Corona-Angst im Silicon Valley Homeoffice als Klassenfrage

Im Silicon Valley zeigt sich besonders deutlich, wer in der Coronakrise gewinnt - und wer verliert. Zu Hause bleibt, wer es sich leisten kann. Eindrücke aus einer gespaltenen Stadt.
Von Guido Mingels, San Francisco
Cupertino in Kalifornien: Die Corona-Angst hat das Silicon Valley im Griff

Cupertino in Kalifornien: Die Corona-Angst hat das Silicon Valley im Griff

Foto: Bloomberg/ Getty Images

Das Virus ist noch nicht da, aber die Kunden sind schon weg. Kevin Liu, der in San Franciscos Chinatown in dritter Generation den Souvenirladen "Asian Trends" betreibt, steht mit einem resignierten Lächeln in seinem leeren Geschäft - zwischen bunten Lampions, Jade-Buddhas, riesigen Fächern und Plüsch-Pandas. Das Viertel in der nordkalifornischen Metropole ist die größte chinesische Siedlung außerhalb Chinas und lebt von Touristen. Lius Umsatz ist "in den letzten Wochen um fast 80 Prozent runtergegangen", wie er sagt.

Alles, was nach China aussieht, dem Ausbruchsort des Coronavirus, macht den Leuten Angst, so irrational das sein mag. Die Grant Avenue, Chinatowns dauerverstopfte Haupttraversale, wirkt verwaist an diesem frühlingswarmen Nachmittag im März. Liu kann es nicht fassen: "Es ist doch bloß eine Grippe!"

Chinatown in San Francisco: "Es ist doch bloß eine Grippe!"

Chinatown in San Francisco: "Es ist doch bloß eine Grippe!"

Foto:

Alex Menendez/ AP

Bloß eine Grippe? Ob sich Covid-19 wie eine "normale" Influenza-Welle auswirken wird, die allerdings auch schon Zehntausende tötet pro Jahr, oder doch eher wie die Spanische Grippe von 1918 - noch weiß es niemand. Dass die Verbreitung noch aufgehalten werden kann, scheint auch in den USA unwahrscheinlich: Vor allem an der Westküste hat der Ausbruch längst begonnen.

"Bitte keine Hände schütteln"

Kalifornien und insbesondere San Francisco samt Silicon Valley sind durch intensive ökonomische Beziehungen und einen dichten Flugverkehr mit China womöglich verletzlicher als andere US-Regionen. Jedenfalls sind die ersten amerikanischen Fälle von Corona-Infizierten in Kalifornien verzeichnet worden; auch die ersten US-Todesfälle ereigneten sich an der Westküste, bei Seattle im Bundesstaat Washington. Weitere Infektionen und Todesfälle werden dazu kommen.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

"Bitte keine Hände schütteln - wegen Coronavirus". Mit dem Verhaltenshinweis an seiner Eingangstür geriet der prominente Risikokapitalfonds Andreessen Horowitz Mitte Februar in die Schlagzeilen der Tech-Presse - es war eines der ersten Beispiele der Corona-Angst im Silicon Valley. Bald darauf fingen die Digitalkonzerne an, ihre großen, üblicherweise von Tausenden Menschen besuchten jährlichen Konferenzen abzusagen. Die Facebook F8 in San José findet nicht statt, Google I/O in Mountain View auch nicht, ebensowenig wie die Computerspielmesse Game Developers Conference in San Francisco. Dutzende weitere Branchentreffen fallen aus oder sollen irgendwie "online only" ausgetragen werden. 

Panik ist das falsche Wort für die Stimmung der Menschen in der Bay Area. Eher ist es Wachsamkeit. Ratlose Anspannung. Angst vor der Angst, die kommen wird, und die deswegen schon da ist.

"Remote Life" im Silicon Valley

"Was für ein wunderbarer Tag, nicht wahr?" Severo, ein superfreundlicher Uber-Fahrer mexikanischer Herkunft, der den ganzen Tag Silicon-Valley-Menschen herumfährt, reibt jetzt den Rücksitz seines VW Jetta nach jedem Fahrgast mit Desinfektionstüchern ab, und er bietet seinen Kunden Handreiniger an, "die Leute schätzen das sehr", sagt er. Er hat die Nachrichten auch gehört, von den ersten Toten in den USA, von den fallenden Börsenkursen, von den Hamsterkäufen, vom fehlenden Nachschub an Test-Kits, aber er bleibt gut gelaunt.

