Corona-Hilfen für Firmen "Bevor die das alles bearbeitet haben, sind wir tot"

Die Politik will der Wirtschaft mit Krediten durch die Coronakrise helfen. Doch Unternehmer fürchten, dass das Geld zu spät fließt - kann den Firmen rechtzeitig geholfen werden?
Leere Stühle vor einem Hamburger Café: Die Einnahmen wurden pulverisiert

Leere Stühle vor einem Hamburger Café: Die Einnahmen wurden pulverisiert

Foto: Daniel Reinhardt/ DPA

Auf den Bundeswirtschaftsminister ist Dietmar Wegner nicht gut zu sprechen. "Ich empfinde es als Schlag ins Gesicht", sagt der Unternehmer über eine Aussage von Peter Altmaier (CDU): Die Regierung werde alles tun, damit trotz Coronakrise "kein einziger Arbeitsplatz" verloren gehe. "Wir mussten schon den ersten Leuten kündigen, alle Mitarbeiter sind in Kurzarbeit", erzählt Wegner. "Es gibt eine riesige Kluft zwischen den Ankündigungen der Politik und der Realität."

Wegner heißt eigentlich anders und leitet ein mittelständisches Gastronomieunternehmen in Berlin. Es hat mehrere Filialen, mehr als hundert Mitarbeiter und einen Umsatz im niedrigen zweistelligen Millionenbereich.  Und es hat - wie Zigtausende Firmen im ganzen Land – gerade massive Probleme.

Das Geschäft in den Filialen sei wegen der behördlich verordneten Einschränkungen um mehr als 75 Prozent eingebrochen, berichtet Wegner. "Unser Cashflow wurde von jetzt auf gleich pulverisiert." Zwar beliefert der Betrieb auch Firmenkunden. Doch auch um dieses Geschäft fürchtet er - weil es bald auch bei Paketlieferungen zu Einschränkungen kommen könnte.

In dieser Lage klingt ein Versprechen der Politik verlockend. Altmaier und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) haben Firmen, die von der Coronakrise betroffen sind, Ende vergangener Woche Kredite in unbegrenzter Höhe zugesagt. Sie werden über die Staatsbank KfW vergeben, Scholz bezeichnete sie wegen ihres Umfangs als "Bazooka". Zuvor hatte bereits Berlins landeseigene Investitionsbank IBB Liquiditätshilfen für Unternehmen in der Coronakrise angekündigt.  

Wegner und seine Kollegen griffen nach dem Strohhalm. Schon kurz nach Ankündigung der Hilfen wandten sie sich an die IBB und an ihre Hausbanken, die als Finanzierungspartner der KfW dienen. Die Antwort enttäuschte sie.

Wer hat jetzt schon Zwölfmonatspläne?

Die geforderten Unterlagen waren umfangreich, bei der IBB verlangte man sogar eine Liquiditätsplanung für die kommenden zwölf Monate. Dabei wissen viele Firmenbesitzer derzeit nicht mal, was die nächsten Tage bringen. "Sie wollen Dokumente, die zurzeit kein Kaufmann mit einem letzten Rest von Realitätsbezug beibringen kann", kritisiert Wegner. Zugleich sei signalisiert worden, dass die Bearbeitung wegen einer Flut von Anträgen lange dauern könnte. "Bevor die das alles bearbeitet haben, sind wir tot."

Auch sonst ist der Unternehmer wenig überzeugt von den bisherigen Hilfen. Zwar sieht das Paket der Bundesregierung auch Stundungen von Steuervorauszahlungen vor, doch diese müssen beantragt werden. "Unser Finanzamt hat gerade noch versucht abzubuchen", berichtet Wegner. Man habe deshalb die Lastschrift widerrufen. "Das ist etwas, das man als Unternehmer normalerweise nicht macht."

Geradezu als Hohn empfindet Wegner den Vorschlag, Unternehmen sollten ihre Vermieter um Mietminderungen bitten. "Die werden einen Teufel tun. Einige warten geradezu auf die Möglichkeit, Kündigungen auszusprechen."

