Kreative Firmen in der Coronakrise Die Smart-ups

Die Krise trifft Deutschlands Wirtschaft auf breiter Front. Tausende Unternehmen haben keine Aufträge mehr. Einige Firmen entwickeln nun mit Kreativität und Mut neue Produkte für die Corona-Zeit.
Foto: Tino Plunert

Die Erfindung, die das Leben des Werbetechnikers Andreas Rösch auf den Kopf stellt, entstand aus Angst und Ekel. Es war im März, das neue Virus kam nach Deutschland, reihenweise stornierten Kunden von "Color and Shade" ihre Aufträge, Röschs Agentur in Dippoldiswalde bei Dresden ging die Arbeit aus. Keine Autobeschriftungen, keine Schilder, keine bedruckten T-Shirts mehr. Angst verbreitete sich unter den fünf Mitarbeitern: um ihren Arbeitsplatz, ihre Gesundheit.

Dann sah Rösch eine Kollegin: beim Versuch, eine Türklinke ohne Hände aufzudrücken. "Sie hat abenteuerliche Verrenkungen gemacht", erzählt der 40-Jährige im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Da bin ich an den Laser gegangen, habe ihr aus Materialresten einen Haken mit Griff geschnitten und ihr das Ding in die Hand gegeben." Eine kleine Nettigkeit, endlich mal wieder was Konstruktives.

In diesem Moment hatte Rösch noch keine Ahnung, dass dieses "Ding" zum Rettungsanker für sein kleines Unternehmen werden würde. Aber bald wollten auch seine anderen Mitarbeiter den praktischen Haken haben. Und dann auch ihre Angehörigen. Weil dann noch Restmaterial übrig war, und weil sie nichts zu tun hatten, fertigten sie noch ein paar Dutzend Haken zum Verkauf für die Corona-Nothilfe. Alle waren binnen Kürze weg. Rösch entschied, aus dem Haken ein Geschäft zu machen.

Er hat einen Nerv getroffen. Schließlich kann man mit diesem kleinen Werkzeug nicht bloß Türklinken öffnen, sondern auch Kühltheken in Supermärkten. Man kann mit ihm Einkaufswägen schieben, den PIN-Code an der Kasse eintippen, sich in öffentlichen Verkehrsmitteln festhalten, den Stopp-Knopf drücken. Ohne sich die Hände zu kontaminieren.  

Helen Richter und Andreas Rösch von Gribbb: Fast schon märchenhaft

Helen Richter und Andreas Rösch von Gribbb: Fast schon märchenhaft

Foto: Tino Plunert

Der praktische Haken hat mittlerweile einen Namen bekommen: "Gribbb". Und eine eigene Website. Rösch hat sein Werk als Gebrauchsmuster eingetragen, trotzdem wird es plagiiert und nachgeahmt. Rund 1000 Originale täglich produziert die Agentur und versendet sie durch die Republik. In drei Varianten, für 8,90 bis 12,90 Euro. Zeitweise arbeiten Rösch und seine Leute im 24-Stunden-Betrieb, so groß ist die Nachfrage.

"Wir haben unsere Umsatzverluste durch 'Gribbb' mehr als ausgeglichen", sagt Rösch. Niemand bei "Color and Shade" muss mehr um seinen Job fürchten. Und weil nun verstärkt Werbemittelhersteller kommen und hohe Stückzahlen ordern wollen, überlegt der Chef sogar,  die Firma umzubauen und neue Maschinen anzuschaffen. Um noch mehr "Gribbbs" zu machen.

Die Geschichte von "Gribbb" klingt fast schon märchenhaft. Aber sie ist nicht die einzige in dieser Krise. Aus der Not heraus entwickeln kreative Unternehmen neue Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsideen für die Corona-Zeit: um ihre finanziellen Einbußen wettzumachen, ihren Mitarbeitern eine Perspektive zu geben und um den Kunden den neuen Alltag in der Pandemie etwas zu erleichtern. Wir stellen einige dieser Projekte vor.

Die mobile Corona-Testbox

Der derzeitige Umsatz vieler deutscher Messebau-Unternehmen entspricht der Zahl der Messen in den kommenden Monaten: null. Als sich im März bei Depla in Elmshorn die Absagen türmten, "da ging erst mal die Welt unter", sagt Geschäftsführer Christoph Schumacher. Fast alle 30 Mitarbeiter musste er in Kurzarbeit schicken. "Aber wir wollten nicht weinen und in den Keller gehen, sondern etwas tun." Und als sie bei Depla dann von mobilen Corona-Teststationen hörten, die in Südkorea an allen möglichen Orten aufgestellt wurden, beschlossen sie, selbst solche Boxen zu bauen.

