Nach der Wiedereröffnung Kommt kein Mann in eine Bar

In den meisten Bundesländern dürfen Bars und Kneipen wieder öffnen. Doch das hilft kaum - drinnen fehlt Platz, draußen kaufen die potenziellen Gäste am Kiosk. Nun fordern erste Betreiber, alle Läden wieder zu schließen.
Die Hamburger Reeperbahn nach den jüngsten Lockerungen: viel ist noch nicht los

Die Hamburger Reeperbahn nach den jüngsten Lockerungen: viel ist noch nicht los

Foto: Miguel Ferraz

Wenn es so wäre wie immer, dann wäre es voll im Saal II. Dann würden abends Menschen mit Bier und Whisky Sour an den Tischen und auf Barhockern sitzen, draußen und drinnen würden sie über die Musik hinwegreden und sich zuprosten. Feiernde und Familien würden am Wochenende zum Frühstück kommen und in den vielen ausgelegten Zeitungen blättern.

Doch an diesem Freitagabend vor Pfingsten sitzt Oliver Hörr fast allein in seiner Bar in der Hamburger Sternschanze. In der Coronakrise ist es der zweite Tag seit der Wiedereröffnung, die seit dem 13. Mai für Kneipen in Hamburg erlaubt ist. Durch das geöffnete lange Fenster neben der Tür strömt Frühlingsluft, hinter dem weiß gefliesten Tresen steht eine Angestellte mit Mundschutz, drinnen und draußen sitzen nur wenige Gäste an den Tischen. Wer reinkommt, muss seine Kontaktdaten auf einem Zettel am Tresen hinterlassen.

Auch wenn er öffnen darf, ist für Hörr die Krise noch lange nicht vorbei. So wie für die meisten Gastronomen. Die Umsätze brechen ein, die Schließung können die wenigsten einfach wegstecken. Doch für Bars und Kneipen sieht es besonders schlecht aus.

In einigen Bundesländern dürfen sie gar nicht öffnen. Und in denen, in denen sie öffnen können, lohnt es sich fast nie. Von der Mehrwertsteuersenkung für Speisen profitieren sie kaum bis gar nicht. Und die Räumlichkeiten der oft kleinen Betriebe sind häufig nicht groß genug, um bei den Abstandsregeln viele Gäste einzulassen. Bars leben davon, voller Menschen zu sein.

Fotostrecke

Auf der Reeperbahn abends um halb elf: Hamburgs Kneipen öffnen wieder

Foto: Miguel Ferraz

Barbesitzer aus ganz Deutschland erzählen, zum Teil am Telefon, wie sehr sie unter der Situation leiden. Mal muss mehr Personal eingestellt werden, das Gäste am Tisch bedient oder große Gruppen am Einlass hindert. Mal ist schon die Finanzierung von Plexiglas-Absperrungen ein Problem. Kneipen, die von Touristen abhängen, können teils nicht einmal die wenigen Plätze füllen. Auf dem Land bangen einige Dorfkneipen, die hauptsächlich vom Ausrichten von Geburtstagen oder Hochzeiten leben, um ihre Existenz.

Der Konkurrenzdruck kehrt zurück - die Probleme bleiben

"Das Konzept Bar funktioniert so nicht", sagt Barbesitzer Hörr. Er hat den Saal II im Jahr 1995 übernommen. Hörr hat Verständnis dafür, dass das Coronavirus bekämpft werden muss, aber die Abstandsregeln verhindern, dass er die Bar zu dem machen kann, was sie sein soll: ein Ort der Begegnung. "Alles, was soziale Kontakte ausmacht, wird unterbunden", sagt er.

Barbesitzer Hörr: "Das Konzept Bar funktioniert so nicht"

Barbesitzer Hörr: "Das Konzept Bar funktioniert so nicht"

Foto: Miguel Ferraz

Dazu sind die finanziellen Folgen der Verordnungen kaum zu stemmen. Weil nur noch maximal zwei Haushalte an einem Tisch sitzen dürfen und zwischen den Tischen 1,5 Meter Abstand sein muss, blieben ihm von 64 Plätzen drinnen nur noch maximal 25, sagt er, bei schlechtestmöglicher Belegung nach der Zwei-Haushalte-Regel nur 12. Wenn Hörr recht behält, steht unter dem Strich am Ende des Monats ein Minus von 3500 Euro. Sein eigenes Gehalt ist dabei nicht mit eingerechnet, er hat Grundsicherung beantragt.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Facebook, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Dass er trotzdem probeweise wieder aufmacht, liegt zum einen an einer Bitte der Mitarbeiter – zum anderen sagt Hörr, es gebe einen Druck, zu öffnen. "Je länger du weg bist, desto mehr breitet sich so was wie der Kiosk nebenan aus, weil der immer verkaufen darf und die Leute dann zu Hunderten draußen stehen können."