Mit seiner Kritik ist Wegner nicht allein. Er ärgere sich "zunehmend über die Aussagen der Politik, die von der Realität weit entfernt sind", sagt ein Bankmitarbeiter, der fürs Kreditgeschäft zuständig ist. Der Antragsweg sei auch für die KfW-Programme "recht komplex, und hier müssen die Antragsteller umfangreiche Unterlagen einreichen, über die ein Kleinunternehmer in aller Regel nicht verfügt". Betrage die Finanzspritze beispielsweise 50.000 Euro, stehe "der Arbeitsaufwand in keinem Verhältnis zum Volumen".

Zudem habe die Bearbeitungszeit schon vor der Coronakrise im Schnitt drei Wochen betragen, erzählt der Banker. "Diese dürfte sich bei einem Ansturm auf die Programme deutlich verlängern."

Soll jetzt Milliarden verteilen: Die KfW-Zentrale in Frankfurt (Archivbild)

Soll jetzt Milliarden verteilen: Die KfW-Zentrale in Frankfurt (Archivbild)

Foto: A3796 Uwe Anspach/ dpa

Die Bundesregierung räumt Anlaufschwierigkeiten ein. "Manches wird möglicherweise nicht ganz reibungslos und in Sekundenschnelle erledigt werden", sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer. Auch im Finanzministerium würde man sich über schnellere Abläufe bei der KfW freuen. Allerdings wird dort auch darauf hingewiesen, dass das Hilfsprogramm erst am Freitag vorgestellt wurde und seitdem schon präzisiert worden sei.

Die KfW hatte nach Beratungen mit der Kreditwirtschaft am Mittwoch weiterführende Informationen für Banken  veröffentlicht. Dazu gehört die Entscheidung, bei Krediten bis zu drei Millionen Euro auf eine eigene Risikoprüfung zu verzichten und stattdessen die Bewertung der Bank zu übernehmen.

"Wir gehen davon aus, dass 90 Prozent der Antragsteller weniger als drei Millionen wollen", sagt KfW-Sprecherin Alia Begisheva. Die Regelung bedeute deshalb "viel weniger Papier". Die Banken entscheiden selbst, wie umfangreich sie die Anträge prüfen. Laut KfW dürften sie aber in der Regel nur zwei Dokumente verlangen: einen Jahresabschluss und eine Betriebswirtschaftliche Auswertung (BWA). Die Unterlagen seien bei langjährigen Kunden meist vorhanden und ansonsten schnell zu besorgen.

Der Staat soll noch mehr riskieren

Wegner befürchtet, dass ihm die KfW-Kredite trotz dieser Vereinfachung verweigert würden. Denn die vermittelnde Hausbank soll trotz einer deutlich erhöhten Staatshaftung immer noch 20 Prozent des Risikos übernehmen. "Das werden die nicht machen", glaubt Wegner. Schließlich seien die Ausfallrisiken für Banken in der jetzigen Krise ohnehin massiv gestiegen.

Auch bei der Berliner Investitionsbank IBB findet man, dass der Bund noch stärker ins Risiko gehen müsste. "Eine Ausweitung des Bürgschaftsrahmens durch den Bund von 80 auf mindestens 90 Prozent erwarten nach unserer Kenntnis die Geschäftsbanken", sagt Sprecher Jens Holtkamp. Das eigene Liquiditätsprogramm sei ein "enormer Kraftakt" gewesen. Nun bekomme man über eine Hotline täglich mehr als 600 Anrufe von "verzweifelten Unternehmern".

Bei der KfW wird tatsächlich an einem weiteren Programm gearbeitet, bei dem der Staat 90 Prozent des Risikos übernehmen könnte. Es soll auch Antragstellern helfen, die nach derzeitigem Stand keinen Kredit bekommen würden. Für sogenannte Solo-Selbstständige plant der Bund nach SPIEGEL-Informationen zudem ein 40-Milliarden-Rettungspaket, von dem ein Teil als direkte Zuschüsse fließen soll.

"Es dauert einfach ein bisschen", sagt KfW-Sprecherin Begisheva über die Planungen. Derzeit stellt die Staatsbank ihre Systeme auf die neuen Programmbedingungen um, bis Mitte April soll das erledigt sein. Zusätzliches Personal ist für die Riesenaufgabe nicht eingeplant. Immerhin sollen die Corona-Hilfen aber künftig in der gesamten Bank Priorität haben.

Unternehmer Wegner allerdings ist mit seiner Geduld schon jetzt am Ende. "Die Politik muss realisieren, dass bestimmte Antragsprozedere nicht mehr funktionieren", sagt er.

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