Corona-Testbox: Vorbild Südkorea

Corona-Testbox: Vorbild Südkorea

Foto:

Depla Messebau

Die gut einen Meter breite mobile Box von Depla bietet Platz für einen Tester oder eine Testerin. Diese brauchen anders als etwa Ärzte oder Personal von Drive-in-Teststationen keine FFP-Masken, weil sie durch eine Plexiglasscheibe von den Getesteten getrennt sind. Schließlich können sie mit Handschuhen durch Löcher in der Frontscheibe hinauslangen, um die Abstriche zu machen. Die Box lässt sich fast an jedem Ort aufstellen. Zwischen 2500 und 3000 Euro soll sie je nach Ausstattung kosten. Schumacher will Krankenhäuser und Kommunen als Kunden gewinnen. Ungeklärt ist aber noch eine entscheidende Frage: Wer bezahlt?

Desinfektionsmittel mit Aroma

Desinfektionsmittel gibt es neuerdings wieder massig. Aber dieses hier hat einen Wettbewerbsvorteil: Man kann es auch trinken. 71,7 Prozent Alkoholgehalt hat der "Desi-Gin" der ReichsPost Bitter Manufaktur aus Bad Homburg. Damit ist er nach Herstellerangaben Deutschlands stärkster Gin. Und obendrein ein "nachweislich wirksames antibakterielles und viruzides Desinfektionsmittel zur Hand- und Flächenbehandlung".

Desinfektions-Gin: "Nachweislich wirksames antibakterielles und viruzides Desinfektionsmittel zur Hand- und Flächenbehandlung"

Desinfektions-Gin: "Nachweislich wirksames antibakterielles und viruzides Desinfektionsmittel zur Hand- und Flächenbehandlung"

"Als ich am Anfang das herkömmliche Desinfektionsmittel benutzt habe, ist mir fast die Haut von den Händen gefallen", sagt Manufakturchefin Heike Alles-Jung. So kamen sie und ihr Mann auf die Idee, den Kräuteransatz für den hauseigenen Kräuterlikör mit Ethanol und weiteren Zutaten zu einem besonders starken Gin zu vereinen. Die Manufaktur verschickt den Hochprozenter nun deutschlandweit – und hat so noch einen Teil der entgangenen Einnahmen von Volksfesten und Gastro-Kunden kompensiert.

Die Leere-Wartezimmer-App

Restaurants so gut wie möglich füllen – das verspricht Atodo in normalen Zeiten. Wartezimmer in Arztpraxen leer zu halten – so lautet nun die Mission des Flensburger Start-ups. Doctodo heißt die neue Software. Das Ziel ist dasselbe geblieben, das Besucheraufkommen intelligent zu steuern.

Wartezimmer-App Doctodo

Wartezimmer-App Doctodo

Foto: do GbR / doctodo

Mit der ursprünglichen App konnten sich Besucher beliebter Restaurants oder Bars auf eine digitale Warteliste setzen. Sie bekamen daraufhin eine prognostizierte Wartezeit und ihre Position in der virtuellen Warteschlange angezeigt – und dann eine Nachricht, sobald ihr Tisch davor war, frei zu werden. So mussten die Kunden nicht lange vor dem Gebäude warten. Und die Gastronomen konnten ihre Tische optimal belegen. Die neue App für Ärzte funktioniert nach genau demselben Schema: Patienten können sich vorab anmelden und werden dann einbestellt, wenn sich die Praxis leert. "Die App", sagt Gründer Arne Reuter, "könnte auch für Behörden, Friseure oder andere Orte interessant sein, wo es keine Warteschlangen geben soll". Also ziemlich überall.

Besuchercontainer fürs Pflegeheim

Noch ein Projekt vom Messebauer Depla: Die "Begegnungsbox" für die Risikogruppe Nummer eins. Kein Teil der Bevölkerung ist durch das Virus so gefährdet wie die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen. Entsprechend strikt sind die Kontakteinschränkungen in vielen Bundesländern. Und entsprechend einsam sind die Menschen.

Besucher-Box: Drinnen sitzen die Bewohner hinter einer Plexiglasscheibe - und ihre Besucher auf der anderen Seite davor

Besucher-Box: Drinnen sitzen die Bewohner hinter einer Plexiglasscheibe - und ihre Besucher auf der anderen Seite davor

Foto: Depla Messebau

Wird die "Begegnungsbox" im Außenbereich von Pflegeheimen aufgestellt, können Besucher das Heim gar nicht erst kontaminieren. Drinnen in der Box sitzen die Bewohner hinter einer Plexiglasscheibe - und ihre Besucher auf der anderen Seite davor. Sie können über ein eingebautes Telefon miteinander sprechen. Und, sofern es die Vorschriften erlauben, einander durch Löcher in der Scheibe mit Handschuhen berühren. Ein Prototyp der Besucherbox soll demnächst in einem norddeutschen Pflegeheim aufgestellt werden.

