplette Öffnung der Läden angekündigt wurde, werden die Straßen deutlicher voller, zeigen Daten für die kaufträchtigen Samstage des Portals Hystreet.com .

Rostocks Einkaufsmeile Kröpeliner Straße hatte am ersten wiedereröffneten Samstag gut 17.000 Besucher, vergangenen Samstag fast 23.000, vor der Krise lag die Zahl im Schnitt bei rund 37.000. Auf Hamburgs Jungfernstieg flanierten am Samstag im April wieder 10.000, jetzt 18.000 und zuvor rund 45.000 Menschen. In Münchens Kaufinger Straße stieg die Besucherzahl von 10.000 Mitte April auf 48.000, zu Jahresbeginn waren es eher 120.000. Sowohl in Hamburg als auch in Bayern gelten die Lockerungen für die größeren Läden allerdings erst ab dieser Woche.

Auch wenn die Türen zu allen Filialen jetzt nach und nach wieder aufgemacht werden, dürften in einigen Monaten viele wieder zugehen - für immer. Stationäre Händler haben, abgesehen von Supermärkten, längst viel an die Onlinekonkurrenz verloren, immer mehr Läden verschwinden aus den Innenstädten. Das Coronavirus wirkt wie ein Brandbeschleuniger. Die Entwicklung habe sich verschärft, sagt Claus-Dietrich Lahrs, Chef der Modekette s.Oliver. "Viele Kunden haben in dieser Zeit gelernt, was online alles möglich ist."

In den vergangenen Jahren musste der stationäre Handel nie Umsatzrückgänge hinnehmen und verlor dennoch Marktanteile an die Konkurrenz im Netz. Jetzt bricht auch der Erlös ein. Bis zu 40 Prozent der Umsätze sind derzeit weg, zeigen die Zahlen bei Handelsfirmen. Im Textilhandel schafft nach einer Umfrage des Handelsverbands Deutschland (HDE) ein Fünftel der Unternehmen nicht mehr als 25 Prozent der Erlöse des Vorjahreszeitraums.

"Die Wochen, in denen die Läden geschlossen waren, müssen wir abschreiben. Den Umsatz werden wir nicht mehr zurückbekommen. Wir stehen vor einer unglaublichen Belastungsprobe", sagt s.Oliver-Chef Lahrs. Mit Anrufen bei Stammkunden, Newslettern und Videos der neuen Kollektionen will der Manager die Kunden nun anlocken.

Bis zu 36 Milliarden Euro Umsatzausfall für 2020 erwartet

Gerrit Heinemann, Professor für Management und Handel an der Hochschule Niederrhein, hat die Wirkung der Krise auf die Filialen des Non-Food-Einzelhandels berechnet. "Bisherige Prognosen von 64.000 Geschäftsaufgaben bis 2030 werden sich bereits dieses Jahr erfüllen" sagt Heinemann. "Es könnten sogar 200.000 werden."

Die Lockerungen haben ihm zufolge noch nicht viel bewirkt. Während der Ladenschließungen von Mitte März bis zur vorletzten Aprilwoche haben Einzelhändler in Deutschland nach Heinemanns Berechnungen 9,6 Milliarden Euro Umsatz eingebüßt. Mit der Öffnung der ersten Läden im April habe sich der Rückgang bis jetzt auf 12,1 Milliarden Euro summiert, insgesamt fünf Prozent der Gesamtumsätze.

Bis Jahresende schätzt Heinemann den Umsatz der Händler um 24 bis 36 Milliarden Euro unter Vorjahr. Denn die Hygieneauflagen, unter denen die Läden nun erst wieder öffnen dürfen, verderben womöglich vielen die Kauflaune: Maskenpflicht, Abstandsstreifen auf dem Boden, Plexiglasschutz an den Kassen, Zugangsbeschränkungen. Je nach Bundesland darf sich nur ein Kunde auf zehn oder zwanzig Quadratmeter Ladenfläche aufhalten.

"Wir sehen angesichts der vielen ungewohnten Regeln eine große Verunsicherung bei den Kunden", sagt s.Oliver-Chef Lahrs, der dennoch registriert, dass seine Kunden in den Läden auch kaufen. Etlichen Firmen geht es anders. Mancher Kunde bricht den Kauf ab, weil er auf Einlass warten muss. Durch die Shoppingcenter liefen manche Menschen, ohne etwas zu kaufen, andere kauften nur schnell, was sie benötigen, sagt Harald Ortner. Der Vorstand des German Council of Shopping Places, dem Verband von Handels- und Immobilienfirmen, beklagt: "Es fehlt das Bummeln und der Einkaufseffekt daraus."

