Henrik Müller

Eine Jahresbilanz Wie das Virus die Welt verändert

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
2020 wird als Jahr der Trendwenden in die Geschichte eingehen. Die Coronakrise und ihre unkalkulierbaren Folgen haben so viel Wandel angestoßen wie selten zuvor – auch zum Besseren.
Weihnachtsbaum vor dem Reichstagsgebäude: Warum sollten die Jahre ab 2021 nicht viel besser werden als 2020?

Weihnachtsbaum vor dem Reichstagsgebäude: Warum sollten die Jahre ab 2021 nicht viel besser werden als 2020?

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Christoph Soeder / dpa

»Es dürfte die meisten Menschen überraschen«, schrieb der Ökonom Frank Knight, »wenn ihnen erstmals ernsthaft klar wird, welch kleiner Teil ihres Tuns auf akkuratem und umfassendem Wissen beruht.« Hundert Jahre ist dieses Zitat alt, es stammt aus Knights einflussreichen Buch »Risk, Uncertainty and Profit« über Unsicherheit und Unternehmertum, erschienen 1921.

2020 haben wir gelernt, was es bedeutet, wenn nur noch ein »kleiner Teil unseres Tuns« auf gesichertem Wissen beruht – und wir ansonsten bei kurzer Sichtweite durch eine Nebelwand navigieren müssen. Das Auftreten eines neuartigen, gefährlichen Virus hat die Welt in Teilen lahmgelegt. Zum Ende dieses Katastrophenjahres ist diese Phase noch nicht vorbei. Noch haben Lockdowns und Shutdowns die Welt im Griff, auch wenn in diesen Wochen die ersten Impfstoffdosen verabreicht werden.

Bereits vor zwei Jahren haben wir kurz vor Weihnachten an dieser Stelle über wirtschaftliche Unsicherheit diskutiert. Von Corona ahnten wir damals noch nichts.

»Grüne Schwäne« und andere Kalamitäten

Doch bereits in den Jahren zuvor war die messbare Unsicherheitswahrnehmung  deutlich erhöht. Der tiefer liegende Grund dafür war die Destabilisierung des politischen Systems: Innerhalb der westlichen Demokratien begünstigten Populismus und Nationalismus erratische und kurzsichtige Entscheidungen. Auf internationaler Ebene sorgte der Abschied der USA von ihrer Rolle als Garantiemacht der Weltordnung für ein Machtvakuum, in das auftrumpfende Autokratien wie China, Russland und die Türkei vorstießen.

Donald Trump war nicht die Ursache dieser Verschiebungen, sondern ihr Symptom. In der Ära der von öffentlichen Erregungswellen getriebenen Kurzschlusspolitik würden gerade jene Institutionen beschädigt, die die Menschheit eigentlich vor Unsicherheit schützen sollen – eine tragische Entwicklung. Das war die Situation vor Corona.

Die Pandemie jedoch hat eine andere Qualität. Nun geht die Unsicherheit weder von der Wirtschaft aus (wie im Fall der Finanzkrise von 2008) noch von der Politik (wie etwa beim Brexit) – sie kommt aus der Natur.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat für derlei Ereignisse den Begriff »Grüner Schwan« geprägt. Klimawandel, zunehmende Bevölkerungsdichte und weltweite Vernetzung machten solche Katastrophen, die »direkte und massive Auswirkungen auf menschliches Leben« haben können, wahrscheinlicher, warnt die BIZ. Die Wechselwirkungen allerdings seien so komplex und international so vielfältig, dass sie sich nicht vollständig verstehen ließen.

Das Jahr 2020 wird als historischer Einschnitt in Erinnerung bleiben, weil wir erstmals erleben, welchen kollektiven Gefahren die Menschheit ausgesetzt ist – nicht abstrakt, sondern ganz direkt, für jede und jeden persönlich spürbar. Das Private, das Politische und das Globale haben sich in der Coronakrise miteinander verbunden. Und daraus lässt sich durchaus Hoffnung schöpfen.

Ansichten einer Trendwende

So belastend und schrecklich die globale Seuche immer noch ist, sie hat so viel Wandel angestoßen, wie er noch vor Kurzem kaum denkbar erschien. Ich greife drei Punkte heraus:

  • Die Krise hat uns den Wert der Wissenschaft kraftvoll vor Augen geführt

Expertenmüdigkeit und Technikskepsis sind verflogen. Wissenschaftler sind gefragt, als Ratgeber und Erklärer, vor allem aber als Problemlöser. Das gilt nicht nur für die in den Medien allgegenwärtigen Epidemiologen.

