Öffnungsstrategie im Handel Corona-Testpflicht verschreckt die Kunden

Die Bundesnotbremse sollte die Regeln in der Pandemie vereinheitlichen. Der Handel beklagt das Gegenteil: Es gebe ein Wirrwarr neuer Vorgaben – und die Pflicht für Schnelltests vergraule Shopper.
Fußgängerzone in Saarbrücken (im April): Meist zahlen die Firmen drauf

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Oliver Dietze / dpa

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Als Marcus Diekmann jüngst die Umsätze seiner Filialen besah, erschrak er. Am Freitag, zur Frühlingssaison und vor dem Wochenende eigentlich der ertragreichste Wochentag, schaffte der Fahrradladen von Rose Bikes in Bocholt mit seinen 4000 Quadratmetern nur 20 Prozent des normalen Besucherstroms. Wegen der Bundesnotbremse müssen sich Kunden vor dem Einkauf in dem Laden neuerdings testen. Das scheint die Leute eher abzuschrecken. »Diese Hürde ist zu hoch«, sagt der Chef des Fahrradhändlers. Die Testpflicht sei höchst problematisch, ein Desaster.

Ähnlich klingt es bei anderen Einzelhändlern. Eine komplette Schließung der Läden sei wirtschaftlicher, klagt s.Oliver-Chef Claus-Dietrich Lahrs. Und Timm Homann, Chef der Modekette Ernsting's Family, sieht in Öffnungskonzepten mit Tests oder Terminbuchung »eine ruinöse, willkürliche und völlig einseitige Belastung des ohnehin schon durch Zwangsschließung drangsalierten Handels.«

Das veränderte Infektionsschutzgesetz sollte eigentlich genau das Gegenteil bewirken. Es sollte Alleingänge der Bundesländer bei der Pandemiebekämpfung beenden und für klarere Regeln sorgen. Zudem ermöglicht die Bundesnotbremse bei sinkenden Inzidenzen das Öffnen von Läden. Doch so gut eine bundesweit einheitliche Strategie auch für Unternehmen klingen mochte, bringt sie Einzelhändler stärker denn je in Rage. Viele sagen, ihre missliche Lage habe sich durch die neuen Coronaregeln eher noch verschärft. Es gebe einen zunehmenden Wirrwarr an Vorgaben für ihre Filialen.

Zwar sollen Händler bei Inzidenzen zwischen 100 und 150 öffnen dürfen, jedoch nur für Kunden mit negativem Infektionstest. Den aber wollen offenbar viele lieber für andere Situationen nutzen als zum Shoppen, für Familienbesuche oder den Friseur zum Beispiel.

Laut einer Umfrage des Handelsverbands HDE bei Mitgliedsunternehmen verlieren mit Testpflicht geöffnete Geschäfte im Schnitt 70 Prozent der Kundenfrequenz im Vergleich zur Zeit vor der Coronapandemie und fast 60 Prozent des Umsatzes. Sind die Läden ganz geschlossen, liegen die Rückgänge nur jeweils rund zehn Prozent höher.

Wegen der schwankenden Corona-Inzidenzen müssen die Händler ihre Läden zudem nun mal schließen und dann wieder öffnen. Auf, zu, auf, zu: Vielen Kunden sei vollkommen unklar, was vor Ort genau gelte, klagen Unternehmer. Auch das schrecke ab. Die Regeln, ob Filialen öffnen könnten, würden außerdem so kurzfristig geändert, dass man kaum noch darauf sinnvoll reagieren könne, sagt Rose-Bikes-Chef Diekmann.

Die Frage, wie viele Kunden im Laden sein dürfen, sorgt ebenfalls teils für Verwirrung. Bei bis zu 800 Quadratmeter Verkaufsfläche darf eigentlich ein Kunde pro 20 Quadratmeter zum Einkaufen eingelassen werden. Bei größeren Läden nur ein Kunde pro 40 Quadratmeter. Manche Bundesländer haben aber andere, schärfere Regeln für Händler aufgestellt.

»Die aktuellen Regelungen sind aus unserer Sicht keine Öffnungsperspektive«, sagt s.Oliver-Chef Lahrs. »Wir brauchen Verlässlichkeit«. Gerade im Textilhandel muss die neue Ware lange vorgeplant werden, wird jetzt die Mode für den Jahreswechsel entwickelt und bezahlt. »Diese Maschine können wir nicht einfach anhalten – wie das die vergangenen sehr kurzfristig ergriffenen Maßnahmen der Politik immer vermuten lassen«, sagt Lahrs.

