Umfrage zu Coronabeschränkungen Viele Unternehmen sehen sich in ihrer Existenz bedroht 

Wegen der Corona-Verbote fürchten viele Firmen die Pleite. Nur rund die Hälfte bezifferte in einer Ifo-Umfrage die eigene Überlebensfähigkeit auf mehr als sechs Monate, sollte es weiter Einschränkungen geben.
Schild an einem Lokal in Berlin

Schild an einem Lokal in Berlin

Foto: Jörg Carstensen/ dpa

Die deutsche Wirtschaft kämpft wegen der Einschränkungen in der Coronakrise um ihre Existenz. Das geht aus der April-Umfrage des Münchner Ifo-Instituts hervor. Demnach geben 29,2 Prozent der befragten Firmen an, höchstens drei Monate überleben zu können, wenn die pandemiebedingten Einschränkungen noch für längere Zeit bleiben würden. Maximal sechs Monate könnten der Erhebung zufolge 52,7 Prozent durchhalten.

"Das sind beunruhigende Zahlen, die auf eine kommende Pleitewelle hindeuten", sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe zu den Zahlen. Sie basieren auf der monatlichen Umfrage des Instituts unter rund 9000 Unternehmen der Industrie, des Dienstleistungssektors, des Handels und des Bauhauptgewerbes. Einschränkend gilt jedoch, dass die meisten Antworten der Befragung bei den Münchner Forschern noch vor der Mitte des Monats eingingen - und damit vor den Ankündigungen der Lockerung des Shutdowns. Die Befragung startete dem Sprecher des Instituts zufolge Anfang des Monats und endete am 23. April.

Bei den Antworten gibt es unter den Wirtschaftszweigen teils erhebliche Unterschiede:

  • Im Einzelhandel war die Lage laut Ifo-Institut im April besonders kritisch: 44,9 Prozent der Unternehmen antworteten, sie könnten maximal drei Monate durchhalten. Und insgesamt können 63,2 Prozent der Einzelhändler nach eigenem Bekunden höchstens ein halbes Jahr überstehen. Entsprechend hatte bereits vor rund zwei Wochen der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), Stefan Genth, vor einer gewaltigen Pleitewelle gewarnt - und einem bleibenden Schaden für die Innenstädte. Ob sich diese Einschätzung der Lage durch die verbreitete Öffnung von Geschäften in den vergangenen Tagen inzwischen grundlegend geändert hat, lässt sich aus den Zahlen noch nicht sagen - darf aber bezweifelt werden. Denn auch nach der Öffnung befürchtete er Zehntausende Insolvenzen.

  • Angespannt ist die Lage auch bei den Dienstleistern. 31,3 Prozent gaben an, ihnen drohte bereits innerhalb eines Vierteljahrs oder weniger das Aus. Insgesamt müssen 56 Prozent der Dienstleister spätestens nach einem halben Jahr die Pleite anmelden. Trotz der aktuellen Lockerungen sind viele Dienstleister wie Friseure noch immer von den Corona-Verboten betroffen.

  • Etwas stabiler ist die deutsche Industrie. Jede vierte Firma hat Kraft für ein Vierteljahr. Nach einem halben Jahr müsste fast jedes zweite Industrieunternehmen aufgeben.

  • Der Bau zeigt sich derzeit am robustesten: 20,4 Prozent der Unternehmen halten ein Vierteljahr oder weniger durch. Und  45,4 Prozent der Firmen verschwinden nach spätestens einem halben Jahr. Anders als etwa in Frankreich sind Baustellen in Deutschland auch weiterhin in Betrieb, allerdings werden inzwischen auch hier viele Aufträge storniert, die lange anhaltende Boomzeit könnte bald vorbei sein.

Die Zahlen zur Einschätzung der eigenen Überlebensdauer entsprechen den anderen Indikatoren zur Stimmung der Wirtschaft. Der parallel erhobene Geschäftsklimaindex des Ifo-Instituts fiel nach 85,9 Zählern im März auf 74,3 Punkte im April. Dies ist der niedrigste jemals gemessene Wert.

Wie stark die schlechte Stimmung in der Wirtschaft bereits auf die Wirtschaftsleistung durchschlägt, will Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) am Mittag der Bundesregierung präsentieren. Für die Frühjahrsprojektion wird erwartet, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr um sechs bis sieben Prozent sinkt. Altmaier hatte bereits gesagt, die Einschnitte würden mindestens so stark wie in der Finanzkrise 2009, wenn nicht stärker. Damals ging das BIP um 5,7 Prozent zurück.

Trotz dieses düsteren Ausblicks hat CDU-Politiker Norbert Röttgen vor zu schnellen Lockerungen gewarnt. Der "tageszeitung" sagte er: "Das Drängen, es müsse nun Lockerungen geben, macht es schwieriger. Wenn wir zu früh lockern, dann laufen wir große Gefahr, dass das Geschehen außer Kontrolle gerät."

apr/Reuters