Kleinunternehmer und Freiberufler "Ich habe schon Angst, mich in der Konditorei anzustecken"

Kurzarbeit und KfW-Kredite sollen in der Krise helfen. Doch lange werden Ladenbesitzer, Fitnessstudios oder Fotografen nicht durchhalten. Elf Protokolle der Unsicherheit.

In der Coronakrise schränkt Deutschland das öffentliche Leben drastisch ein. Zahlreiche Geschäfte und Einrichtungen werden geschlossen, Zusammenkünfte untersagt, der Tourismus komplett heruntergefahren. Für die gesamte Bevölkerung bedeutet das vorerst den Abschied vom gewohnten Alltag - doch für sehr viele Menschen sind die Einschränkungen weit mehr: eine Bedrohung ihrer wirtschaftlichen Existenz.

Schon ein unvollständiger Überblick macht die Dimensionen deutlich:

  • Der betroffene Teil des Einzelhandels - ohne Lebensmittel, Drogerien, Tankstellen und Apotheken - beschäftigt laut dem Branchenverband HDE 1,8 Millionen Menschen in 300.000 Läden, macht einen Umsatz von 350 Milliarden Euro im Jahr. "Die Ladenschließungen sorgen jeden Tag für Umsatzausfälle in Höhe von 1,15 Milliarden Euro", sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Allein im stationären Buchhandel arbeiten 27.500 Menschen in 4500 Läden und erwirtschaften 4,4 Milliarden Euro.

  • Das Gastgewerbe in Deutschland hat mehr als 2,4 Millionen Beschäftigte. Hotels, Gaststätten und Caterer setzten 2018 fast 90 Milliarden Euro um.

  • In der Fitnessbranche sind 217.400 Menschen beschäftigt, in knapp 9700 Studios mit rund 5,5 Milliarden Euro Umsatz.

  • Allein in den rund 11.000 Reisebüros und bei etwa 2300 Reiseveranstaltern arbeiten in Deutschland fast 71.400 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte.

  • In den Theatern, Opern- und Konzerthäusern, bei Festspielen und Tourneen sind insgesamt rund 77.000 Menschen beschäftigt.

Entsprechend dringend klingen die Hilferufe der Branchenverbände: Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) fordert ebenso wie der HDE oder der Buchhandelsverband einen staatlichen Nothilfefonds und schnelle direkte Finanzhilfen für die Unternehmen, deren Umsätze nun fast vollständig wegbrechen.

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Besonders hart treffen die drastischen Einschränkungen die kleinen inhabergeführten Läden sowie Freiberufler, aber auch manches familiengeführte Traditionshaus mit mehreren Hundert Mitarbeitern. Die Umsätze brechen bei Weitem nicht nur jenen weg, die ihren Laden nun schließen müssen, sondern auch Handwerkern und Händlern, die weiter geöffnet haben.

Das machen Gespräche deutlich, die SPIEGEL-Redakteure mit zahlreichen kleinen Unternehmerinnen und Unternehmern geführt haben, in Metropolen wie in der deutschen Provinz:

Foto: Alexander Kühn/ DER SPIEGEL

Frank Masmann, 53, Schuster aus Hamburg

Ich habe meinen Laden am Dienstagmorgen ganz normal aufgemacht, als Handwerker und Dienstleister darf ich das noch. Ich fühle mich meinen Kunden verpflichtet, die meisten sind Stammkunden, ältere Leute. Außerdem arbeite ich auf Vorkasse: Wer seine Schuhe bei mir abgegeben hat, soll sie auch zurückbekommen.

Aber ich weiß nicht, wie lange ich noch hier bin. An guten Tagen habe ich zwanzig Kunden, zurzeit sind es eher fünf. Um die Kosten für meinen 30-Quadratmeter-Laden zu decken, muss ich täglich 200 Euro Umsatz machen. Im Moment komme ich vielleicht auf 100 Euro. Sobald ich auf 50 abrutsche, werde ich zu Hause bleiben, aber dann gehen die Probleme erst los.

Meine Frau arbeitet als Chemielaborantin nur drei Tage die Woche, das reicht nicht für uns beide und unser Kind. Wir haben vor elf Jahren ein Haus gebaut, bezahlen immer noch ab. Schuster ist kein Beruf mit Zukunft, die jungen Leute tragen nur noch Sneaker, und wenn die nichts mehr taugen, fliegen sie in den Müll.

