Kostenpflichtige Coronatests fürs Restaurant Stress mit den Gästen ist programmiert

Ungeimpfte dürfen bald nur noch mit einem privat bezahlten Test in Hotels, Restaurants, zum Friseur oder in Fitnessstudios. Die Betriebe fürchten nicht nur Einbußen, sondern auch unangenehme Begegnungen mit Kunden.
Mitarbeiterin in der Gastronomie

Mitarbeiterin in der Gastronomie

Foto: Ralph Peters / imago images

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Kaum sind die neuen Corona-Beschlüsse von Bund und Ländern verkündet, rechnen Ökonomen bereits vor, was sie für das Wirtschaftswachstum in Deutschland bedeuten. »Wir gehen für das vierte Quartal von einem Mager-Wachstum aus«, schreibt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer in einer Analyse. »Nach unseren Schätzungen könnten die Coronabeschränkungen das Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal um ein halbes Prozent senken.«

Zwar seien die neu beschlossenen Restriktionen nicht mit den vorherigen vergleichbar, weil sie vor allem für Ungeimpfte gelten und damit nur etwa ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung treffen. »Gleichwohl stellen sie für viele ohnehin geschwächte Dienstleistungsunternehmen eine erneute wirtschaftliche Belastung dar«, warnt Krämer.

Beschlossen wurde: Ungeimpfte müssen vom 11. Oktober an Coronatests selbst bezahlen, um am öffentlichen Leben teilnehmen zu können. Demnach sind Tests verpflichtend vorgeschrieben, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz über einen Wert von 35 steigt. Für Genesene und Geimpfte gilt die Testpflicht nicht.

Zu den besonders betroffenen Branchen zählen die Fitnessstudios. Bislang ist es je nach Bundesland unterschiedlich streng geregelt, wer mit welchem Nachweis trainieren darf – einzelne Landesregierungen verzichteten zuletzt sogar auf eine Testpflicht. »In unseren Studios gelten die gesetzlichen Vorgaben der jeweiligen Bundesländer. Eine Vielzahl unserer Mitglieder ist bereits geimpft, und andere legen Testnachweise vor«, sagt Pierre Geisensetter, Kommunikationsleiter der RSG Group, zu der auch die Kette McFit gehört. »Diese Kontrollen bedeuten einen erhöhten Aufwand, den wir aber gerne in Kauf nehmen, denn wir wollen weder die Gesundheit unserer Mitglieder riskieren noch ein erneutes Schließen der Studios.«

Für persönliche Betreuung fehlt die Zeit

Auch die Studiokette Fitness First hat ein umfangreiches Schutz- und Hygienekonzept erarbeitet. »Wir erwarten aufgrund der verschärften Regeln keinen Kundenrückgang«, sagt Geschäftsführer Johannes Maßen. »Die Kontrolle der Test- und Impfnachweise ist für unsere Mitarbeiterinnen natürlich ein zusätzlicher Aufwand. Ein Mitarbeiter beziehungsweise eine Mitarbeiterin muss immer am Empfang stehen.«

Kostenlose Selbsttests biete sein Unternehmen derzeit nicht an, sagt der Manager. »Wir legen Wert auf offizielle Testnachweise. All unsere Klubs befinden sich an zentralen Standorten und sind meist fußläufig von einem Testzentrum entfernt.« Die Adressen seien auf der Homepage für alle Mitglieder einsehbar.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Doch nicht alle Unternehmen rechnen mit verständnisvollen Kunden. Marc Breckwoldt, Geschäftsführer und Mitinhaber der Friseurkette Ryf, fürchtet erhebliche Auswirkungen auf die Umsätze, wenn die Vorgaben zu strikt ausfallen sollten. »Solange Selbsttests, die wir unseren Gästen anbieten oder die sie für wenig Geld beim Discounter kaufen können, zulässig sind, wäre ich weniger besorgt«, sagte Breckwoldt jüngst im SPIEGEL-Interview. »Wenn zum Preis unserer Dienstleistung die Kosten von etwa 15 bis 20 Euro sowie der Aufwand, in ein Testzentrum zu gehen, hinzukäme, würde die Nachfrage nach unseren Dienstleistungen einbrechen.«

Wie hoch der Preis in den Testzentren ab Herbst liegen wird, ist offen. Bei den frei verkäuflichen Schnelltests im Handel rechnen Marktbeobachter damit, dass sich der Preis bei etwa 2,50 Euro pro Stück einpendeln wird.

Fitnessstudio in Berlin: Erhöhter Aufwand durch Kontrollen

Fitnessstudio in Berlin: Erhöhter Aufwand durch Kontrollen

Foto: Maja Hitij / Getty Images

In der Hotelbranche ist man schon froh, dass die Betriebe offen bleiben sollen. Laut einer Umfrage des Branchenverbandes Dehoga wollen 72,3 Prozent der Unternehmen auch dann weiter Gäste empfangen, wenn der Zugang nur noch für Geimpfte und Genesene erlaubt wäre.

