Henrik Müller

Corona und der Wettbewerb der Systeme Die erschreckende Leistungsfähigkeit der Deutschen

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Die Pandemie hat einen epochalen Wettbewerb der Systeme ausgelöst. Es geht um den Rang der Nationen, um globales Prestige und Macht - und um die Freiheit.
Container-Stapel im Hamburger Hafen: Der aktuelle ZEW-Indikator zeigt bereits eine überraschend deutliche Stabilisierung der Konjunkturerwartungen

Container-Stapel im Hamburger Hafen: Der aktuelle ZEW-Indikator zeigt bereits eine überraschend deutliche Stabilisierung der Konjunkturerwartungen

Foto: Christian Ohde / picture alliance

Derzeit laufen zwei große weltweite Wettbewerbe. Welches Land hat die beste Strategie zur Eindämmung der Corona-Pandemie? Und: Welche Volkswirtschaft kommt am besten aus der tiefsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg?

Die globale medizinische Krise hat einen epochalen Konkurrenzkampf der Systeme ausgelöst. Auf dem Spiel steht der Rang der Nationen in der Zeit danach. Es geht um globales Prestige und Macht, um strukturelle Schwächen und vitale Widerstandskräfte - es geht darum, das eigene Volk und den jeweiligen Rest der Welt zu beeindrucken. Den Gewinnern winkt die Festigung der Strukturen im Innern und die Mehrung der eigenen Strahlkraft ("soft power"). Letztlich geht es um die Zukunft der freiheitlichen Gesellschaft und der Weltordnung insgesamt.

Der Ausgangspunkt dieses Risikospiels ist ein global nahezu identischer Schock: Dasselbe Virus wird auf höchst unterschiedliche Regierungssysteme, staatliche Institutionen, Wirtschaftsstrukturen, medizinische Systeme und politische Kulturen losgelassen. Die Situation gleicht einem gigantischen Laborexperiment. Die Bürger sind in wechselnden Rollen daran beteiligt: als Betroffene, Akteure, Zuschauer, Schiedsrichter.

Es konkurrieren: Staatskapitalismus und Marktwirtschaft, Demokratie und Autoritarismus, Populismus und Technokratie, privatwirtschaftlich und staatlich dominierte Gesundheitssysteme. Ausgetragen wird der Wettbewerb mit Fakten und Fiktionen, mit Taten und Worten, mit Propaganda und Lügen.

Der Ausgang ist offen. Aber einige Indizien deuten darauf hin, dass es am Ende ein paar Überraschungssieger geben könnte.

China in der Offensive

Da ist zunächst die medizinische Situation. Täglich veröffentlicht die Johns-Hopkins-Universität das globale Bulletin: die Zahl der Corona-Infektionen, den Verlauf der Epidemie und die Anzahl der virusbedingt Gestorbenen in jedem Land. Die ersten beiden Zahlen sagen etwas über die Effektivität der Eindämmungsmaßnahmen aus, die dritte über die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems.

Geht man nach diesen Angaben, sehen einige Staaten wie Sieger aus, nämlich jene, die es geschafft haben, die Kurve der Ausbreitung frühzeitig abzuflachen, dann abzusenken und dabei die Zahl der Verstorbenen niedrig zu halten. China gehört danach zu den größten Gewinnern. Seit Ende März verzeichnet das Ursprungsland der Pandemie praktisch keine Neuinfektionen mehr. Die Zahl der ausgewiesenen Corona-Toten lag Ende der abgelaufenen Woche unter derjenigen der viel kleineren Niederlande.

Auch Russland schneidet den Zahlen zufolge gut ab. Zwar weist das Land recht hohe Zahlen von Infizierten aus, aber die Sterberate liegt bei nur einem Prozent der Infizierten. Das wäre ein spektakulärer Erfolg. (In Deutschland beträgt die ausgewiesene Todesrate 4,5 Prozent.)

In den Zahlen spiegelt sich auch der jeweilige Grad an Verlässlichkeit und Transparenz der Institutionen. Nicht überall besteht die Funktion der regierungsamtlichen Statistik unbedingt darin, ein klares Bild der Realität zu zeichnen. Manchmal müssen die Zahlen auch die offizielle Propaganda unterstützen.