Mit 53 bin ich zu jung, um in den Ruhestand zu gehen; um die Branche zu wechseln, bin ich zu alt, mich nimmt keiner mehr. Ich weiß nicht, an wen ich mich wenden soll, wenn ich schließen muss. An meinen Steuerberater? An meine Bank? Selbst wenn ich irgendwoher einen Kredit bekomme: Wovon soll ich den zurückzahlen? 

Protokoll: Alexander Kühn

Foto: Privat

Jutta Späth, 55, Verkaufsleiterin einer kleinen Konditorei im baden-württembergischen Rastatt 

Ich habe schon Angst, mich anzustecken. Manche Kunden lehnen sich gern über die Theke, um zu zeigen, welches Stück Torte sie wollen. Ich sage denen: "Wenn Sie bitte schauen, dass sie nicht zu nah an uns kommen." Aber ein Meter Sicherheitsabstand, wie es empfohlen wird? Das ist in meinem Job unmöglich. Mit der Handhygiene ist es ähnlich. Wir haben zwar extra antibakterielle Seife gekauft, aber ich fasse hier ständig Geld und andere Dinge an. Ich kann ja nicht nach jedem Kunden ins Bad gehen. 

Unsere Kunden sind teils ziemlich verängstigt. Hausfrauen kaufen im Moment oft zwei, drei Brote, um sich was einfrieren zu können. Ein Mann hat gleich 20 Laib Brot mitgenommen. Er kam mit Mundschutz und Handschuhen in den Laden, das Geld legte er abgezählt auf den Tresen, dann nahm er die Brote und ging so schnell er konnte wieder hinaus. 

Trotz der Hamsterkäufe läuft das Geschäft insgesamt schlechter. Weil die Grenzen geschlossen sind, fehlen uns die Pendler aus dem Elsass. Die machen allein rund 20 Prozent des Frühstückseinkaufs aus. Dazu werden Bestellungen gecancelt, weil Taufen und Dorffeste ausfallen. Auch unser Café ist seit Freitagnachmittag fast leer. Den wenigen Gästen rate ich, sich etwas weiter auseinander zu setzen. Am Mittwoch werden wir es vorübergehend schließen. 

Einen Notkredit bei der KfW brauchen wir hoffentlich nicht. Die Leute werden ja auch weiter Brot brauchen, auch wenn sie seltener in den Laden kommen. Meine größte Sorge ist, dass wir ganz schließen müssen, weil sich irgendwann doch einer von uns ansteckt. Dann müssen wir alle in Quarantäne. Das wäre das Schlimmste, das uns passieren kann. 

Protokoll: Stefan Schultz

Foto: Michael Kröger/ DER SPIEGEL

Jörg Kioschus, Inhaber der Kfz-Reparaturwerkstatt Andreas Hoffmann in Berlin-Moabit 

Wir haben zwar "Oldtimer-Restaurationen" auf der Visitenkarte stehen, machen aber auch den normalen Brot-und-Butter-Betrieb, der in der Autowerkstatt so ansteht: TÜV, Ölwechsel, Motor- und Karosserie-Reparaturen. Einen Teil unserer Räume unter den S-Bahn-Bögen nutzen wir als Winterquartiere für Liebhaberautos und Motorräder.  

Vor der Coronakrise hatten wir zunächst gar nicht so viel Angst. Damit haben wir uns aber gründlich verschätzt, denn wir bekommen sie deutlich zu spüren. Jetzt, zu Frühlingsbeginn, müsste es eigentlich losgehen mit den Frühlingsvorbereitungen - Service, Reifenwechsel, oder die Ausbesserung kleinerer Lackschäden. Nun haben wir für diese Woche gerade einmal einen Auftrag im Terminkalender. In der kommenden Woche könnten wir die Tür auch abschließen, es würde wohl keiner merken.  

Wobei - so ganz stimmt das nicht, denn es rufen trotzdem Kunden an. Diejenigen, die ihre Oldtimer und Motorräder aus dem Winterschlaf wecken wollen. Die stehen jetzt viel früher als in den Jahren zuvor auf der Matte, sonst kommen sie nämlich Anfang Mai. Mir entgehen damit erhebliche Mieteinnahmen. 