Der Mitfahrdienstleister Uber gehört zu den Tech-Firmen, bei denen unklar ist, ob Corona gut oder schlecht ist fürs Geschäft. "Einerseits bleiben die Leute leider mehr zu Hause", sagt Severo, "andererseits trauen sich viele nicht mehr in die U-Bahn oder die Busse und nehmen eher ein Uber". 

Market Street in San Francisco: Twitter hat seine Angestellten dazu aufgerufen, möglichst von zu Hause zu arbeiten

Market Street in San Francisco: Twitter hat seine Angestellten dazu aufgerufen, möglichst von zu Hause zu arbeiten

Foto: JOSH EDELSON/ AFP

Das Hauptquartier von Severos Arbeitgeber Uber liegt an San Franciscos zentraler Market Street und direkt neben demjenigen des Kurznachrichtendienstes Twitter, der seine Angestellten dazu aufgerufen hat, möglichst von zu Hause zu arbeiten. Andere Firmen, Microsoft, Square, Google, taten dasselbe. Die Tech-Industrie, das Internet und die Digitalisierung haben die Arbeit von zu Hause – auch "Remote Work", Fern-Arbeit, genannt – überhaupt erst ermöglicht, sie gehört für viele Arbeitnehmer des Silicon Valley längst zum Alltag.

Nun wird das Homeoffice von der Option zur Regel, für den Moment. Die Corona-Angst forciert insofern nur ein Arbeitsmodell, um nicht zu sagen: ein Lebensmodell, das die Digitalindustrie schon lange beflügelt. Der Computer ersetzt den Gang ins Büro, Amazon ersetzt die Mall, DoorDash das Restaurant, Peloton den Besuch des Fitness-Centers, Social Media und Dating-Apps verringern die Notwendigkeit menschlicher Kontakte in der Wirklichkeit. Man könnte das "Remote Life" nennen, ein Fern-Leben.

Das Fußvolk der Plattform-Ökonomie

Börsenanalysten haben bereits einen Begriff für Firmen gefunden, die davon profitieren: "Stay at home stocks", etwa: Zuhausebleiben-Aktien. Während also Reiseunternehmen, Fluggesellschaften, Messeausrichter oder Restaurants unter Corona leiden, weil sie davon leben, dass die Leute sich auf die Socken machen, sieht es umgekehrt für jene Dienstleister besser aus, die zur Homeoffice-Infrastruktur beitragen oder die Quarantäne im Eigenheim angenehmer machen.

Logisch: Der Streaming-Gigant Netflix, am Südende des Silicon Valley in Los Gatos beheimatet, der seine Kundschaft am liebsten zu Hause auf dem Sofa weiß, scheint immun gegen Covid-19. Der Videokonferenzanbieter Zoom aus San José hat in diesem Jahr offenbar bereits mehr neue Nutzer gewonnen als im gesamten Jahr 2019. Slack, eine App für Team-Kommunikation, ist auch ein potenzieller Krisengewinner. Kurierdienstleister wie Grubhub, DoorDash und Postmates dürfen auf Corona-Gewinne hoffen.

Nicht zu Hause bleiben kann das Fußvolk der Plattform-Ökonomie: die Zehntausenden von schlecht bezahlten Uber- und Lyft-Fahrern, die Essenslieferanten von DoorDash, die Amazon-Paket-Austräger. Das Silicon-Valley-Prekariat. Solange es das selbstfahrende Auto und das Massenversandsystem per Drohnenschwarm noch nicht gibt, ist die schöne digitale Zuhause-Arbeitswelt auf Zulieferer angewiesen, auf analoge Wasserträger. Homeoffice wird zum Statussymbol, zur Klassenfrage: Souverän ist, wer daheimbleiben kann. Gut möglich, dass Corona diesen neuen Graben in der Arbeitswelt besser sichtbar machen und vertiefen wird.

