Henrik Müller

Ökonomie der Pandemie Vom Shutdown zum Shitstorm

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Die Coronakrise verändert den kapitalistischen Gesellschaftsvertrag. Die Erwartungen an Konzerne wandeln sich: Nicht alles, was erlaubt ist, geht in Ordnung.
Passanten vor einem Adidas-Laden in Berlin

Passanten vor einem Adidas-Laden in Berlin

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JENS SCHLUETER/EPA-EFE/Shutterstock

Die Coronakrise bringt viele Gewissheiten ins Wanken. Regierungen und Notenbanken haben in den vergangenen Wochen Stützungsprogramme auf den Weg gebracht, die alles übersteigen, was wir in der Finanzkrise gesehen haben. Der Staat dürfte dauerhaft eine prägende Rolle in der Wirtschaft spielen. Europa steht wohl vor einer neuen Phase der Vergemeinschaftung der Staatsfinanzen, um eine abermalige Währungskrise abzuwehren. All das wäre noch vor wenigen Wochen kaum vorstellbar gewesen.

Der nahezu synchrone Shutdown der Weltwirtschaft schafft Fakten - in einem Tempo, das für Ideologie und Theorie wenig Zeit und Raum lässt.

In dieser Phase wandeln sich auch die Erwartungen an Unternehmen rasant. Die Kritik, die sich in der vergangenen Woche über Adidas ergoss, hat einen Eindruck davon vermittelt, was nun als akzeptabel gilt und was nicht mehr. Der Weltkonzern aus dem Fränkischen hatte angekündigt, Mietzahlungen für Ladenlokale auszusetzen. Das Resultat war ein Shitstorm sondergleichen. Adidas nahm die Entscheidung zurück und entschuldigte sich öffentlich.

Heuschrecken und andere Plagen

Es ist noch nicht lange her, da erregte es kein großes Aufsehen, wenn Konzerne vor allem ihre Zahlen im Blick hatten. Gewinne immer weiter zu steigern, Kosten zu senken, Aktien zurückzukaufen und ordentliche Dividenden auszuzahlen galt als smart. Jetzt werden Unternehmen Überweisungen an die Aktionäre reihenweise streichen müssen. Derlei Abflüsse von flüssigen Mitteln gelten als nicht mehr hinnehmbar, wenn gleichzeitig die Gemeinschaft der Steuerzahler einspringt, um Unternehmen und ganze Volkswirtschaften zu retten. Allzu üppige Managergehälter und steile Lohngefälle geraten verstärkt ins Visier, zumal von Unternehmen, bei denen in der Not der Staat einsteigt. Management-Entscheidungen werden nicht mehr nur nach ihren Auswirkungen auf die Gewinn-und-Verlust-Rechnung bewertet, sondern auch nach ihrer Sozialverträglichkeit - was die Beurteilung nicht einfacher macht.

Vieles kommt ins Rutschen. Werte und Normen verändern sich. Können Unternehmen sozial sein? Oder sind sie geradezu gezwungen, sich asozial zu verhalten? Dient die Marktwirtschaft noch den Bürgern? Über diese Frage gab es schon vor der Finanzkrise von 2008 heftige Debatten. Mitte der Nullerjahre entluden sich die Frustrationen in einer Debatte über Finanzinvestoren, für die sich damals die Bezeichnung "Heuschrecken" einbürgerte.

Die Konzerne reagierten, indem sie sich als "gute Unternehmensbürger" präsentierten, die gelobten, sich sozialverantwortlich zu verhalten. "Corporate Social Responsibility" (CSR) kam in Mode: Konzerne versprachen, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen - nicht nur den Interessen des Kapitalmarkts zu dienen, sondern auch denen ihrer Beschäftigten, ihrer Kunden und der Gesellschaft insgesamt.

In den vergangenen Tagen habe ich mich an einige Gespräche mit deutschen Topmanagern in jenen Jahren erinnert. So erzählte mir damals der Vorstandsvorsitzende eines der größten Dax-Konzerne, der gerade mit einem CSR-Preis ausgezeichnet worden war, die Urkunde hänge nun in den Büros der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. Die Botschaft war klar: Bei CSR ging es darum, Unternehmen besser zu verkaufen. Ansonsten galt es, den Maßstäben des Kapitalmarkts zu genügen. Gesellschaftliches Engagement war wichtig, weil es die Gesellschaft verlangte. Priorität aber hatten die Renditen. Waren dies nicht die Spielregeln? Mussten Unternehmen nicht unbedingt Kapital anlocken, damit sie nicht selbst Opfer von Übernahmen wurden? Lange her.

Wozu sind Unternehmen überhaupt da?

Das Kleinklein früherer Jahre erscheint momentan trivial. Größere Fragen stehen im Raum: Es geht um Leben und Tod. Im Angesicht der Corona-Pandemie entscheiden sich Gesellschaften rund um den Globus für das Leben - auch wenn der Preis bislang kaum abschätzbare Wohlstandsverluste sein mögen. Auf dem Spiel stehen Unternehmen, die Existenzen von vielen Millionen Menschen, die Solvenz ganzer Staaten. Wir nehmen diesen Preis in Kauf.