Vielleicht zwei Monate kann ich das finanziell wohl noch durchhalten. Viele Reserven habe ich nicht mehr, weil ich im vergangenen Jahr viel investiert habe. Da ich nur einen Mitarbeiter habe, fallen die Personalkosten weniger ins Gewicht als die Miete. Ich hoffe, die Deutsche Bahn, der die Räumlichkeiten gehören, kommt mir etwas entgegen.  

Von KfW-Krediten halte ich nichts. Die muss ich ja eines Tages zurückzahlen. Diese Werkstatt habe ich aufgebaut, ohne Schulden zu machen, und die will ich auch in Zukunft nicht haben. Mal sehen, was die Stadt sonst noch so an finanziellen Unterstützungen bereithält. 

Protokoll: Michael Kröger

Foto: Privat

Anne Hufnagl, 32, Hochzeitsfotografin aus Hamburg 

Der erste Schwung an Absagen kam schon Anfang vergangener Woche, also noch vor den massiven Einschränkungen. Da dämmerte es schon den ersten Kunden. Seitdem nehmen die Absagen kein Ende. Die Saison für Hochzeitsfotos hätte jetzt schon begonnen, ich fotografiere in der Regel zwei Hochzeiten pro Wochenende, dazu habe ich noch unter der Woche kleinere Aufträge, auf Standesämtern oder Firmenevents.  

Jetzt habe ich für die nächsten vier Wochen keinen einzigen Auftrag, und ich gehe davon aus, dass die Aufträge für die Wochen danach auch abgesagt werden. Das ist schon krass: Vor etwa einer Woche habe ich noch richtig gutes Geld verdient und war nahezu ausgebucht. Jetzt stehe ich komplett ohne Einnahmen da.  

Die Ausgaben bleiben aber natürlich. Die Krankenkasse bucht weiter ab, und wir Selbstständigen mussten am 10. März unsere Quartalsvorauszahlungen, zum Beispiel für die Einkommensteuer, leisten. Auch meine Miete muss ich bezahlen. Ich finde es besorgniserregend, wenn über die Unterstützung von der Regierung gesprochen wird. Die zugesagten Kredite richten sich an Unternehmen, aber nicht an Freiberufler. Für uns gibt es momentan keine Lösung.  

Ich biete jetzt im Internet einige Fotos zum Kauf an. Für uns Freiberufler ist das nicht einfach, jetzt um Hilfe zu bitten - wir haben uns in der Regel selbstständig gemacht, weil wir dachten, wir schaffen das allein. Dennoch finde ich, das ist nichts, wofür man sich schämen muss. Mir war es wichtig, einen Gegenwert für die Unterstützung zu bieten. Aber alle bisherigen Verkäufe haben noch nicht mal einen Auftrag ausgeglichen.  

Protokoll: Robin Wille

Foto: Stefan Polzer

Stefan Polzer, 46, Fitnessstudio-Betreiber in Bergneustadt, NRW  

Man merkt, wie wichtig den Leuten ein Fitnessstudio ist, wenn man es einmal schließt. Am Montag hatten wir noch eine Handvoll Menschen hier, sie verabschiedeten sich mit einem einfachen "Bis morgen!", als wäre nix. Manche drehen jetzt sprichwörtlich am Rad, für viele ist das ein wichtiger sozialer Treffpunkt. Dabei haben wir jetzt natürlich geschlossen, wie fast alle Studios in Deutschland.  

Wir sind ein kleines Familienunternehmen, meine Frau, meine Schwester, mein Bruder und meine Eltern arbeiten seit 2003 im "J+ Just More", so eine Krise haben wir noch nie gesehen. Am Wochenende haben wir uns zusammengesetzt und überlegt, wie lange wir unter diesen Zwangsschließungen überleben könnten. Zwei Monate vielleicht? Und auch das nur, wenn wirklich alle verzichten: Gläubiger, der Staat, die Leasingfirma unserer Geräte.

