Fair Fashion in der Coronakrise Mode für den Müll - oder fürs nächste Jahr

Konzerne wie C&A oder Primark setzen auf den schnellen Wechsel billiger Mode. Kleine Labels wie Armedangels versprechen, dass ihre teurere Ware lange hält. Das könnte ihnen in der Coronakrise helfen.
Von Carolin Wahnbaeck und Nicola Korte
Fair-Fashion-Branche in der Coronakrise: "Protect each other" (Schützt Euch gegenseitig) steht auf dieser Maske von Armedangels

Fair-Fashion-Branche in der Coronakrise: "Protect each other" (Schützt Euch gegenseitig) steht auf dieser Maske von Armedangels

Foto: ARMEDANGELS

Die Modeindustrie gilt als eine der schmutzigsten der Welt, mit ihrem Einsatz von schädlichen Chemikalien und unterbezahlten Arbeiterinnen und Arbeitern. Martin Höfeler gründete 2007, nach seinem BWL-Abschluss, ein Label, das es besser machen will: Armedangels. Sein Ziel: Mode fairer produzieren - und trotzdem damit Geld verdienen.

Das klappte jahrelang gut: Die sogenannte Fair Fashion des Labels ist im Massenmarkt angekommen, wird europaweit in mehr als 1000 Geschäften und bei Onlinehändlern wie Zalando verkauft. Mit seinem jährlichen Umsatz von zuletzt 35 Millionen Euro ist Armedangels eines der größten deutschen Ökomode-Unternehmen.

Aber funktioniert das Rezept auch jetzt, in der weltweiten Coronakrise?

Seit die Läden geschlossen sind, bricht vielen Modeketten der Umsatz weg, die Rede ist von rund 80 Prozent. Marken wie Esprit haben bereits Insolvenz angemeldet, andere schicken ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kurzarbeit oder wollen ihre Mieten nicht mehr zahlen. Den Druck geben sie in der Lieferkette weiter: Zahlreiche Modefirmen, darunter die Discounter C&A und Primark, haben bereits Aufträge in Milliardenhöhe storniert - und stürzen damit Länder wie Bangladesch in die Katastrophe. Allein in dem südostasiatischen Land drohen rund vier Millionen Fabrikarbeiter auf der Straße zu landen.

"Das Problem auf mehrere Schultern verteilen"

Das Thema Verantwortung für die gesamte Produktionskette der Textilbranche ist damit brennender denn je. Höfeler will auch jetzt an seinen Grundsätzen festhalten: "Wir versuchen, solidarisch zu bleiben und stornieren keine Aufträge bei unseren Produktionspartnern", sagt er. "Wenn man das gegenwärtige Problem auf mehrere Schultern verteilt, kann man das Aus des Einzelnen vielleicht verhindern."

Wenn es gut läuft, könnten Fair-Fashion-Unternehmen mit dem Schock besser zurechtkommen als konventionelle Modekonzerne. Denn für die wird ihre bisherige Erfolgsstrategie der "Fast Fashion" jetzt zum Problem: Während das Wirtschaftsleben pausiert, ziehen die Mode und der Bedarf der Kundschaft weiter - und die auf schnellen Wechsel produzierte Kleidung altert im Lager. "Die Ware kann in Zukunft nicht mehr verkauft werden und wird wohl größtenteils einfach verbrannt. Das ist eine unfassbare Ressourcenverschwendung", sagt Martin Höfeler.

Das Phänomen ist nicht neu, aber es wird durch die Coronakrise um ein Vielfaches potenziert. "Auch uns trifft es hart. Unter anderem liegen bei uns derzeit Waren im Wert von knapp drei Millionen Euro im Lager, die wir nicht weiterverkaufen können."

Doch Armedangels hat darauf eine eigene Antwort: "Wir versuchen, gute und langlebige Produkte zu machen, nicht nur für einen kurzen Trend", sagt Höfeler. Das könnte helfen, dass seine Produkte auch nächstes Jahr noch verkauft - und getragen - werden.

Dasselbe versucht auch das nachhaltige Label LangerChen. Geschäftsführer Philipp Langer ist gerade dabei, die Frühjahrskollektion für nächstes Jahr zu entwerfen. "Weil die Händler jetzt auf einem Großteil der Ware sitzen bleiben, achten wir darauf, dass die Kollektion nächstes Jahr sich gut mit den Sachen aus diesem Jahr kombinieren lässt." Außerdem halte er die Stoffe aus diesem Jahr bereit, damit er die fehlenden Größen für die Händler auch nächstes Jahr noch nachproduzieren könne, sagt Langer.

Bitte zahlt den vollen Preis!

Langer war es auch, der die Aktion "Fair Fashion Solidarity " zusammen mit dem Kölner Modelabel Lanius, dem Fair-Fashion-Store Loveco und dem Modeportal Avocadostore ins Leben gerufen hat: Eine Bewegung von mehr als 150 nachhaltigen Modemarken, Händlern und Kunden, die auf Gemeinsamkeit in Zeiten der Coronakrise setzen - um tatsächlich die Lasten auf mehrere Schultern zu verteilen.

Dazu gehört Verzicht auf Rabatte sowie vorzeitigen Sale und der Appell an die Kunden, den vollen Preis zu zahlen. "Wir bei LangerChen reduzieren unsere Produkte jetzt erst mal nicht, auch wenn der Markt da draußen sich die Preise um die Ohren haut", sagt Langer.

Sewalski vom Onlineportal Avocadostore - einer Art nachhaltigem Zalando - macht mit: "Wir helfen den Labels, indem wir jetzt erst mal keinen Sale machen. Denn die Produkte sollen sich ja in den Läden später noch verkaufen. Außerdem bitten wir unsere Kunden ganz explizit: Wenn Ihr wollt, dass wir überleben, dann zahlt bitte den vollen Preis."

Auch Onlinemodehandel ist eingebrochen

Was viele nicht ahnen: Auch der Onlinemodehandel ist eingebrochen. Um 50 bis 60 Prozent gingen die Umsätze von Avocadostore zurück. Aber nachdem das Portal den Einbruch über die sozialen Medien publik machte, "kam uns eine echte Welle der Liebe entgegen: Ganz viele Leute haben mir gemailt, dass sie jetzt bestellt haben", sagt Sewalski. Inzwischen hätten sich die Umsätze wieder etwas erholt, auch weil mehr Labels an Bord gekommen sind: "Um den vielen Läden und Labels ohne Onlinestore einen Marktplatz zu bieten, ersparen wir ihnen jetzt unsere Aufnahmegebühr", sagt Sewalski.

Es scheint, als würde die Branche tatsächlich versuchen, sich gegenseitig zu helfen. Es sei gerade üblich, Zahlungsziele nach hinten zu schieben oder Bestellzyklen zu verlängern, sagt Sewalski. Denn wer jetzt nichts verkauft, hat auch kein Geld, um die Kollektionen für nächstes Jahr zu bestellen.

Das mag mit der viel beschworenen Solidarität zu tun haben. Es geht aber auch um die Erfolgsstory der jungen Marken, die in den vergangenen Jahren ein beachtliches Wachstum aus der Nische heraus hingelegt haben. Die Story ist, bei aller Konkurrenz, wichtig für die weitere Entwicklung. "Es wäre einfach extrem schade, wenn die Fair Fashion jetzt den Bach runtergeht, wo wir endlich auch im konventionellen Markt angekommen sind", sagt Sewalski.

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