Volle Modelager Die Angst der Händler vor der Rabattschlacht

Unverkaufte Frühjahrsmode türmt sich in Läden, Lagern und Häfen - und die Umsätze bleiben katastrophal. Die Händler fürchten sich vor ruinösen Preisnachlässen. Bleibt am Ende nur die Verbrennung?
Foto: Sabine Gudath/ imago images

Die Geschichte von Ernsting's Family ist die eines Aufstiegs, wie er nur wenigen Firmen gelingt: Gegründet wurde die Bekleidungskette 1967 als kleines Familienunternehmen. Doch aus dem ersten, etwas beengten Ladenlokal im Münsterland wuchs die Firma schnell heraus. Heute zählt das Filialnetz 1900 Standorte, der Umsatz hat sich seit 2010 auf etwa 1,2 Milliarden Euro verdoppelt. Das sind die Kennzahlen einer beeindruckenden Wachstumsgeschichte im hart umkämpften Modemarkt.

Derzeit aber wächst bei Ernsting's ähnlich wie in der ganzen Branche vor allem eines: die Auslastung der Lager. "Im April konnten wir fast nichts verkaufen", sagt ein Firmensprecher. Nun sei auch "die Mai-Ware da, jeden Tag kommen neue Artikel hinzu".

Auch viele Wettbewerber stehen wegen der Coronakrise vor vergleichbaren Problemen: Der Sommer steht schon vor der Tür, doch die deutschen Modehändler sitzen auf Bergen bislang unverkaufter Frühjahrsware. Was tun mit all den leichten Jacken und T-Shirts, sommerlichen Hosen und Röcken, die in Läden hängen, sich in Logistikzentren und Lagerhallen stapeln und inzwischen sogar in Containern in den Häfen warten? Kommt jetzt die große Rabattschlacht, wird es eingelagert - oder droht gar die massenhafte Vernichtung fabrikneuer Kleidung?

Was tun also?

Derweil ist die Konsumstimmung mau: Die Kunden kommen zwar inzwischen wieder in die Geschäfte, doch "der erhoffte Nachholeffekt nach dem Shutdown ist überwiegend ausgeblieben", sagt Jens von Wedel, Experte für Handels- und Konsumgüterunternehmen beim Beratungsunternehmen Oliver Wyman. Tatsächlich sind die Umsätze mit rund 30 bis 60 Prozent unter Vorjahr katastrophal. Eine aktuelle Umfrage von McKinsey bestätigt den Trend: Mehr als 50 Prozent der Verbraucher wollen demnach weniger für Mode ausgeben, insgesamt geht der Trend hin zu langlebigeren Modeartikeln.

Eins ist sicher: Es wird Anreize brauchen, um die Kunden in die Läden zu locken. Denn Maskenpflicht, geschlossene Umkleiden und Abstandsstreifen auf dem Boden lassen keine rechte Shoppinglust aufkommen. Hinzu kommt: Die meisten klassischen Anlässe für Kleiderkäufe fallen weg: "Das Kleid für die Feier, der neue Anzug fürs Büro, all das braucht man grade nicht", sagt von Wedel. Auch Tchibo registriert die nachlassende Konsumlaune und sagt: "Die Basics bringen wir zu einem späteren Zeitpunkt in den Verkauf."

Lagern, was geht

Die finanziell besser aufgestellten Händler haben sich entschieden, so viel wie möglich einzumotten. Sie wollen zumindest für den zeitlosen Teil des Sortiments verhindern, was sonst unweigerlich kommt: die große Rabattschlacht. "In der Branche geht die Angst um vor einem ruinösen Rabattwettbewerb", sagt ein Branchenkenner, der namentlich nicht genannt werden will. C&A kündigte bereits an zu rabattieren, bis die Ware eben verkauft sei . Zurzeit würden zum Beispiel Jacken schon bis zu 70 Prozent billiger angeboten. Auch Ernsting's Family gibt bereits Nachlässe - zum Beispiel 30 Prozent auf einen Kauf von 30 Euro, allerdings ohne dafür zu werben.

Besonders bedroht von der Rabattschlacht sind kriselnde Anbieter wie Gerry Weber und Esprit: "Die sind schon mit großen Problemen in die Krise gegangen", sagt der Insider. Gerry Weber kam kurz vor der Coronakrise gerade aus dem Insolvenzverfahren und plante eigentlich einen Neustart. Esprit wiederum hat als eine der ersten Firmen in der Krise Insolvenz angemeldet.