Wie groß die Solidarität unserer Kunden ist - ob sie weiterzahlen, obwohl sie derzeit nicht ins Studio können - sehen wir beim nächsten Bankeinzug. Da haben alle in der Branche Bauchschmerzen. Kommen Widersprüche? Kündigungen?  

Ich verstehe nicht, warum der Staat nicht sofort alle Steuerforderungen aussetzt. Das könnte vielen Studios den Arsch retten. Ich bin im Hauptberuf Polizist, ich kann meine fünf Kinder zum Glück davon ernähren, viele andere Betreiber haben sonst nichts. Die wenigsten haben sich etwas angespart, man muss in der Fitnessbranche ständig investieren, um nicht zurückzufallen.

Wir hoffen auf die Solidarität der Leute, als Unternehmen würden wir dann mit einem blauen Auge davonkommen. Sieben Kunden haben bis jetzt angerufen und gefragt, wie das mit ihren Beiträgen aussieht. Ich habe es ihnen dann geduldig erklärt, die meisten haben es verstanden.  

Sie kriegen ja auch was für ihre Solidarität: Wir haben, wie viele Studios, Onlinekurse freigeschaltet, damit unsere Mitglieder weiter trainieren können. Ein paar unserer Kunden durften sogar Cycling-Räder und Hantelstangen mit nach Hause nehmen, gegen eine kleine Kaution. Wenn das Ganze vorbei ist, wird es eine "Wir haben es geschafft"-Eröffnungsparty geben - so groß, wie es unsere Finanzen dann hergeben. 

Protokoll: Anton Rainer

Foto: Michael Kröger/ DER SPIEGEL

Gianni Gillone, Inhaber einer Pasta-Bar in der Schönhauser Allee, Berlin Prenzlauer Berg 

Wir werden wohl nicht von den Schließungsverfügungen betroffen sein, bekommen aber trotzdem die Auswirkungen der Krise schmerzhaft zu spüren. Außer dem Verkauf von italienischen Spezialitäten bieten wir auch eine kleine Speisekarte an. Unser Hauptgeschäft ist der Mittagstisch für die Leute in den umliegenden Büros. Doch das ist seit Montag praktisch zusammengebrochen. Zu normalen Zeiten verkaufen wir noch 120 Gerichte, jetzt allenfalls 20.  

Nach dem Essen kaufen die Kunden gerne noch Wein, Käse oder italienische Vorspeisen für den Abend ein. Das fällt jetzt alles weg. Am Montag haben wir insgesamt gerade einmal 260 Euro eingenommen.  

Ich kümmere mich jetzt um Unterstützung vom Bezirk, weil ich unter diesen Umständen meine fünf Mitarbeiter nicht lange halten kann. Das wäre mir aber sehr wichtig, weil wir ein gut eingespieltes Team mit tollen Leuten sind. So schnell finde ich die nicht wieder, wenn sich das einmal aufgelöst hat. Ich will sie aber nicht nur aus Geschäftsinteresse halten. Es ist wichtig, dass man sich versteht, wenn man den ganzen Tag so eng zusammenarbeitet.  

Ich glaube nicht, dass das Geschäft in Gefahr gerät, selbst wenn die Krise noch länger andauert. Ich hoffe auf Fördergelder und habe auch schon die Aussetzung der Steuervorauszahlung beantragt. Ich werde wohl auch mit meinem Vermieter sprechen, ob er während der kritischen Monate Zugeständnisse bei der Miete macht. Mal sehen. Hauptsache, wir bleiben gesund.

Protokoll: Michael Kröger

Foto: Jan Schmiedel

Flori Schuster, 65, Sportfachhandel, Inhaber Sporthaus Schuster in München 

Unser Haus existiert seit 1913. Wir haben zwei Weltkriege und mehrere Weltwirtschaftskrisen überlebt. Ich hoffe sehr, dass wir auch diese einzigartige Krise, die wir jetzt vor der Brust haben, überleben. Unser Betrieb ist sehr traditionell, wir liegen zentral in der Münchner Innenstadt und beschäftigen mehr als 300 Mitarbeiter.  

Diesen Dienstag hatten wir noch geöffnet, aber ab Mittwoch müssen wir schließen. Wir werden versuchen, unsere Ansprechbarkeit und Beratungsfähigkeit aufrechtzuerhalten, indem wir unsere Kunden telefonisch beraten. 