Masken zum Bedrucken

Der Maskenmangel ist Geschichte, zumindest bei den einfachen Mund-Nase-Behelfsmasken. Vom Schneider an der Ecke über Trigema bis zur Firma von Ex-Tennisprofi Nicolas Kiefer nähen alle möglichen Betriebe solche Bedeckungen aus Stoff zusammen. Und doch gibt es eine Marktlücke, meint das Detmolder Druckhaus Bösmann: Einwegmasken aus Papier.

Einmalmaske aus Papier: "Etwas Farbe in der tristen Zeit"

Einmalmaske aus Papier: "Etwas Farbe in der tristen Zeit"

Die haben vor allem drei Vorteile: Man kann sie in großer Zahl herstellen: bei Bösmann bis zu 500.000 Exemplare pro Tag. Sie sind preiswert: ab gut zehn Cent pro Stück. Und sie lassen sich mit jedem erdenklichen Motiv bedrucken. "Das bringt ein bisschen Farbe in die triste Zeit", sagt Vertriebschef Daniel Wessels. Wie angenehm sie sind und wie viel Virus sie durchlassen, konnten wir nicht erkunden. Aber sie retten wohl den einen oder anderen Arbeitsplatz in der Druckerei, die sonst viele Werbemittel und Messekataloge herstellt.  Zeitweise waren die Maschinen nicht einmal mehr zur Hälfte ausgelastet, jetzt sind es wieder rund 65 Prozent.

Ampeln für den Supermarkt

Menschen zusammenzubringen, ist das Kerngeschäft von Connfair. Über die Eventplattform des Darmstädter Software-Unternehmens können Veranstalter von Messen, Tagungen oder Konzerten Tickets verkaufen - und diese mit einem mobilen Drehkreuz am Eingang kontrollieren. In Zeiten des Abstandhaltens sind solche Dienste gar nicht gefragt. "Als Corona sich verbreitete, war das ganze Geschäft auf einen Schlag vorbei", sagt Connfair-Chef Arne Schäufele.

Ampelsystem vor einem Supermarkt: Sobald die vorgegebene Anzahl erreicht ist, schaltet die Ampel auf Rot

Ampelsystem vor einem Supermarkt: Sobald die vorgegebene Anzahl erreicht ist, schaltet die Ampel auf Rot

Foto: Arne Schäufele/ conn fair

Doch dann erkannte er, dass es für Einlasskontrollen gerade einen neuen, riesigen Markt gibt. Denn Geschäftsinhaber dürfen nur eine streng beschränkte Zahl von Kunden in ihre Läden lassen. Und so haben die Connfair-Leute ihr System umgebaut – und die Technologie aus dem mobilen Drehkreuz in eine Ampel gesteckt. Sensoren messen, wie viele Menschen in ein Kaufhaus, eine Tankstelle oder ein Amt hinein- oder hinausgehen. Sobald die vorgegebene Anzahl erreicht ist, schaltet die Ampel auf Rot. Und wenn sich das Gebäude leert, dann wieder auf Grün. Die gesamte Anlage lässt sich in kurzer Zeit auf- oder wieder abbauen. Und die Ladeninhaber sparen sich die Kosten für Security.

McEiscreme

Für sein "Gelato Drive-In" hat Jörg Fischer hart gekämpft. "Lass Dir Deinen Tag versüßen", steht in meterhohen Lettern auf dem Parkplatz des Kieler Einkaufszentrums Citti-Park. Hier hat die Eisdielen-Kette Giovanni L ihr erstes Drive-in für Speiseeis aufgestellt. Denn drinnen in der Mall durften sie wochenlang nicht verkaufen. "Als wir dicht machen mussten, hieß es aus dem Rathaus, nur Drive-ins dürften noch Speisen verkaufen", erzählt Geschäftsführer Fischer. "Also haben wir einen Drive-in gebaut."

Eiscreme per Drive-in: Wieder eine Perspektive für das Geschäft

Eiscreme per Drive-in: Wieder eine Perspektive für das Geschäft

"Als wir Anfang April eröffnet haben, war der Andrang bombastisch", sagt Fischer. Zwar habe das Drive-in nur etwa ein Drittel der Umsätze der geschlossenen Kieler Eiscafés eingebracht. "Aber wir haben unseren Mitarbeitern wieder eine Perspektive gegeben und den Kunden gezeigt, dass wir noch da sind." Neuerdings dürfen die Eiscafés im Einkaufszentrum wieder Eis zum Mitnehmen verkaufen. Aber das Drive-in lässt Fischer weiter offen. Weil es sich lohnt.

