Boom in der Coronakrise Rückenwind fürs Rad

Erst die Klimakrise, nun Corona: Die Deutschen steigen massenhaft aufs Fahrrad. Der Trend zu Dienstrad statt Dienstwagen befeuert den Boom zusätzlich.
Zunehmender Radverkehr vor dem Brandenburger Tor Mitte April: Während der Coronakrise treten auch die Berliner vermehrt in die Pedale

Zunehmender Radverkehr vor dem Brandenburger Tor Mitte April: Während der Coronakrise treten auch die Berliner vermehrt in die Pedale

Foto: Andreas Gora/ imago images

Marcus Diekmann kann sich vor Anfragen derzeit kaum retten. In seinem Onlineshop ist die Suche nach Fahrrädern und Zubehör in den vergangenen Wochen "um 300 Prozent gestiegen", wie er sagt. Sein Umsatz habe sich mehr als verdoppelt. Diekmann ist Geschäftsführer von Rose Bikes, einem Fahrradunternehmen aus Bocholt im Münsterland. Seit auch die vier Läden der Kette wieder geöffnet haben, würden auch sie überrannt. Die Online-Nachfrage habe trotzdem nicht nachgelassen. "Wir erzielen auf beiden Kanälen Rekordumsätze."

In der Coronakrise schwingen sich die Deutschen landauf, landab in den Sattel und entradeln dem Hüttenkoller. Auf dem Fahrrad kommen sie virenfrei zur Arbeit und ersparen sich die Maskenpflicht in Bus und Bahn, das Dauertreten stärkt das Immunsystem und die derzeit so gefährdeten Lungen. Die Fahrradläden erleben deshalb einen regelrechten Ansturm. Und das, nachdem die Branche schon im vergangenen Jahr rasant gewachsen ist. Laut Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) stieg der Umsatz 2019 um rund 34 Prozent auf 4,23 Milliarden Euro, inklusive Komponenten und Zubehör sogar auf sieben Milliarden Euro. Das Plus ging vor allem auf die hochpreisigen E-Bikes zurück, deren Verkäufe um rund dreißig Prozent zugenommen haben. Die Branche heizt die Nachfrage zudem mit immer neuen Modellen an, von Mountainbikes über All-Terrain-Bikes (ATB) bis zu sogenannten Gravelbikes - ein Mix aus Rennrad, Touring- und Mountainbike.

Auch neue Geschäftsmodelle wie Bikesharing und Leasing befeuerten den Absatz, sagt Albert Herresthal vom Verbund Service und Fahrrad: Immer mehr Firmen würden ihren Mitarbeitenden statt eines Dienstwagens nun E-Diensträder zur Verfügung stellen. Solche Leasingmodelle machten im vergangenen Jahr bereits zwölf Prozent der E-Rad-Gesamtverkäufe aus. "Für dieses Jahr erwarten wir ein Leasingwachstum von 50 Prozent", sagt Herresthal. Die Krise, in der viele Mitarbeiter von zu Hause arbeiten und also auch kein Rad brauchen, um ins Büro zu fahren, hat die Nachfrage nicht gebremst: "Nach dem Lockdown waren die Leasing-Abschlüsse so gut wie nie", sagt Herresthal.

Nicht nur Corona, auch das wachsende Klimabewusstsein treibt die Deutschen offenbar aufs Rad. Studien und genaue Zahlen, wie viele Kunden sich aus Sorge ums Klima ein Rad kaufen, gebe es zwar nicht, sagt ZIV-Sprecher David Eisenberger. Aber natürlich profitiere das Fahrrad vom Trend "weniger Auto" und vom Mobilitätswandel.

Shutdown hat Fahrradläden auch geschadet

Allerdings ist auch die Radbranche nicht ganz ohne Schaden durch die Coronakrise gekommen. Erst seien die Lieferketten in Asien zusammengebrochen, so ZIV-Mann Eisenberger, dann wurden die Läden geschlossen - ausgerechnet zum Saisonstart im Frühjahr. "Weil 70 Prozent der Verkäufe über den stationären Fachhandel laufen, wurde wochenlang nur wenig abgesetzt", sagt Eisenberger. "Jetzt rennen die Kunden den Händlern zwar die Läden ein, aber die Verluste auszugleichen wird schwierig."

Der Kinder-Fahrradmarke Woom hat selbst die wochenlange Schließzeit der Läden nichts anhaben können. "Das Kaufverhalten hat sich ins Netz verlegt, davon profitieren wir", sagt Christian Bezdeka, Mitgründer der Kinderfahrrad-Firma. Woom hat einen gut ausgebauten Onlineshop, das Geschäft habe in der Corona-Zeit spürbar angezogen: Von Januar bis April seien die Umsätze um 60 bis 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen. Und das, obwohl die Kinderräder mit 419 Euro etwa für ein 20-Zoll-Fahrrad deutlich teurer sind als viele Modelle der Konkurrenz - allerdings auch durchschnittlich vierzig Prozent leichter. Der Hype um die leichten Kinderräder sei so groß, dass die Kunden Wartezeiten bis August in Kauf nähmen, sagt Martin Berowski von "Rad ab", einem Fahrradladen in Düsseldorf. "Jeder zweite Anruf dreht sich um Woom, die Kinderräder sind aber seit Wochen ausverkauft", sagt er.

Ob der Rad-Boom insgesamt nachhaltig ist, lässt sich schwer sagen. In der Debatte über eine Abwrackprämie für die gebeutelte Autoindustrie haben sich die Fahrrad-Verbände deshalb für eine Mobilitätsprämie ausgesprochen, die "auch für Fahrräder, E-Bikes und für öffentliche Verkehrsmittel nutzbar sein" soll, wie Herresthal sagt. Damit würden alle umweltfreundlichen Verkehrsträger gleichberechtigt gefördert.

"Wir gehen davon aus, dass viele Menschen, die jetzt den ÖPNV meiden, vermehrt bei Fahrrad und E-Bike bleiben - weil sie merken, dass man auf dem E-Bike auch längere Wege mühelos bewältigt", sagt Eisenberger. Noch ist ungewiss, wie sich die Kaufkraft nach der Coronakrise entwickelt. Langfristig gehe er jedoch davon aus, dass die Fahrradbranche von der doppelten Krise - Klima und Corona - profitiere.