Die Antwort auf die Epidemie ist ein beispielloser Akt der Solidarität. Die Bürger fügen sich dem Shutdown, vor allem um andere zu schützen - Ältere, überhaupt Menschen mit fragiler Konstitution - und um die Gesundheitssysteme funktionsfähig zu halten. Der alte Vorwurf, der Kapitalismus ordne alles dem Gewinnstreben unter, wird gerade eindrucksvoll widerlegt.

Die Corona-Erfahrung verändert unser Selbstbild als Gesellschaft und die Erwartungen, mit denen wir einander begegnen. Unternehmen bleiben davon nicht ausgespart. Denn gerade auf sie wird es ankommen, wenn die Epidemie und der wirtschaftliche Stillstand erst überstanden sind. Von ihnen wird einerseits Innovation und Dynamik verlangt, andererseits Solidarität und Rücksicht.

Die Krise wirft uns zurück auf eine fundamentale Frage: Wozu sind Unternehmen überhaupt da? Jedenfalls nicht dafür, Gewinne zu steigern auf Teufel komm raus.

Kapitalismus, schrieb der österreichisch-amerikanische Ökonom Joseph Schumpeter, funktioniert nur, wenn er in ein soziales System eingebettet ist: in eine kulturelle Komplementärstruktur, wie er in seinem 1943 erschienenen Werk "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie" formulierte. In einem faszinierenden historischen Überblick zeigte er darin, wie die kapitalistische Wirtschaftsweise seit der Renaissance eine Kultur und Wissenschaft befruchtet hatte, die den allgemeinen Fortschritt beförderte.

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Henrik Müller

Kurzschlusspolitik: Wie permanente Empörung unsere Demokratie zerstört

Verlag: Piper
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Im Zentrum von Schumpeters Denken stehen Figuren, die etwas erschaffen wollen, die die Welt - oder zumindest die Sicht auf die Welt - verändern wollen. Dafür brauchen sie Entfaltungsspielräume, Gedanken- und Redefreiheit, Bildung, Wissen, Ideen. Künstler, Wissenschaftler und Unternehmer ähneln sich darin, dass sie die Welt gestalten wollen. Ihre Motive sind nicht unbedingt altruistisch: Sie wollen individuell erfolgreich sein. Das können sie aber in einem kulturell gezähmten Kapitalismus nur, wenn sie die Gesellschaft voranbringen. Nur dann können sie mit Anerkennung rechnen. Nur dann haben sie die Chance, überdurchschnittliche Gewinne zu machen.

Schumpeters Entwicklungstheorie stellt den Typus des innovativen Unternehmers in den Fokus seiner ökonomischen Erzählung. Der Entrepreneur fühlt sich getrieben, Neues zu wagen, weil er nur dann mit außergewöhnlichen Gewinnen rechnen kann. Nur das Neue verspricht ordentliche Margen. So kommt es, dass der innovative Unternehmer aus Eigennutz den Fortschritt vorantreibt. Was er an Neuerungen auf den Markt bringt, wird von anderen Unternehmen fortentwickelt oder imitiert. In der Folge sinken die Preise, sodass der Fortschritt immer mehr Menschen zugutekommt.

Die Mittel für diesen Zweck besorgt sich der Unternehmer auf dem Kapitalmarkt: Wer mehr Geld zur Verfügung hat, kann schneller wachsen, als wenn er nur seine Gewinne reinvestiert. Größere Einheiten sind effizienter. Umso billiger können sie produzieren. Umso schneller verbreitet sich der Wohlstand in der Breite der Gesellschaft.

"The business of business is business." Really?

Der Unternehmer als Held - das ist, zugegeben, ein stark idealisiertes Bild. Aber es taugt, um einen entscheidenden Punkt herauszuarbeiten: Geld und Gewinn sind nicht der Zweck des Wirtschaftens selbst. Sie sind Mittel. Ein Unternehmen, das keine Gewinne macht, verschwindet vom Markt. Eine Firma, der das Geld ausgeht, geht an Illiquidität zugrunde. Gewinne zu machen ist eine notwendige Bedingung für nachhaltiges Wirtschaften, aber kein eigentliches Ziel.

Wenn Gewinnmaximierung zum Ziel selbst wird - wenn sie nicht mehr in eine kulturelle Komplementärstruktur à la Schumpeter eingewoben ist -, dann degeneriert der Kapitalismus. Dann gehen die Ideen aus, die Investitionsmöglichkeiten werden knapp. Der Fortschritt kommt zum Stillstand. Unternehmertum wird dann sozial inakzeptabel.

Die Coronakrise, so sieht es aus, verändert den kapitalistischen Gesellschaftsvertrag. Nicht alles, was erlaubt ist, geht in Ordnung.

"The business of business is business", hat Milton Friedman, der Pate des Neoliberalismus, einst postuliert. Aber was heißt das schon? Natürlich sind Unternehmen keine karitativen Veranstaltungen. Sie sollen Werte schöpfen, Gewinne machen, innovieren; sie müssen sich im Wettbewerb durchsetzen und dabei die Kosten im Griff behalten. Aber nicht um jeden Preis. Das Geschäft des Unternehmens ist es, Produkte zu produzieren, die Menschen nützen, zu Bedingungen, die Menschen nützen, in Organisationsstrukturen, die ein Stück Stabilität in eine instabile Welt bringen.

Rücksicht und Solidarität, die Werte der Krise, sind dazu keine Gegensätze.

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Brüssel - Britannien allein – Die Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien über die künftigen Beziehungen gehen in die dritte Runde.