»Alles ist besser als ein weiterer Lockdown, der uns nach langen Monaten des Kampfes und der Ungewissheit die Hoffnung endgültig nehmen würde«, sagt Otto Lindner, Vorstand der Lindner Hotels AG. »Gleichwohl hätten wir uns natürlich mehr Planungssicherheit erhofft«, fügt er mit Blick auf das unübersichtliche Regelwerk hinzu. Das gelte für die Parameter, die zur Lagebeurteilung heranzuziehen sind, ebenso wie für die Festlegung der jeweiligen Grenzwerte bei den Inzidenzen.

Immerhin: Die Fortschritte beim Impfen erleichtern den Hotels den Alltag und die Planung. »Die digitalen Impfnachweise reduzieren zunehmend den zeitlichen Aufwand für Mitarbeitende und Gäste. Aktuell sind bereits viele unserer Gäste geimpft, sodass wir keine großen Änderungen beim Buchungsverhalten erwarten«, sagt der Hotelier. Einige der Lindner Hotels in Großstädten wie Hamburg und Köln verfügen zudem über eigene Testzentren im Hotel oder in unmittelbarer Nähe. Auch die Mitarbeiter testeten sich regelmäßig. »Die Coronamaßnahmen haben wir immer wieder nachgeschärft und mittlerweile perfektioniert«, sagt Lindner.

Die Pizzeria-Kette L'Osteria hält für Gäste derzeit sogar noch einige Test-Sets bereit: »Grundsätzlich bitten wir unsere Gäste, sich vorab testen zu lassen, sollte dies jedoch in einem Ausnahmefall einmal nicht möglich sein, haben wir in jedem Restaurant ein bestimmtes Kontingent an Schnelltests, die wir unseren Gästen zur Verfügung stellen können«, sagt L'Osteria-Chef Mirko Silz. Er betreibt bundesweit Restaurants und muss bei den Einlassbeschränkungen »den Flickenteppich an unterschiedlichen Herangehensweisen der Bundesländer stets im Blick haben«.

Die Branche fordert einheitliche Regeln

Für die jetzt beschlossenen Maßnahmen hat Ingrid Hartges vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga), sogar Verständnis. »Es ist schon sinnvoll, wenn die Regierung Druck macht, um die Impfquote zu erhöhen.« Einige grundsätzliche Bestimmungen sollten aber bundesweit einheitlich geregelt werden, fordert Hartges. So sei mancherorts im Einzelhandel eine FFP2-Maske vorgeschrieben, während andernorts eine einfache OP-Maske genüge. Das sei ein Problem für die Gastwirte, die Gästen von weither die lokalen Regeln erklären müssten, sagt Hartges. Vor allem aber berge das ein nicht unerhebliches Konfliktpotenzial, das Hoteliers und Gastwirtinnen allein bewältigen müssten.

Die Bedenken teilt auch Peer Petersen, Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Mr. Jones, die in Hamburg fünf Restaurants betreibt. Sorgen machen ihm weniger die möglichen Umsatzeinbußen, weil Gästen der Selbsttest zu teuer ist, um einfach für einen Cappuccino vorbeizuschauen. Die Geschäftsentwicklung für den Herbst lasse sich ohnehin schwer voraussagen, erklärt Petersen.

Programmiert sei vielmehr der Stress mit den Gästen, wenn es um die Überprüfung der Testnachweise gehe. »Die Situation belastet viele meiner Angestellten schon jetzt extrem«, berichtet Petersen. »Ab Oktober aber werden sie auf Menschen treffen, die Tests verweigern, weil sie sie selbst bezahlen müssen, und ihren Ärger über die Zurückweisung dann an den Mitarbeitern der Restaurants auslassen«.

Nach der Sonderbelastung durch die Schließungsverfügungen während der harten Coronaphase belaste der Staat die Branche jetzt wieder mit quasipolizeilichen Aufgaben und schädige damit auch das gute Einvernehmen mit den Gästen, sagt Petersen. »Was sollen wir machen, wenn eine Familie vor der Tür steht, die aus ganz Deutschland für eine Feier zusammengekommen ist, und einer oder zwei von ihnen hat seinen Nachweis nicht dabei?«, fragt der Restaurantbetreiber. »Wenn wir die Betroffenen dann wegschicken müssen, werden sich die Übrigen bestimmt nicht mehr an das gute Essen erinnern.«

So macht die Testpflicht den Unternehmen das Geschäft einerseits schwerer, doch sie kann sie auch vor Ungemach bewahren. Eine Pensionsbesitzerin aus Bayern berichtet etwa, dass kürzlich Gäste den Urlaub absagen mussten, weil der obligatorische Schnelltest vor ihrer Abreise zu Hause positiv ausgefallen sei. »Da war ich dann sehr froh, dass es die Tests gibt«, sagt sie. »Denn wenn sich in meiner Pension Gäste infizieren, dann möchte ich mir den Imageschaden gar nicht ausmalen.«

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.