Wenn nun die einträgliche Frühjahrsware weit unter Wert verkauft werden muss, wäre das gerade für diese Firmen schwer zu verkraften. Gerry Weber-Chef Alexander Gedat lässt durchblicken, dass sich die Mode auch bei ihm in den Läden stapelt: "Gerry Weber hat viel unternommen, um die Bestände erfolgreich in den Griff zu bekommen. Corona macht uns jetzt teilweise einen Strich durch die Rechnung und die Mengen steigen wieder - wie bei fast allen Anbietern." Vorerst hat sich das Unternehmen, einer der größten Modehändler Europas, frisches Geld gesichert, um die Coronakrise zu bewältigen.

Warum Verbrennen die schlechteste Option ist

Doch wenn auch die Rabattschlachten nicht genug bringen - und die meisten Kunden trotzdem zu Hause bleiben? Wird dann vernichtet oder verbrannt? Alle befragten Händler versichern: "Wir verbrennen nichts", sagt eine Tchibo-Sprecherin. Auch der Modediscounter KiK betont, man verkaufe alle Ware "zu 95 Prozent. Die kleinen Restbestände werden gespendet. Lediglich beschädigte Ware wird recycelt." So handhabt es auch Ernsting’s Family. Was sich allerdings gar nicht mehr verkaufen ließe - die sogenannte Nullware - werde "zur Wiederverwertung" an Recyclingunternehmen gegeben.

Verbrennt also tatsächlich niemand - oder geben die Firmen es nur nicht zu? Branchenkenner Jens von Wedel hält die Aussagen der Unternehmen für glaubhaft. Ihm sei kein einziger Fall zu Ohren gekommen: "Das versucht jeder zu vermeiden." Als H&M vor drei Jahren vorgeworfen wurde, rund 10.000 Tonnen neue Kleider zu verbrennen, war der Imageschaden riesig - obwohl es sich laut H&M nur um schadhafte Ware gehandelt hatte. Auch die Menge von 10.000 Tonnen ist angesichts des weltweiten Absatzes von über 50 Millionen Tonnen Kleidung jährlich eher gering. Doch der Schock des H&M-Skandals steckt der Branche noch tief in den Knochen.

Restposten gehen an Zwischenhändler

Laut Branchenexperten richten sich die Firmen deshalb darauf ein, liegen gebliebenen Posten an Groß- oder Zwischenhändler zu liefern, die die Ware später etwa über Amazon Marketplace, Ebay, kleinere Supermarktketten verkaufen oder nach Osteuropa bringen. "Dieses Geschäft funktioniert besser als noch vor ein paar Jahren. Viel Geld bringt es nicht, aber es ist besser, als die Ware kostenpflichtig zu verbrennen", sagt von Wedel.

Diesen Weg scheint auch Gerry Weber unter anderem zu gehen: "Wir verbrennen keine Ware, sondern verkaufen in den eigenen Factory Outlets und ab und zu auch an Aufkäufer, die die Ware größtenteils im Ausland vermarkten", sagt Firmenchef Gedat. Tatsächlich ist das Verbrennen teuer: mindestens 120 Euro pro Tonne nehmen die Entsorger derzeit - angesichts der Textilmengen keine attraktive Option.

So viel wie möglich einlagern, rabattieren und ansonsten den Kopf einziehen - das ist derzeit die am meisten verbreitete Strategie. Große Sorge bereitet vielen Händlern derweil schon die nächste Herbstware - allerdings eher auf Angebotsseite, denn noch immer stehen viele Fabriken in Indien oder Bangladesch still. "Jetzt kämpfen wir um die Herbst- und Winterware aus Bangladesch", heißt es bei KiK. Der Discounter hat wegen der Schwierigkeiten bereits seine Prognose für den Umsatz für das laufende Jahr auf 2,1 Milliarden Euro gesenkt - das Niveau von 2018.

Flexible Lieferketten wie bei Inditex - die Lösung in der Krise

In der unsicheren Lage wird die langfristige Saisonplanung zum Roulettespiel. Eigentlich müssen jetzt schon die Kollektionen für das Frühjahr 2021 geplant werden - wo wirklich niemand die Nachfrage einschätzen kann. "Deswegen sind die Unternehmen mit schnellen, flexiblen Lieferketten eindeutig die Gewinner", sagt Berater von Wedel.

Ein Beispiel ist der spanische Zara-Mutterkonzern Inditex, der nicht nur in Fernost, sondern viel in Europa produzieren lässt. Auch andere Anbieter von Fast Fashion geben Aufträge vor allem von trendigen Produkten wieder vermehrt nach Europa. Mittelfristig dürfte sich die Konzentration vieler Händler auf die billige Fernostlieferkette wandeln, hin zu mehr Produzenten und mehr Produktionsländern: "In Pandemiezeiten gilt: je vielfältiger die Lieferkette, desto sicherer kommt man durch die Krise", sagt von Wedel.

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