Chinas Führung feiert sich dieser Tage beim "nationalen Volkskongress" für ihre Pandemie-Bekämpfung. Fernsehbilder von den groß inszenierten Siegesfeiern über den virologischen Feind in Wuhan, wo Covid-19 zuerst ausbrach, gingen um die Welt. Vehement versucht das Regime, sich als globales Vorbild zu inszenieren und den Glaubwürdigkeitsschaden der ersten Monate der Epidemie zu reparieren. Lieferungen von medizinischem Material ins Ausland wurden von Staatsmedien spektakulär begleitet. Eine unabhängige Untersuchung über etwaige Verfehlungen bei der Bekämpfung des Virus in China ist allerdings nicht in Sicht.

Russlands Präsident Wladimir Putin präsentiert sich als ikonischer Führer, der per Videokonferenz die Geschicke des Landes steuert - in die richtige Richtung, versteht sich. Da mag das Internet voll von Meldungen über Verstorbene sein, die an schwerer Lungenentzündung litten. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Was würde Churchill heute tun?

Populistische Anführer im Westen haben es schwerer. Unabhängige Institutionen liefern ein klareres Bild der tatsächlichen Lage. Entsprechend größer sind die vorliegenden Zahlen. In den USA beispielsweise, dem Land mit den meisten gemeldeten Infizierten, liegt die Todesrate bei rund 6 Prozent. Das ist deutlich weniger als in vielen westeuropäischen Ländern; in Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien liegen die Werte zwischen 12 und 16 Prozent.

Doch Trump versucht seine chaotische Krisenreaktion der ersten Monate vergessen zu machen, indem er tut, was Populisten gern tun: die Lärmspirale zum Tanzen bringen - Konflikte inszenieren, Kontrahenten zu Gegnern stilisieren, von China über Amtsvorgänger Barack Obama bis zu einzelnen Bundesstaaten. Schimpfen, toben, drohen - der Präsident im Wahlkampfmodus präsentiert seine Pressekonferenzen als Corona-Shows, wobei echte und alternative Fakten verschwimmen. Die Twitter-Frequenz erreicht zuweilen ein schwindelerregendes Tempo.

Bei seinen Anhängern hat Trump damit beachtlichen Erfolg. 71 Prozent der Republikaner-Wähler halten die Krisenreaktion der USA für gut oder sehr gut, aber nur 27 Prozent der Anhänger der Demokraten teilen diese Ansicht, wie eine Umfrage des Pew Research Centers  zeigt. In Großbritannien bemüht sich Boris Johnson, sein anfängliches Kleinreden der Corona-Gefahr vergessen zu machen und nun, nach durchgestandener eigener Infektion, zu einer Art neuem Churchill aufzuschwingen. Doch die Meinung über den Premier  unterscheidet sich stark zwischen den Anhängern verschiedener politischer Lager.

Populismus spaltet. Das zeigt sich auch in Brasilien, wo Präsident Jair Bolsonaro zunächst das Virus kleingeredet und nun Demonstrationen gegen den Shutdown-Kurs regionaler Behörden angezettelt hat. Wer die Wahrheit seiner eigenen Propaganda unterordnet, wird im Angesicht einer ernsten Bedrohung scheitern.

In der nächsten Phase des globalen Systemwettbewerbs wird es darum gehen, wo sich die Wirtschaft am schnellsten erholt. Wer kommt wie stark aus der Krise?

Am Ende könnte die Bundesrepublik zu den - relativen (!) - Gewinnern der Krise zählen

Harte Daten gibt es dazu bislang kaum. Die bisher vorliegenden westlichen Wirtschaftsstatistiken haben noch nicht einmal den Absturz der Wirtschaftstätigkeit vollends erfasst (achten Sie Donnerstag auf die US-Arbeitslosenzahlen - binnen Wochen ist in Amerika aus Vollbeschäftigung Massenarbeitslosigkeit geworden). Erste Zahlen zur chinesischen Industrieproduktion im April präsentierten einen starken Wiederanstieg nach der Lockerung des Shutdowns. Allerdings ist unklar, wer all diese Produkte eigentlich kaufen soll, solange die wichtigsten Absatzmärkte in der Corona-Falle feststecken.