"Für Textilfirmen wird es noch hammerhart"

Große Ketten haben derzeit aus Sicht von Experten die besten Chancen, weil sie meist finanzstärker sind. Der Möbelkonzern Ikea hat hierzulande etwa durch die Schließungen seiner Läden rund 90 Prozent Umsatz verloren, online ist der Konzern noch schwach aufgestellt. Seit vergangener Woche sind die Hälfte der 53 Läden in Deutschland geöffnet, weitere folgen jetzt.

"Im Moment atmen manche Firmen auf, weil sie ihre Filialen wieder öffnen dürfen. Doch gerade für Textilfirmen wird es noch hammerhart", warnt Heinemann. Bei diesen Händlern türmen sich die unverkauften Frühjahrskollektionen, während die Sommerware kommt und die für den Herbst schon bestellt werden muss. Doch es werde noch schlimmer, glaubt Heinemann: "Es schiebt sich ein regelrechter Tsunami auf die Branche zu, der sie Ende September treffen wird."

Dann ist die Pflicht zum Insolvenzantrag für Firmen in finanzieller Schieflage wieder in Kraft, die derzeit wegen der Krise ausgesetzt ist. Zugleich müssten die angehäuften Mietschulden dann meist beglichen und die bestellten Waren für die nächste Saison bezahlt werden. "Da kommt alles zusammen für den Bekleidungshandel", sagt er Handelsexperte.

Obendrein kippt die Stimmung der Konsumenten. 17 Prozent der von der Unternehmensberatung McKinsey zwischen dem 30. April und dem 3. Mai befragten Menschen erwartet eine lang anhaltende Rezession, Mitte April waren nur 13 Prozent so pessimistisch. 41 Prozent der Befragten wollten abgesehen von Lebensmitteln weniger einkaufen. Mehr als die Hälfte der Menschen sei sehr bis extrem besorgt über die Situation der deutschen Wirtschaft.

Elektronik und Küchenequipment sind die Renner

Wie die Menschen jetzt konsumieren, bietet einen Einblick in die vom Virus getroffenen Kundenseelen. Ältere Kunden kämen vor allem in die kleineren Filialen, wohl um sich endlich wieder zu unterhalten, berichten Händler. Unterhaltungselektronik ist gerade der Renner, wohl für diejenigen, die sich plötzlich rund um die Uhr daheim der Unbill der Technik ausgesetzt sehen. Auch Kochutensilien finden guten Absatz für die zwangsweise zum eigenen Restaurantkoch aufgestiegenen Homeoffice- und Kurzarbeiter.

Auch der Baby- und Kinderausstatter Babyone kann sich über ein Umsatzplus zum Vorjahr in den vergangenen drei Wochen in Läden und Webshop freuen. Gern gekauft werden derzeit auch Fahrräder. "Wir machen gute Geschäfte auch in den Filialen", sagt Marcus Diekmann, Geschäftsführer beim Fahrradhändler Rose Bikes. Die Firma macht den Großteil des Geschäfts längst im Internet. In den Filialen liege der Umsatz dennoch 50 Prozent über dem Vorjahr in den vergangenen zwei Wochen. Viele andere Händler dagegen leiden, oft mit eher dürftigen Onlineshops ausgestattet.

Die Not schweißt zusammen. Nie zuvor haben Einzelhändler sich so eng verzahnt. Bei der im März gegründeten Initiative "Händler helfen Händlern", der sich mittlerweile 2500 Firmen angeschlossen haben, suchten sie gemeinsam im April nach neuen Geschäftsmodellen.

Doch was, wenn bei steigenden Infiziertenzahlen ein zweiter Lockdown folgt? s.Oliver-Chef Lahrs schiebt das Thema lieber weg. "Wir gehen nicht davon aus, dass es einen zweiten Lockdown in dieser Form geben wird. Der erste war brutal", sagt er. Jetzt könne man differenzierter reagieren. Was kommt, darauf kann auch er sich jedoch nicht einstellen. "Jede Planung, die man jetzt versucht, kann je nachdem wie sich das Virus entwickelt, gleich wieder Makulatur sein."