Das mobile Homeoffice

Die Idee kam den Managern von Artlife, als sie einander mitten im Lockdown im Büro antrafen. Denn daheim fanden sie keine Ruhe.  Homeoffice klinge erst mal gut, sagt Thomas Barber, der Geschäftsführer. Aber ohne eigenes Zimmer falle effektives Arbeiten schwer. Also haben die Artlife-Leute den "Xtra-Raum" entwickelt: laut Unternehmen das "erste deutschlandweit erste mobile Homeoffice".

Der "Xtra-Raum": Laut Unternehmen das "erste deutschlandweit erste mobile Homeoffice"

Der "Xtra-Raum": Laut Unternehmen das "erste deutschlandweit erste mobile Homeoffice"

Der Container ist acht Quadratmeter groß, hat eine Klimaanlage sowie einen WLAN-Router verbaut und kann zur Stromversorgung an eine einfache Haushaltssteckdose angeschlossen werden. Auf Wunsch gibt es eine Solaranlage dazu. Mit dem Kran kann der "Xtra-Raum" in den Vorgarten gehievt werden. Damit man keinen Bauantrag stellen muss, kann der Container auch auf einen Anhänger gesetzt werden. Billig ist das nicht. Inklusive einer Grundausstattung soll er um die 15.000 Euro kosten – oder 500 bis 600 Euro Monatsmiete. Die Hauptzielgruppe sind Unternehmen, die ihren Mitarbeitern einen Arbeitsplatz daheim zur Verfügung stellen wollen – vielleicht auch über Corona hinaus. Demnächst will Artlife die erste Kleinserie mit zehn Boxen anfertigen.

Der Corona-Sack

Mit Jutesäcken fing das Hamburger Familienunternehmen Emil Deiss im Jahr 1931 an, heute verkauft es vor allem Kunststoff. 5000 verschiedene Produkte bietet es an: blaue Müllsäcke, Planen, Einmalhandschuhe. Durch die Coronakrise stünden große Abnehmer "stark auf der Bremse", sagt Geschäftsführer Clemens Eichler.  Hotels und Restaurants haben geschlossen, ordern weniger Ware. Bürogebäude stehen leer und werden seltener gereinigt.

Foto: Emil Deiss

Zum Glücksmoment für Deiss wurde eine Allgemeinverfügung der Bundesanstalt für Materialprüfung. Sie legte am 18. März fest, dass kontaminierte Gebrauchsgegenstände wie Schutzkittel oder Masken speziell entsorgt werden müssen. Die Deiss-Leute erkannten ihre Chance – und ertüftelten einen speziellen Kunststoff, der es möglich macht, den Sack dünner als 0,1 Millimeter zu machen und ihn trotzdem extrem reißfest zu halten. Der Corona-Sack bekam schnell die Zulassung: "Wir konnten noch vor Ostern die ersten Krankenhäuser und Pflegeheime beliefern", sagt Eichler. Der Corona-Sack ist rund 25 Prozent teurer als herkömmliche Produkte. Das bringt Marge – und hilft, die Einbußen aus dem übrigen Geschäft zu kompensieren.

Rollo mit Durchblick

Schutz vor Einblicken und Sonne ist gewöhnlich das Geschäft von Germania. Doch nun bietet der Licht- und Sichtschutzsystem-Hersteller aus Schleswig-Holstein ein Rollo zum Hindurchschauen an. Das transparente "Hygieneschutz-Rollo" ist ein Spuck-, Hust- und Tröpfchenschutz, der sich an allen möglichen Orten aufhängen lässt: ob an Supermarktkassen und Empfangsschaltern, in Bussen oder Ämtern.

Hygieneschutz-Rollo: Eine ganze Abteilung im Unternehmen vor Kurzarbeit bewahrt

Hygieneschutz-Rollo: Eine ganze Abteilung im Unternehmen vor Kurzarbeit bewahrt

Foto: Germania

Wenn viele Menschen da sind, kann man das Rollo herunterziehen und als durchsichtige Trennwand gebrauchen. Lasse dann der Andrang nach, könne man es wieder hochrollen, wirbt Geschäftsführer Sven Giese, "und man muss nicht die ganze Zeit auf eine Plexiglasscheibe schauen." Das Hygienerollo hat eine ganze Abteilung im Unternehmen vor Kurzarbeit bewahrt. 199 Euro kostet ein Exemplar, Giese zufolge hat Germania schon 1200 Stück verkauft.