Debatte über Renationalisierung Holt die Industrie ihre Produktion zurück nach Deutschland?

Die Coronakrise und der Brexit zeigen, wie anfällig globale Lieferketten sind. Wird die Produktion wichtiger Waren nun tatsächlich zurück nach Deutschland verlagert?
Tablettenproduktion (Archivbild): Plötzlich wurden Wirkstoffe knapp

Tablettenproduktion (Archivbild): Plötzlich wurden Wirkstoffe knapp

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

Als wegen Corona plötzlich jeder Desinfektionsmittel wollte, bekam Thomas Büttner das zu spüren. Er ist Geschäftsführer der Firma Gemini PharmChem, die in Mannheim Wirkstoffe für die Chemotherapie herstellt. Durch den Desinfektionsboom mangelte es dort plötzlich an bestimmten Alkoholen. »Ich bin jetzt knapp 40 Jahre im Berufsleben«, sagt Büttner. »Es war das erste Mal, dass man mich nur noch in Raten beliefert hat.«

Eine Erfahrung, die nicht nur Büttner machte. Zu Beginn der Pandemie litten viele Pharmaunternehmen unter Liefereinschränkungen in China und Indien, von wo mehr als 80 Prozent der gängigen Wirkstoffe stammen. Auch in anderen Branchen wurden Lieferketten durch die Pandemie arg strapaziert oder rissen gar. Corona brachte deshalb auch eine Diskussion über die Frage, ob Teile der hoch globalisierten Industrieproduktion zurück nach Deutschland verlagert werden sollten.

Zum Jahresende bekommt diese Debatte neue Nahrung: In Großbritannien kam es wegen einer neuen Corona-Variante und dem bevorstehenden Brexit zu Lieferengpässen, Supermärkte rationierten ihre Waren. Und in der gesamten EU zeichnet sich ein Mangel an Corona-Impfstoffen ab. Dieser wurde durch eine chaotische Bestellpolitik verursacht, aber auch durch mangelnde Produktionskapazitäten. So arbeitet der deutsche Impfstoffhersteller Biontech derzeit mit Hochdruck an der Fertigstellung einer neuen Fabrik in Marburg.

»Ich halte es für rich­tig, dass man für be­stimmte Pro­dukte auch hei­mi­sche Pro­duk­tion braucht, um sich nicht kom­plett von Lie­fe­run­gen aus aller Welt ab­hän­gig zu ma­chen«, hatte die Wirtschaftsweise Veronika Grimm bereits im April dem »Handelsblatt« gesagt. Dort prophezeite auch der Ökonom Bert Rürup, die Produktionsengpässe würden »ein Um­den­ken in den hoch ar­beits­tei­lig or­ga­ni­sier­ten Bran­chen be­wir­ken; Teile von Wert­schöp­fungs­ket­ten dürf­ten re­na­tio­na­li­siert wer­den«.

Während der ersten Corona-Welle schienen manche Unternehmen denn auch gleich Nägel mit Köpfen zu machen: Unterwäsche- oder Matratzenfabrikanten sattelten auf die Produktion von Atemschutzmasken um, weil die vor allem in China produzierte Ware in Deutschland knapp wurde. Doch wird es auch einen breiteren Trend zur Renationalisierung geben?

Die Meinungen dazu gehen auseinander und hängen auch davon ab, wie sehr Unternehmen selbst in den Weltmarkt eingebunden sind. »In der Diskussion über eine Rückverlagerung von Produktion rudern inzwischen alle ein Stück zurück«, sagt etwa Han Steutel, Präsident des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller, in dem viele Global Player der Branche organisiert sind. »Denn einmal gefällte Investitionsentscheidungen kann man nicht mehr zurückdrehen. Das wird auch die Politik einsehen.«

Der eher mittelständisch orientierte Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie plädiert dagegen dafür , wieder verstärkt in Europa zu produzieren. »Wenn ein Anbieter aufgrund technischer Schwierigkeiten dann nicht liefern kann, sind andere Unternehmen vorhanden, die einspringen können.« Das sei derzeit besonders durch die Konzentration auf wenige Anbieter in Asien »immer seltener der Fall«.