Zum Teil haben sich bereits Hersteller von sich aus gemeldet und Gespräche angeboten, um gemeinsam diese Misere zu meistern. Wir sind ein großer Händler, ich bin mir meiner privilegierten Sicht bewusst. Aber auch wir planen damit, Kurzarbeit einzuführen, ohne wird es nicht gehen. Ich habe auch mit Kollegen aus dem Einzelhandel in München gesprochen, die machen das auch. Es geht darum, die Zukunftsfähigkeit des Hauses zu sichern und damit auch in Zukunft Arbeitsplätze anzubieten. 

Wir müssen flexibel sein. Das heißt, es gibt Mitarbeiter, die nun mit Tätigkeiten befasst sind, mit denen sie bisher nichts zu tun hatten. Ein Controller arbeitet zum Beispiel in der Logistik, um den Versand zu unterstützen.  

Eine Prognose, wie lange wir das durchhalten, mag ich derzeit nicht abgeben. Normalerweise wechseln wir zu dieser Zeit von der Winter- auf die Sommersaison. Der Bedarf wird natürlich abnehmen, wenn Schwimmbäder und Sportanlagen geschlossen werden und der Bewegungsspielraum unserer Bergsport-Kunden eingeschränkt ist.  

Protokoll: Robin Wille

Foto: Paul Pack

Vanessa Janneck, 32, Inhaberin des Design-Stores B-Lage im Hamburger Schanzenviertel und Mitbetreiberin der Plattform 2gather.jetzt

Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht. Bis Samstag hatte ich den Laden geöffnet - allerdings mit einem unguten Gefühl, weil es so viele Kontaktstellen gibt: die Umkleiden, die Kasse, die Türgriffe. Um keine Leute zu gefährden, habe ich seit Montag geschlossen.  

Ich habe mich aber direkt wieder in Arbeit gestürzt, um nicht in eine Schockstarre oder Selbstmitleid zu fallen: Mit zwei Freunden habe ich an einem Tag die Plattform 2gather.jetzt  ins Leben gerufen. Dort sammeln wir Informationen für Selbstständige und vermitteln Kontakte. Steuerberater, Psychologen, Coaches und die städtische Kreativgesellschaft Hamburg haben sich bereits gemeldet und bieten ihre Hilfe an. Wir wollen alle motivieren, sich auszutauschen, zu vernetzen und weiterzumachen, auch wenn es gerade sehr schwierig ist.  

Mein kompletter Freundeskreis besteht aus Selbstständigen. Ich musste diese Woche zusehen, wie zwei meiner Freundinnen ihre Cafés schließen und über 15 Personen entlassen mussten. Ich hatte da einen richtigen Kloß im Hals. Bisher war ich noch nicht wieder im Laden. Ich brauche etwas Abstand. 

In den nächsten vier Wochen werde ich aber den Onlineshop weiterführen und ausbauen. Um die Paketboten nicht unnötig zu gefährden, verschicke ich nur einmal die Woche Pakete. Ich glaube aber nicht, dass die Onlineverkäufe die Einbußen ausgleichen. Einen Monat geht es vielleicht, aber die Stundungen müssen ja auch zurückgezahlt werden, dann kann ich den Laden eventuell komplett schließen.

Im Einzelhandel ist es als Selbstständige sehr schwierig, Rücklagen zu bilden. Deswegen werde ich mit meinem Steuerberater überlegen, welche Maßnahmen für mich am sinnvollsten sind: Mit Arbeitslosengeld könnte ich zwar private Grundkosten decken – aber nicht die Ladenmiete. Bei einem Kredit wäre das Risiko hoch, weil das Geschäft länger geschlossen bleiben könnte. Mit solch einem unbestimmten Zeitraum zu kalkulieren ist nicht möglich.

Protokoll: Petra Maier

Foto: Claus Hecking/ DER SPIEGEL

Alexandra Robers, 31, Juwelier Robers, Vreden/Westfalen

Im Moment ist unser Geschäft noch geöffnet, ebenso wie viele andere Geschäfte hier in der Stadt. Denn aus den Presseberichten ist nicht klar ersichtlich, ob wir von den Beschränkungen betroffen sind. Und vom Land Nordrhein-Westfalen oder den Behörden haben wir noch nichts gehört. Angeblich soll morgen eine Mitteilung von der Kreis- oder von der Stadtverwaltung kommen. 