Um die Kunden nicht gänzlich zu vergraulen und die Mitarbeiter zu halten, öffnen viele Händler ihre Läden auch, wenn Tests gefordert sind und nur wenige Shoppingwillige kommen. Meist zahlen die Firmen dann drauf. Denn für die aus der Kurzarbeit zurückgeholten Mitarbeiter fehlen dann die staatlichen Hilfen, die Personalkosten aber schlagen wieder voll zu Buche, genauso die Mietkosten. Viele Händler haben mittlerweile Deals mit ihren Vermietern geschlossen, nach denen diese bei geschlossenen Läden einen großen Teil der Mietkosten erlassen. Öffnen die Händler wieder, fällt die gesamte Mietzahlung an.

»Pappschwert statt Bazooka«

An einer finanziellen Entschädigung dafür hapert es aus Sicht der Einzelhändler noch immer. Jeder Tag Lockdown beschere s.Oliver eine Million Euro operativen Ergebnisverlust, heißt es im Unternehmen. Laut der HDE-Umfrage sei seit Jahresbeginn ein Umsatzrückstand von 40 Milliarden Euro im Handel aufgelaufen – im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit. Zugleich warteten 60 Prozent der Handelsfirmen noch auf einen Teil ihrer Staatshilfen.

»Ohne den Umsatz aus Tausenden zwangsgeschlossenen Filialen fehlen dem Einzelhandel die finanziellen Mittel für Investitionen«, warnt s.Oliver-Manager Lahrs. Die Folge werde »die völlig unnötige Schließung von Geschäften sein, die noch im letzten Jahr gesund dastanden, verbunden mit bedauerlichen hohen Arbeitsplatzverlusten«.

Die Hilfe von Finanzminister Olaf Scholz, die er zu Beginn der Pandemie in Aussicht gestellt habe, »gleicht eher einem Pappschwert« statt der versprochenen Bazooka, kritisiert Lahrs. Auch die von Wirtschaftsminister Peter Altmaier gerade verkündete Auszahlung von 100 Milliarden Euro Corona-Wirtschaftshilfen seit März 2020 beschwichtigt die Firmen nicht. Die Hälfte seien teuer zurückzuzahlende Kredite der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), der Rest reiche nicht, sagen mehrere Händler.

Jetzt wollen mehrere Händler sich gegen die Vorgaben im Infektionsschutzgesetz zur Wehr setzen – und in den nächsten Wochen eine Verfassungsbeschwerde einreichen. Sie sehen sich ungleich behandelt, vor allem im Vergleich zu den Anforderungen an den Schutz vor Corona etwa in Großraumbüros, in staatlichen Einrichtungen oder der Industrie.

Die Beschränkungen im Einzelhandel seien »unverhältnismäßig stark« klagen mehrere Händler, darunter Intersport, Tom Tailor, Ernsting's Family, Bonita und Rose Bikes. Auch die Festlegung, welche Unternehmen systemrelevant seien, sei intransparent. So kritisieren Händler, dass die Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof extra Staatshilfe erhielt. »Die politischen Entscheider haben jeglichen Kompass verloren«, sagt Ernsting's-Chef Homann.

Gastronomen wollen den Vorstoß des Handels unterstützen. Der Gastgeberkreis, ein Zusammenschluss aus 200 Gastronomiefirmen von Tim Mälzers Restaurants über Block House, Käfer, Hans im Glück bis L'Osteria, fühlt sich ebenfalls unfair behandelt. »Betriebskantinen dürfen öffnen, in manchen Hotels werden Gäste beim Abendessen bedient, hinter der Security am Flughafen kann man speisen, aber wir müssen trotz sehr guter Hygienekonzepte die Innenräume weiterhin geschlossen halten«, kritisiert Mirko Silz, Chef von L'Osteria. Wie beim Einzelhandel würden große Restaurantketten nicht vollkommen entschädigt, da das EU-Beihilferecht Hilfsgelder begrenzt. »Wir machen im Monat fast vier Millionen Euro Verlust, was nur zu einem geringen Teil ausgeglichen wird«, klagt Silz.

Ihn sorgt auch, dass mittlerweile viele Mitarbeiter verloren gehen. Ihnen reiche das Kurzarbeitergeld nicht zum Leben, sie orientierten sich um. L'Osteria fehlten bereits rund 500 Mitarbeiter. Auch Einzelhändler beklagen einen Mangel an Auszubildenden, weil man keine Perspektiven bieten könne.

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