Pharmaunternehmer Büttner glaubt, dass die Diskussion nur aufgeschoben ist. »Solange wir nach einem Impfstoff suchen, hat niemand Zeit für das Thema. Aber im ersten oder zweiten Quartal wird es wieder auf die Tagesordnung kommen, um Engpässe und Abhängigkeiten zu vermeiden.«

»Aha-Erlebnisse und Schockmomente«

Die Bundesregierung will allerdings erkennbar den Eindruck vermeiden, der langjährige Exportweltmeister schotte sich nun ab. »Die Antwort auf die Pandemie kann mit Sicherheit nicht sein, alle internationalen Lieferketten jetzt zu renationalisieren«, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). »Dann würden alle einen sehr hohen Preis zahlen.« Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) warnte ebenfalls vor Renationalisierung: »Das wäre schlecht für uns als Ex­port­na­tion.«

Auf Nachfrage ist beim BDI jedoch zu erfahren, dass die Pandemie viele Unternehmen zum Nachdenken gebracht habe. Das gelte besonders für die in der Automobilbranche verbreitete Just-in-time-Produktion, bei der Teile erst dann geliefert werden, wenn sie benötigt werden. »Da gab es besonders im Februar und März schon einige Aha-Erlebnisse und Schockmomente«, sagt ein Vertreter des Verbands. Die langfristigen Folgen für Außenhandel und Investitionen ließen sich noch nicht vorhersagen, aber: »Bei vielen Unternehmen wird es auf mehr Lagerhaltung, mehr Bezugsquellen und regionale Diversifizierung hinauslaufen.«

Die wenigsten Firmen werden also ihre gesamte Produktion nach Hause holen. Doch viele versuchen, ihre Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten in der Ferne zu reduzieren. Bei einer DIHK-Umfrage  unter deutschen Unternehmen im Ausland gaben im Juli 38 Prozent an, sie suchten vermehrt neue Lieferanten. Davon sahen sich 63 Prozent nach lo­kalen Zu­lie­fe­rern am jeweiligen Standort um. Regionalisierung kann in diesem Fall auch bedeuten, dass deutsche Unternehmen mit Produktion in China verstärkt mit örtlichen Zulieferern arbeiten.

Vor einer generellen Rückkehr zu »Made in Germany« warnen Ökonomen hingegen auch wegen der starken Verflechtung mit dem Rest der Welt. »In Deutschland hätten eine Rena­tionalisierung und das Zurückholen der Produktion enorme negative Folgen auf die Wirtschaftskraft«, schreiben die Ifo-Forscherinnen Lisandra Flach und Marina Steininger . Nach ihren Berechnungen wäre zwar die Auswirkung der Corona-Pandemie »in einer deglobalisierten Welt etwas ge­ringer« gewesen. »Gleichzeitig würde jedoch das deutsche Brut­toinlandsprodukt durch die Deglobalisierung und den Covid-19-Schock auf ein Niveau von 1996 zurückge­worfen werden.«

Darf's ein bisschen teurer sein?

Nicht immer aber sind die Kosten entscheidend – das zeigt ein Blick ins traditionell protektionistischere Frankreich. Dort befürworteten bei einer Umfrage des Instituts Odoxa 89 Prozent der Befragten eine Rückverlagerung von Industrieproduktion auch dann, wenn dies die Preise für Konsumenten erhöhen sollte. Die Stimmung passt zur Ankündigung von Präsident Emmanuel Macron, die wirtschaftliche Un­ab­hän­gig­keit des Landes zu stärken.

Auch in Deutschland ist der Preis nicht alles – zumindest wenn es um Medikamente und Schutzmaterialien geht. Bei einer Forsa-Umfrage für die Robert-Bosch-Stiftung  sprachen sich 92 Prozent dafür aus, solche Medizinprodukte verstärkt in Deutschland und Europa zu produzieren – auch wenn die Preise dadurch steigen sollten.

Leichter Rückenwind für solch einen Kurs kommt aus Brüssel. Laut der kürzlich vorgestellten Arzneimittelstrategie der EU-Kommission  soll Europa seine Abhängigkeiten im Gesundheitsbereich reduzieren – und zwar »möglicherweise durch die Diversifizierung der Produktions- und Lieferketten, die Sicherstellung von Vorräten an strategisch wichtigen Gütern und die Förderung der Produktion und Investitionen in Europa«.

Ginge es nach Unternehmern wie Thomas Büttner könnte dieses Bekenntnis ruhig noch beherzter ausfallen. Bisher sei der Preis für sehr billige Medikamente, »dass wir irgendwann in Krisensituationen keine haben«, sagt der Gemini-PharmChem-Manager. Dabei könne der Staat die heimische Forschung und Produktion wichtiger Arzneien durchaus gezielt fördern – so wie er es jetzt bei der Entwicklung des Corona-Impfstoffes getan hat. »Das hat mir gezeigt: Wenn es der politische Wille hergibt, geht eine ganze Menge.«