Im Januar dauerte es nur wenige Wochen, bis chinesische Forscher den genetischen Code des Coronavirus dechiffriert und der internationalen Forschergemeinde zur Verfügung gestellt hatten. Binnen eines einzigen Jahres wurden gleich mehrere offenkundig hochwirksame Impfstoffe entwickelt, getestet und produziert. Eine großartige Leistung. Nebenbei hat die Krise neuen Technologien – wie dem mRNA-Ansatz, auf dem die ersten Vakzine basieren – zum Durchbruch verholfen. Es ist ein eindrucksvoller Beleg für das Potenzial, das Wissenschaft und Technik bieten, auch für andere Problemfelder – vom Klimawandel bis zur Alterung der Gesellschaften.

Dies ist eine Basiserfahrung des Jahres 2020: Technologischer Fortschritt ist möglich und nützlich. Und er lässt sich durch privates Unternehmertum und Kapital enorm beschleunigen.

  • Corona dämmt den Populismus ein

Donald Trump wäre ohne die Pandemie vermutlich im Amt bestätigt worden. Das Missmanagement seiner Regierung, verbunden mit einer offensiv zur Schau getragenen Geringschätzung für Wissenschaft, beenden nun den Spuk im Weißen Haus.

Auch anderswo hat die Pandemie das Versagen eines Populismus, dem Fakten egal sind und der deshalb schlechte Ergebnisse produziert, offenkundig gemacht. Klar, Boris Johnson bleibt britischer Premier und Jair Bolsonaro brasilianischer Präsident, Viktor Orban regiert mit Zweidrittelmehrheit in Ungarn durch, die AfD ist immer noch stärkste Oppositionsfraktion im Bundestag, und es ist keineswegs sicher, dass die Mechanismen der Kurzschlusspolitik nach überstandener Pandemie nicht erneut Oberhand gewinnen. Aber die Dramatik des Jahres 2020 hat den Siegeszug populistischer Bullshit-Politik zumindest gebremst.

  • Der Staat als Akteur der letzten Zuflucht ist zurück im Spiel

In Zeiten existenzieller Bedrohung haben sich nationale und internationale Institutionen abermals als überlebenswichtig erwiesen. Sie sind keineswegs unfehlbar, im Gegenteil, aber unverzichtbar.

Staatliche Systeme retten Erkrankte, sichern Masken und Medikamente, unterstützen Arbeitslose, verhindern einen Totalabsturz der Wirtschaft, stellen Regeln für den zwischenmenschlichen Umgang in Phasen erhöhter Ansteckungsgefahr auf, bis hin zur Einschränkung von Grundrechten. Und die allermeisten Bürger akzeptieren es, zumal dort, wo öffentliche Institutionen als funktionsfähig und glaubwürdig gelten.

Anders als befürchtet, ist Europa im Angesicht der Bedrohung nicht zerfallen, sondern auf dem Weg, die EU zu einer überföderalen staatlichen Ebene auszubauen. Der 750-Milliarden-Euro-Wiederaufbaufonds ist ein Schritt in diese Richtung, dem weitere folgen dürften.

Die gestärkte Rolle des Staates wird auf weitere Felder ausstrahlen: von der Wettbewerbspolitik (wo beiderseits des Atlantiks Bemühungen im Gange sind, die Macht der Datenmultis zu brechen) über die Sozial- bis zur Klimapolitik. Auch das birgt Risiken und provoziert Widerstände: Staatliche Übergriffigkeit und Überregulierung werden in den kommenden Jahren die öffentlichen Debatten prägen; Rolle und Funktion des Staates werden neu ausgehandelt.

Wissen und Macht

Es ist ein typisches Muster: Gegen unwägbare Bedrohungen greifen Gesellschaften zu zwei Gegenmitteln – Wissen und Macht. Die Wissenschaft versucht das Unbekannte zu verstehen, damit ein immer größerer Teil des menschlichen »Tuns auf akkuratem und umfassendem Wissen« (im Sinne Frank Knights) fußen kann. Was messbar ist, wirkt weniger bedrohlich. Staatliche Institutionen, anständig organisierte Unternehmen und wohlregulierte Märkte wiederum sollen das Unkalkulierbare einhegen und es zu Risiken abmildern, die für den Einzelnen leichter handhabbar sind.

Die Moderne lässt sich verstehen als Großprojekt gegen die Unsicherheit. Wenn es gut läuft, bewirkt die Coronakrise eine Rückbesinnung auf aufklärerische Tugenden. Wenn es schlecht läuft… Aber warum sollten die Jahre ab 2021 nicht viel besser werden als 2020?

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein hoffnungsfrohes Weihnachtsfest! 

Wegen der Feiertage erscheint Müllers Memo diese Woche ohne Terminplan.