Coronakrise Luftfahrtbranche will weitere Milliardenhilfen vom Bund

Lufthansa hat in nur einem Quartal fast zwei Milliarden Euro Verlust gemacht, die Luftfahrt leidet weiter unter der Coronakrise. Auf einem Krisengipfel soll es um weitere Hilfen für unter anderem Flughäfen gehen.
Lufthansa-Maschinen in Frankfurt: Nur wenig ausgelastet

Lufthansa-Maschinen in Frankfurt: Nur wenig ausgelastet

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RONALD WITTEK/EPA-EFE/Shutterstock

Im Sinkflug? Am Boden? In schweren Turbulenzen? Oder gar Absturz? Um die Lage der Lufthansa in der Coronakrise zu beschreiben, gibt es viele abgegriffene Sprachbilder aus dem Bereich der Luftfahrt. Klar ist eines: Die Situation ist ernst. Der Geschäftsrückgang und die Stilllegung vieler Flugzeuge bedeutet für Lufthansa einen noch deutlich höheren Milliardenverlust als erwartet. Deutschlands größte Fluggesellschaft meldete für das dritte Quartal 2020 ein Minus von fast zwei Milliarden Euro.

Zu 1,3 Milliarden Euro Verlust im operativen Geschäft kamen bei Lufthansa noch Abschreibungen auf stillgelegte Passagierjets und Finanzgeschäfte zur Absicherung der Treibstoffpreise hinzu. Angesichts der schwachen Ticketnachfrage wegen der Corona-Pandemie will der Konzern im vierten Quartal weiterhin höchstens ein Viertel der Vorjahreskapazität anbieten.

Auf einem Luftverkehrsgipfel will die Bundesregierung am Freitag über die Zukunft der mit am schwersten von den Corona-Schließungen betroffenen Branche diskutieren. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer plant bereits ein eine Milliarde Euro schweres Rettungspaket. Der CSU-Politiker sagte, er sei zu den Nothilfen auch im Gespräch mit Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD). Und: "Die Zeit drängt", Strukturen müssten erhalten werden.

Die Branche macht vor der Besprechung Druck - und verlangt noch mehr Geld. Nach den Fluggesellschaften müssten nun die Flughäfen und die bundeseigene Deutsche Flugsicherung mit Steuergeldern saniert werden, verlangen Vertreter von Branchenverbänden, die an der für Freitag in Berlin geplanten Sitzung teilnehmen. Außerdem müssten Perspektiven für einen pandemie-sicheren Luftverkehr geschaffen werden.

Umweltschützer gegen bedingungslose Hilfen

"Es darf nicht zu irreparablen Strukturbrüchen kommen", sagte der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes BDL, Matthias von Randow. "Wir stehen mit dem zweiten faktischen Lockdown vor dem Abbau von Arbeitsplätzen. Von rund 260.000 Arbeitsplätzen allein bei den deutschen Airlines und an den Flughäfen sind akut rund 60.000 bedroht." Die Unternehmen müssten sich wegen des Nachfrage-Einbruchs massiv verschulden. Das schwäche die Kraft für Investitionen, beispielsweise zur Digitalisierung oder für sparsamere neue Flugzeuge.

Die Politik müsse den Flughäfen als "wichtiges Zeichen und ersten Schritt" die Kosten erstatten, die im ersten Lockdown durch das Offenhalten der Infrastruktur entstanden seien, sagte Ralph Beisel vom Flughafenverband ADV. Es gehe bei diesen Vorhaltekosten um die Summe von 740 Millionen Euro, die vor allem kleinen und mittleren Flughäfen zugutekommen würde. Anschließend müsste überlegt werden, wie die Flughäfen dauerhaft von hoheitlichen Kosten entlastet werden könnten, die in anderen europäischen Ländern vom Staat bezahlt würden. Verhandelt werden soll auch über die Beteiligung der Länder, die häufig gemeinsam mit Anrainer-Kommunen Eigentümer der Flughafenbetreiber sind. Niedersachsen beispielsweise unterstützt den Scheuer-Plan zur Erstattung der Vorhaltekosten und deutet Hilfe für den Flughafen Hannover an.

Die bundeseigene Deutsche Flugsicherung GmbH indes könnte wegen der Gebührenausfälle in Liqiditätsprobleme geraten. DFS-Chef Klaus-Dieter Scheurle hatte die Umsatzausfälle bis 2025 auf bis zu zwei Milliarden Euro beziffert. Trotz eines neuen Schuldscheindarlehens über 500 Millionen Euro und Sparmaßnahmen bleibt bei der Gesellschaft ein Hilfsbedarf, den der BDL auf 1,2 Milliarden Euro beziffert hat. Hier müsse der Bund als Eigentümer einspringen: "Sonst müssten beim zarten Wiederanlauf des Flugverkehrs unrealistisch hohe Gebühren erhoben werden, was von den Fluggesellschaften gar nicht zu stemmen wäre", sagte von Randow.

Umweltschützer warnten vor einer unüberlegten Milliardenrettung der angeschlagenen Branche. Überkommene Strukturen dürften nicht gestützt werden, teilte der ökologisch orientierte Verkehrsclub VCD mit. "Statt Flughäfen weiter auszubauen und weitere Gelder in bereits vor der Pandemie unrentable Regionalflughäfen zu versenken, braucht es einen sozialverträglichen Umbau in Richtung des Umweltverbundes", sagte VCD-Präsidentin Kerstin Haarmann. Bedingungslose Hilfen, wie sie die Bundesregierung der Lufthansa bereits gewährt hat, dürfe es nicht mehr geben. Sie müssten an den Klimaschutz gekoppelt werden.

apr/dpa
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