In der bevorstehenden Woche steht nun eine Fülle von Frühindikatoren zur Veröffentlichung an (darunter Montag der Ifo-Geschäftsklima-Index, Dienstag das Verbrauchervertrauen von der GfK). Der aktuelle ZEW-Indikator  zeigt bereits eine überraschend deutliche Stabilisierung der Konjunkturerwartungen. Auf den Kollaps könnte im zweiten Halbjahr eine allmähliche Wiederbelebung folgen.

Hier ist eine gewagte Vermutung: Am Ende könnte die Bundesrepublik zu den - relativen (!) - Gewinnern der Krise zählen. In Sachen Epidemie-Management gilt Deutschland, neben Südkorea, international als vorbildlich. Auch die schnellen, entschiedenen Stabilisierungsmaßnahmen für die heimische Wirtschaft scheinen bislang ziemlich effektiv zu sein.

Zwar ist damit noch nichts über die langfristigen Auswirkungen eines ungeplanten Systemwechsels hin zu mehr staatlichem Einfluss gesagt. Aber für den Moment bestätigt die aktuelle Lage wieder mal die Einschätzung unserer Nachbarn von der geradezu erschreckenden Leistungsfähigkeit der Deutschen. Während etwa Frankreich unter hohen Corona-Todesraten leidet, die Staatsschulden empfindliche Niveaus erreichen und das Ansehen Präsident Emmanuel Macrons bei seinen Bürgern angegriffen ist, zeigt sich der östliche Nachbar handlungsfähig und vergleichsweise geschlossen, trotz des manchmal anstrengenden Föderalismus und der Anti-Shutdown-Demos.

Das ist einerseits eine gute Sache, nicht aus falsch verstandenem Patriotismus, sondern weil es im globalen Systemwettbewerb auch darum geht zu beweisen, dass die technokratisch unterkühlte Marktdemokratie funktionieren kann - dass Freiheit nicht notwendigerweise Lärm und Spaltung bedeutet.

Andererseits ist dieses Deutschland für seine Nachbarn schwer erträglich. Die Angst vor deutscher Hegemonie geht wieder einmal um - wenn nicht in der Politik, dann zumindest in der Wirtschaft, wo nun deutsche Unternehmen, aufpeppt durch das gigantische Staatshilfen-Paket der Bundesregierung, ihre Konkurrenten im EU-Binnenmarkt plattmachen könnten.

Aus dieser Position relativer Stärke erwächst Verantwortung. Dass Kanzlerin Angela Merkel nun auf Macron und die Corona-gezeichneten Euro-Südstaaten zugegangen ist und den Einstieg in die (hierzulande viel geschmähte) "Transferunion" wagt, ist richtig (Mittwoch gibt detaillierte Vorschläge aus Brüssel). Es kann nur ein erster Schritt sein. Um die Europäische Union insgesamt im globalen Systemwettbewerb nach vorn zu bringen, sind viele weitere Schritte nötig.

Abgerechnet wird am Schluss

Bislang ist der Westen in der Defensive. Hohe Infiziertenzahlen und schwere wirtschaftliche Verwerfungen, dazu das Wüten Trumps und der ständige Streit der Europäer - all das kratzt am Image. Europa und Nordamerika geben kein gutes Bild ab.

Doch es ist immerhin möglich, dass in Ländern wie China und Russland die Diskrepanz zwischen Wahrheit und Propaganda irgendwann doch so erdrückend wird, dass sie ganze Regime hinwegfegt. Möglich auch, dass im Herbst der Zentrist Joe Biden zum US-Präsidenten gewählt wird, Europa ein paar große Schritte nach vorn macht und der Westen eine Renaissance erlebt.

Das globale Corona-Spiel um Macht, Prestige und Einfluss ist noch lange nicht zu Ende. Abgerechnet wird am Schluss.

Die wichtigsten Ereignisse der bevorstehenden Woche

München - Die Stimmung in der Wirtschaft – Neues vom Ifo-Geschäftsklimaindex.

Wiesbaden - Wie geht’s, Deutschland? – Das Statistische Bundesamt veröffentlicht Details zur Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal.

Karlsruhe – Immer wieder Diesel – Der Bundesgerichtshof urteilt über eine erste Schadensersatzklage eines Dieselkäufers gegen VW.

Internationale Konjunkturindikatoren I - Investitionen und Einkaufsmanagerindex (Japan), Einkaufsmanagerindex (China).

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