Henrik Müller

Corona nach den Sommerferien Wir brauchen dringend einen neuen Schulalltag

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Nach den Ferien droht an den Schulen erneut Unterricht im Stop-and-Go-Modus, denn es gibt immer noch keine Corona-resistente Bildungsinfrastruktur. Die Kosten für die Ausfälle sind auf Dauer gigantisch.
Grundschüler in Wiesbaden (im Juni): Vielerorts blieb es bei eher symbolischen Akten

Grundschüler in Wiesbaden (im Juni): Vielerorts blieb es bei eher symbolischen Akten

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Arne Dedert/ DPA

Der erste Corona-Sommer geht allmählich zu Ende. Und niemand weiß, wie viele noch folgen werden. Der ersehnte sichere Impfstoff ist nicht in Sicht, auch keine wunderheilende Behandlung. So ist die Lage: Auf absehbare Zeit wird Covid-19 unseren Alltag mitbestimmen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als mit der Seuche zu leben, zu arbeiten und, auch das, zu lernen.

Montag beginnt der Unterricht in Berlin, Brandenburg und Schleswig-Holstein, Mittwoch in NRW. Das Schuljahr startet, aber wie es verlaufen wird, ist Schülern und Eltern weithin unklar.

Was zu Anfang der Pandemie noch als Ausnahmesituation durchgehen konnte, muss nun einer neuen Normalität weichen - einem Zustand, der auf Dauer für alle Beteiligten und die Gesellschaft insgesamt tragbar ist. Besser gesagt: So sollte es sein. Aber so ist es nicht.

Wir sind auf die neue Normalität noch nicht eingestellt

In der ersten Phase der Coronakrise stand die Eindämmung der Pandemie im Mittelpunkt. Das war richtig. Über das Virus, seine Übertragungswege und Risiken war wenig bekannt. Entsprechend wurde das öffentliche Leben weitgehend heruntergefahren. Die Schulen machten ab dem 13. März dicht. 

Sechs Wochen später öffneten die ersten Schulen wieder. Aber vielerorts blieb es bei eher symbolischen Akten: ein paar Stunden pro Woche, verteilt auf wenige Tage. An einen flächendeckenden, durchgehenden Vollzeitunterricht war nicht zu denken. Und es steht zu befürchten, dass es im neuen Schuljahr so weitergehen wird. Und zwar nicht wegen lokaler Schulschließungen, die bei begrenzten Ausbrüchen der Epidemie hier und da unumgänglich sein mögen, sondern weil wir auf die neue Normalität noch nicht eingestellt sind und immer noch hoffen, schon bald zum Vor-Corona-Zustand zurückkehren zu können. 

"Eine verlässliche technische und organisatorische Infrastruktur, die eine vollständige Schließung von Bildungseinrichtungen auffangen könnte, ist in Deutschland noch nicht vorhanden", konstatierte die Leopoldina, die nationale Akademie der Wissenschaften , vor wenigen Tagen in einer Stellungnahme.

So kann und darf es nicht weitergehen. Die Schulen – und Hochschulen – müssen auch unter Corona-Bedingungen funktionsfähig bleiben. Das ist nicht nur ein Gebot der Fairness gegenüber Schülern und Eltern, die während der Shutdown-Phase weitgehend auf sich selbst zurückgeworfen waren. Das ist auch ein Gebot der ökonomischen Vernunft: Die Kosten des School’s-out-Ansatzes sind auf Dauer gigantisch, nicht nur für die "Generation Lockdown", sondern für die Gesellschaft insgesamt.

Heimbeschulung als Heimsuchung

Heimbeschulung ist kein Ersatz für Präsenzunterricht. Soziale Kontakte verdörren, die Lernintensität sinkt. Eine Umfrage  des Ifo-Instituts kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Zeit, in der sich Kinder unter Shutdown-Bedingungen mit der Schule beschäftigten, halbiert hat: von siebeneinhalb auf dreieinhalb Stunden täglich. Ein Drittel der befragten Schüler beschäftigte sich sogar nur zwei Stunden am Tag mit Lernen. Ähnliche Ergebnisse  förderte zuvor bereits das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zutage.

Klar, die meisten Schüler werden die Lernlücken dieses Frühjahrs aufholen können, falls der Unterricht sich von nun an normalisiert. Sollte die neue Normalität aber aus weiteren Unterrichtsausfällen und -verkürzungen, E-Mail-Hausaufgaben und Videostunden bestehen, wird dies die Lebenswege vieler Schüler dauerhaft beeinflussen.

Wer in seiner Jugend unter Unterrichtsausfällen zu leiden hat, muss als Erwachsener mit niedrigeren Einkommen zurechtkommen. Als Faustregel gehen Bildungsökonomen davon aus, dass vier Monate Schulschließung das spätere Einkommen im Schnitt um 2,5 Prozent jährlich senken.

Gesamtwirtschaftlich verursacht ein Ausfall des Bildungssystems immense Kosten. Forscher des Washingtoner Thinktanks Brookings haben für die USA erschreckende Zahlen  kalkuliert: Danach summieren sich die langfristigen Kosten einer viermonatigen Schulschließung auf 2,5 Billionen Dollar, 12,7 Prozent der US-Wirtschaftsleistung.

