Coronakrise Tourismusbranche fürchtet Massenarbeitslosigkeit

Fast elf Milliarden Euro Umsatz gehen der deutschen Reisebranche allein bis Mitte Juni verloren, bis zu einer Million Menschen drohe die Arbeitslosigkeit, warnt der Branchenverband.
In Kühlungsborn in Mecklenburg-Vorpommern haben die ersten Restaurants am Strand wieder geöffnet

In Kühlungsborn in Mecklenburg-Vorpommern haben die ersten Restaurants am Strand wieder geöffnet

Foto: Jens Büttner/ dpa

Die Reisebranche in Deutschland sieht sich wegen der Coronakrise vor einem Kollaps. Für konkrete Zahlen sei es wegen der aufgeschobenen Anmeldefrist für Insolvenzen noch zu früh, sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW), Michael Frenzel, der "Welt am Sonntag". "Aber wir haben Umfragen unter den knapp 11.000 Reisebüros und rund 2300 Veranstaltern gemacht. Danach sehen sich zwei Drittel der Unternehmen kurz- bis mittelfristig von Insolvenz bedroht."

Nach BTW-Schätzung sind in der Gesamtbranche inklusive des Gastgewerbes bis zu einer Million Menschen von Arbeitslosigkeit bedroht. "Rund 70 Prozent erhalten jetzt schon Kurzarbeitergeld", sagte Frenzel.

Die wirtschaftliche Lage der Branche habe sich katastrophal verschärft. "Nicht nur verlieren wir fast elf Milliarden Euro Umsatz bis Mitte Juni. Verschärfend kommt dazu, dass weitere drei bis vier Milliarden Euro Rückerstattungsansprüche von Kunden geltend gemacht werden", sagte Frenzel. "Wir dürfen den drohenden Kollaps der Branche nicht hinnehmen."

Er wies darauf hin, dass die Tourismusindustrie in Deutschland für drei Millionen Arbeitsplätze und vier Prozent der Wirtschaftsleistung stehe. "Damit stehen wir von der Bedeutung her auf Augenhöhe mit der Autoindustrie und den Maschinenbauern."

Frenzel pocht auf eine Gutscheinlösung für die Rückerstattungsforderungen der Kunden. Einschließlich einer Härtefallregelung und einer staatlichen Absicherung gegen Veranstalterinsolvenzen sei diese Lösung "absolut notwendig und vertretbar". Die ablehnende Haltung der EU-Kommission in dieser Frage halte er für "einen Skandal".

Die Bundesregierung wollte es Fluggesellschaften und Reiseveranstaltern ursprünglich ermöglichen, ihre Kunden in der Coronakrise nicht mit der Rückzahlung des Kaufpreises für stornierte Leistungen, sondern lediglich mit einem Gutschein zu entschädigen. Die EU-Kommission lehnt eine solche Regelung aber ab und verweist auf das EU-Recht, wonach ein Wahlrecht besteht.

Schwesig fordert 1000 Euro Zuschuss pro Mitarbeiter

Zur Rettung der angeschlagenen Branche forderte indes Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) einen Zuschuss von 1000 Euro pro Mitarbeiter. "Wir brauchen dringend ein Konjunkturprogramm für die Tourismusbranche", sagte sie der "Bild am Sonntag". Kaum ein Wirtschaftszweig sei zuletzt so schwer getroffen worden wie der Tourismus. "Und es ist erkennbar, dass die Branche noch eine Weile mit Einschränkungen leben muss", sagte Schwesig.

Der Reiseveranstalter TUI will möglichst bald aber auch wieder Urlaubsreisen in den Mittelmeerraum anbieten. Die bis zum 14. Juni gültige generelle Reisewarnung des Auswärtigen Amts halte er "nicht für richtig", sagte TUI-Chef Friedrich Joussen der "Bild am Sonntag". Besser wäre aus seiner Sicht "für jedes Land beziehungsweise jede Region eine individuelle Bewertung".

Erste Kreuzfahrten wieder ab Juli?

Einen solchen "Gesundheitscheck" habe sein Konzern für alle Urlaubsziele ausgearbeitet. "Wir werden Urlaub nur dort anbieten, wo er auch sicher ist, so Joussen. An erster Stelle stehe "sicherlich Mallorca". "Die Hotels dort haben einen Probelauf gemacht, können sofort starten und Gäste aufnehmen", sagte Joussen. Ähnlich gut seien Griechenland, Zypern, Kroatien und Bulgarien auf den Sommertourismus vorbereitet, aber auch Österreich und Dänemark.

Im Flugzeug hält Joussen das Tragen einer Gesichtsmaske für richtig. "Es wird keine langen Warteschlangen geben können, dafür Temperaturmessungen, wo es die Flughäfen anbieten."

Auch auf den Kreuzfahrtschiffen von TUI soll es Kontrollen geben. "Wir sind ab Juli bereit, brauchen aber wie bei Flügen die Genehmigung der Behörden. Die Kapitäne erarbeiten neue Routen in Nord- und Ostsee. Es wird mehr Seetage geben, viele lieben die echte Erholung auf dem Wasser. Vermutlich reisen am Anfang maximal bis 1000 Gäste auf einem Schiff." An Bord sollen Corona-Testgeräte sein, das Gesundheitspersonal im Bordhospital werde aufgestockt.

ele/AFP/dpa

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.