Draußen sieht es aus, als sei Corona schon vorbei

Das tun sie auch jetzt schon: Auf dem Platz gegenüber vom Saal II könnte man meinen, Corona sei vorbei. In großen Gruppen tummeln sich junge Menschen, Kellner anderer Kneipen und Restaurants tragen die Masken unter der Nase oder gar nicht, an einen Abstand von 1,5 Metern ist nicht zu denken. Immer wieder schlendern Polizisten durch die Menge, Ausweise kontrollieren sie offenbar nur eine Straßenecke weiter. In der Traube erzählt eine Gruppe von drei Mittzwanzigerinnen, die Polizisten hätten sie nur kurz gefragt, ob sie zusammenwohnen würden und seien dann weitergegangen.

Draußen ist vieles erlaubt und wird noch mehr geduldet – drinnen bei den Kneipenbetreiberinnen und Barbesitzern herrscht hingegen häufig Unklarheit.  Vieles habe man nicht auf Anhieb verstehen können, einen direkten Ansprechpartner gebe es nicht, erzählt Hörr. Und so telefonieren sich Gastronomen durch die Ämter, um herauszufinden, wie sie die Zwei-Haushalte-Regel kontrollieren sollen oder wie lange sie die Zettel der Kontaktdaten ihrer Gäste aufbewahren müssen und dürfen.

Geschlossen, weil "Bar" auf dem Schild steht

Jimmy Jamal Abboud musste erst mal herausfinden, ob er überhaupt öffnen darf. Denn den Besitzer der Bar Jimmy’z betrifft eine Hamburger Besonderheit. "Alle halten die gleichen Regeln ein, aber wir müssen geschlossen bleiben, weil wir Bar auf dem Schild stehen haben”, erzählt er am Telefon.

Barbesitzer Abboud: Wegen einer Hamburger Besonderheit ist sein Laden noch zu

Barbesitzer Abboud: Wegen einer Hamburger Besonderheit ist sein Laden noch zu

Foto: Miguel Ferraz

Offiziell dürfen Bars in Hamburg nicht öffnen. Eine Bar unterscheidet sich von einer Kneipe, die vor allem Getränke ausschenkt und teilweise Essen anbietet, durch den Unterhaltungscharakter - sie hat zum Beispiel eine Tanzfläche oder Shisha-Pfeifen. In der Praxis durchmischen sich die Konzepte aber: Der Saal II nennt sich selbst Bar, hat aber eine Lizenz für eine Schankwirtschaft, also Kneipe. Das Jimmy’z gilt als Bar. Am Samstag soll dort ein Konzert stattfinden, ohne Gäste, die können über Facebook live zuschauen.

Während in Kneipen der Ausschank von Getränken im Vordergrund steht, haben Bars oft einen Unterhaltungscharakter. In einigen wird getanzt, in anderen Shisha geraucht. In der Praxis ist diese Unterscheidung jedoch nicht immer trennscharf.

Auch Alexander Sporys darf seine Bar Gelb nicht öffnen, denn die Cocktailbar steht in Potsdam. Und in Brandenburg dürfen nur Bars öffnen, die gleichzeitig auch Speisen anbieten. "Das versteht doch niemand, warum alle offen haben und wir geschlossen bleiben müssen”, sagt er. Er sei sich nicht sicher, ob er bei einer Öffnung wieder genug Umsatz machen würde, wolle es aber ausprobieren. Die Bar ist groß, sie könnten auch mit Abstandsregeln 20 bis 25 Tische aufstellen.

Sporys versucht nun, Panini anzubieten, um öffnen zu dürfen. Denn die Nachos mit Käse, die es in der Bar schon immer gab, zählen die Behörden nicht als "Speise”. Doch die Genehmigung für den dafür nötigen Kontaktgrill stehe schon seit Wochen aus, sagt er. Solange beschränkt er sich auf einen Außer-Haus-Verkauf von Cocktails. Und auf die staatlichen Gelder. Mit denen soll es noch für ein bis zwei Monate reichen.

DER SPIEGEL

Bei Barbesitzer Hörr in Hamburg sind die Gelder der Soforthilfen schon aufgebraucht. Bald sollen neue kommen: Die Bundesregierung will der Gastronomie in ihrem Konjunkturpaket nochmals unter die Arme greifen, für die Monate Juni bis August kann ein kleiner Laden bis zu 9000 Euro beantragen. Hörr ist skeptisch. "Das zahlt ja noch nicht mal die Mieten für die meisten Läden", sagt er. Schon jetzt gingen viele Barbesitzer an ihre private Altersvorsorge, behauptet er. Eine andere Barbesitzerin bestätigt das später.

"Wir brauchen jetzt eine Perspektive", fordert Hörr. "Das wird sicher noch drei Monate gehen, wahrscheinlich bis Ende des Jahres." Auch der Branchenverband Dehoga fordert, die Überbrückungshilfen auf sieben Monate auszuweiten. Gerade, weil die Branche besonders betroffen sei. Hörr wünscht sich etwas anderes: Der Staat solle die Läden wieder schließen, solange die Hygieneregeln gelten, weil ein richtiger Barbetrieb nicht möglich und das derzeitige Geschäft defizitär sei. Oder zumindest alle Fixkosten übernehmen. Sonst müsse er seinen Laden dicht machen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.