Arbeitende Mütter und ihre "zusätzliche Sorgearbeit"

Weltweit gesehen lassen sich die Kosten kaum überschätzen. Mehr als eine Milliarde Schüler und Studenten sind derzeit von Corona-bedingten Bildungsbeeinträchtigungen betroffen, kalkuliert die Unesco .

Je länger diese Phase dauert, desto unerträglicher werden die resultierenden Belastungen. Taiwan und Dänemark haben aus dieser Abwägung heraus Schulen und Kitas bereits frühzeitig wieder geöffnet. Anderswo geht es schleppender. Und bei erneuten Ausbrüchen des Virus drohen abermals Schließungen.

Dringend, mahnt eine Untersuchung  von Wissenschaftlern um Russell Viner vom University College London, müssten Alternativen zur Praxis der Schulschließungen entwickelt werden. Bildung sei einer der "stärksten Einflussfaktoren auf die Gesundheit und den Wohlstand” einer Gesellschaft. Langfristige Schulschließungen hätten gravierende Auswirkungen auf Bildungsniveaus, künftige Einkommen, den Gesundheitszustand der betroffenen Generation und künftige volkswirtschaftliche Produktivitätslevels, so die Forscher. Die Politik komme nicht umhin, solche langfristigen Kosten gegen den epidemiologischen Nutzen abzuwägen.

Dabei sind die materiellen und immateriellen Einbußen, die bei den Eltern dieser Schüler – und bei deren Arbeitgebern – anfallen, noch gar nicht berücksichtigt. Wer in der Homeschooling-Homeoffice-Falle feststeckt, kann kaum seine volle Produktivität entfalten. Auch das beeinträchtigt die Wirtschaftsleistung insgesamt, ebenso die individuellen Karrierechancen.

Betroffen sind insbesondere Mütter, auf denen ein "Großteil der zusätzlichen Sorgearbeit" laste, wie Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) formulieren. In einer Untersuchung  stellten sie fest, dass die Lebenszufriedenheit von Müttern in Haushalten mit Kindern unter 16 Jahren im Zuge des Shutdowns merklich gesunken ist, ein Effekt, der bei Männern nicht feststellbar war. Väter mögen von Entschleunigung und regelmäßigen Mahlzeiten im trauten Familienkreis schwärmen. Für Mütter war dies offenkundig eine zwiespältige Erfahrung. Im Zweifel leidet alles: die Kinder, der Job, die Partnerschaft.

Whatever it takes!

Angesichts der immensen Kosten sollten die Behörden massiv investieren, damit Bildungseinrichtungen für den Alltag in der Corona-Ära tauglich werden. Oberstes Ziel: Schulen sollten verlässlich offenbleiben, wann immer möglich – und whatever it takes.

Wenn zusätzliche Räume benötigt werden, sollte die Anmietung leer stehender Messegelände oder Hotelräume nicht am Geld scheitern. Wenn zusätzliches Personal benötigt wird, sollte die Beschäftigung qualifizierter Leute aus anderen Branchen, die im Zuge der Rezession ihre Jobs verlieren, kein Tabu sein. Wenn Maskenpflicht im Klassenzimmer den Unterricht sicherer macht, sollten wir uns daran gewöhnen. Falls Luftreinigungssysteme und Raumteiler das Ansteckungsrisiko durch Corona-kontaminierte Aerosole tatsächlich vermindern , sollten sie installiert werden.

Ob das Geld für solche Maßnahmen zur Verfügung steht, ist eine Frage der politischen Prioritäten. In der ersten Phase der Coronakrise ging es vor allem um die Bekämpfung der konjunkturellen und sozialen Folgen. Lobbyisten aller Branchen und Gewerkschaften standen Schlange und überboten sich mit Vorschlägen, Staatsgelder auszugeben. Herausgekommen ist das größte Stützungsprogramm der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Schüler aber haben keine schlagkräftige Lobby. Die meisten sind noch nicht einmal im Wahlalter. Und was die Eltern betrifft – zumal, wenn sie in der Homeoffice-Homeschooling-Falle stecken –, so haben sie wahrlich anderes zu tun, als sich politisch zu engagieren, auf die Straße zu gehen oder sonst wie auf ihre berechtigten Interessen aufmerksam zu machen.

Umso wichtiger wird der politische Druck vonseiten der Arbeitgeber und Gewerkschaften sein. Während des Shutdowns im Frühjahr, als viele Firmen unter massiven Umsatzeinbrüchen litten, mochten kurzarbeitende Mitarbeiter im Homeschooling für die Betriebe verzichtbar erscheinen. Doch im Zuge der allmählichen wirtschaftlichen Erholung, da es darum geht, die Produktion wieder hochzufahren und sich innovativ auf teils radikal veränderte Märkte einzustellen, werden Mitarbeiter gebraucht, die während der Arbeitszeit ihrem Job ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen lassen können. Unternehmensleitungen und Betriebsräte sollten deshalb ein vitales Interesse an verlässlich geöffneten Schulen haben. Was immer dafür nötig sein mag.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

Berlin/Potsdam/Kiel - Fit für Covid I – Beginn des Schuljahrs in Berlin, Brandenburg und Schleswig-Holstein.

Peking - Corona-Inflation oder -Deflation? – Chinas Statistikamt legt Zahlen zur Entwicklung der Verbraucherpreise im Juli vor.

Berichtssaison I - Geschäftszahlen von Porsche SE.

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