Sollten wir schließen müssen, würde es natürlich schwierig für uns. Immerhin sieht es so aus, als könnten Handwerksbetriebe weiter arbeiten. Dann könnten wir wenigstens unsere Uhrmacherei weiterlaufen lassen. Wir haben noch eine Reihe von Kundenbestellungen zu bearbeiten – und auch auszuliefern, zum Beispiel bei Trauringen. Da werden wir schauen, ob wir vielleicht mit individuellen Terminvereinbarungen arbeiten können.  

Das Stadtmarketing hat jetzt die Idee, einen gemeinsamen Lieferservice der Einzelhandelsgeschäfte zu organisieren, unter dem Motto: Ihr kauft in Vreden - wir liefern. Aber ob das mit den Lieferungen an Privatkunden künftig noch lange möglich ist wissen wir nicht, wie wir so vieles nicht wissen. Wir können nur hoffen, dass es schnell vorbeigeht.

Protokoll: Claus Hecking

Foto: Anton Rainer/ DER SPIEGEL

Stefan Kempf, Tätowierer auf St. Pauli, Hamburg  

Ich führe das "Tattoostudio Dänemark" zusammen mit meinem Bruder, momentan läuft das Geschäft für uns nicht schlechter als sonst. Gerade waren zwei Mädchen hier, denen ich Piercings gemacht habe, einmal in die Brust, einmal in den Bauchnabel. Hätten die geniest oder gehustet, hätte ich sie weggeschickt, aber zu uns kommen ja meistens gesunde Leute. Und wir arbeiten in Sachen Hygiene genauso steril und sauber wie ein Krankenhaus. 

Die Schließungen betreffen derzeit nur den Handel, für uns gelten dieselben Regeln wie für Friseure: Wir sind Dienstleister und dürfen weitermachen - wenn auch vielleicht mit ein paar Kunden weniger, aber das weiß ich erst am Ende des Monats. Schlimm wird es für uns, wenn die Krise bis in den Sommer reicht. Da haben wir Hauptsaison. Den Gast-Tätowierern, die ich als Aushilfen bestellt hatte, habe ich schon vorsorglich abgesagt, vielleicht brauche ich sie ja gar nicht. 

In meinem Beruf kommt man den Leuten zwangsläufig ziemlich nahe. Wenn ich arbeite, ziehe ich deshalb meine Maske an und halte so weit Abstand, wie es eben geht. Das bedeutet auch, dass ich nur Leute hereinlasse, die tatsächlich Kunden sind – keine Freundinnen und Freunde, von denen sie begleitet werden. Die sollen sich schön die Füße vertreten und wiederkommen, wenn ich fertig bin.

Protokoll: Anton Rainer

Foto: Michael Kröger/ DER SPIEGEL

Anja Pilzner, Janine Sommer, Inhaberinnen des kreativen Stoffgeschäfts "Lieblingsplatz", Berlin Prenzlauer Berg

Wenn wir nicht schon vorher entschieden hätten, unser Geschäft aufzugeben, dann müssten wir es wohl jetzt tun. Nach zwei Monaten Durststrecke im Januar und Februar hatten wir auf den Aufschwung im Frühjahr gehofft, um die Lager leer zu bekommen. Dann nämlich kommen die Touristen in die Stadt. Jetzt läuft die Abwicklung eben über unseren Onlineshop, doch auch dort laufen die Geschäfte zurzeit schlecht. Die Leute haben wohl andere Dinge im Kopf. Insgesamt haben wir in den vergangenen Wochen ein Umsatzminus von 4000 bis 6000 Euro hinnehmen müssen. 

Wenigstens müssen wir uns keine Gedanken um Mitarbeiter machen, wir haben nämlich keine. Doch unser Einkommen tendiert zurzeit gegen null. Gott sei Dank haben wir einen sehr freundlichen Vermieter. Das verschafft uns Erleichterung. 

So schmerzlich die Schließungsverfügung des Berliner Senats auch ist: Wir glauben, es führt kein Weg drum herum. 

Protokoll: Michael Kröger