"Erst mal bitte den Schuh in die Pedale einklicken." Im Peloton Shop in Palo Alto erklärt eine ganz in schwarze Trainingsklamotten gekleidete Angestellte namens Vanessa den Gebrauch des Fitnessbikes für daheim, das der Firma den Namen gab. Neben dem schicken Gerät verkauft Peloton Abos für Unterrichtseinheiten, die man sich beim Strampeln auf dem Bildschirm, der zum Rad gehört, ansehen kann. Immer mehr Leute, so sagt Vanessa, "merken jetzt, dass sie lieber zu Hause trainieren, als im Fitnesscenter".

Peloton-Fitnessbike: Von der Krise profitiert, wer das Zuhausebleiben fördert

Peloton-Fitnessbike: Von der Krise profitiert, wer das Zuhausebleiben fördert

Foto: Shannon Stapleton/ REUTERS

Das traditionelle Gym, wo viele Menschen mit wenig Kleidung schwitzend und keuchend aufeinandertreffen, war schon immer eine hygienische Herausforderung für Amerikaner, die zu körperlicher Überreinlichkeit neigen und sich, wie Präsident Donald Trump, durchaus stolz als "germophobe" verstehen: keimfeindlich. Nun, in Zeiten von Corona, könnte das Gym zum Unort werden. Denkbar, dass das Virus aus China dem Fitness-für-Zuhause-Anbieter Peloton, der vor wenigen Monaten einen enttäuschenden Börsengang erlebte, nun einen Boom beschert.

Vielleicht sieht so der Anfang der Apokalypse aus

In einem Costco-Supermarkt in Santa Clara, unweit vom Apple-Hauptquartier, kaufen die Leute so viele haltbare Lebensmittel, wie eben noch zu kriegen sind. Und es gibt nicht mehr allzu viele. Bei Costco ist der Vorratskauf auch ohne Coronavirus das grundlegende Geschäftsmodell, die Großhandelskette bietet gegen einen jährlichen Mitgliederbeitrag große Mengen zum kleinen Preis. Ein Costco-Besuch ist auch in uninfizierten Zeiten eine eher abstoßende Übung, Anschauungsunterricht in Konsumismus, wenn Hundertschaften von Kunden übergroße Einkaufswagen durch die baumarktartigen Verkaufshallen schieben, hoch befüllt mit Jumbo-Packungen aller Art.

Jetzt aber, wegen Corona, haben die Menschen die Konserventürme weggekauft, und die Handreiniger, und das Klopapier. "People go nuts", sagt ein schwerer, erschöpfter Costco-Mann namens Javier, der eigentlich zuständig dafür ist, die Regaltürme zu befüllen, aber das Lager sei nahezu leer. "Alles weg, Thunfisch, Bohnen, Linsen, alles. Der Reis ist auch bald alle." Immerhin, jetzt wird per Hochhubwagen eine neue, mannshohe Ladung Toilettenpapier hereingebracht, und die Leute stürzen sich drauf. Vielleicht sieht so der Anfang der Apokalypse aus: Tech-Angestellte mit Atemschutzmasken hamstern Klopapier in einem Silicon-Valley-Supermarkt. 

Die Vorbereitung auf Endzeit-Szenarien gehörte auf gewisse Weise schon immer zur Mentalität des Silicon Valley, das sämtliche Zukunftsentwürfe bedenkt, auch die schlimmstmöglichen. Manche seiner prominentesten Köpfe sind auch ganz privat gut vorbereitet, sollte Kalifornien unbewohnbar werden, sei es wegen einer Pandemie, wegen Attacken mit Biowaffen oder weil eine künstliche Intelligenz zum Angriff übergeht.

Peter Thiel, PayPal-Mitgründer und legendärer Risikokapitalist, hat sich bekanntlich ein Anwesen auf Neuseeland als Fluchtstätte zugelegt. Über Sam Altman, dem einflussreichen Gründer des Start-up-Zentrums Y Combinator, wurde berichtet, dass er für den Fall einer Katastrophe stets eine Notfalltasche bereithält, bestückt mit Wasser, einem Zelt, Batterien, Antibiotika, Decken, Gasmasken und einer Pistole.

Corona kann kommen.