Coronavirus in Tönnies-Fleischfabrik "Unsere Betriebe sind nicht für die Pandemie gebaut"

Mit über 650 Corona-Fällen ist ein Tönnies-Schlachthof bei Gütersloh zum Hotspot geworden. Anwohner protestieren, Manager versuchen zu beschwichtigen - doch der Fleischfabrikant bleibt für deutsche Supermärkte unentbehrlich.
Von Claus Hecking und Florian Gontek, Rheda-Wiedenbrück
Lastwagen vor dem Werksgelände von Tönnies in Rheda-Wiedenbrück: "Wir sind durchaus überzeugt, dass wir viele Sachen richtig machen"

Lastwagen vor dem Werksgelände von Tönnies in Rheda-Wiedenbrück: "Wir sind durchaus überzeugt, dass wir viele Sachen richtig machen"

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David Inderlied/ DPA

Magdalena Sawatzky hat noch nie öffentlich protestiert. Aber an diesem Mittwochnachmittag ist sie zu Tönnies nach Rheda-Wiedenbrück gefahren, um ihrem Ärger Luft zu machen. Jetzt, kurz vor 16 Uhr, steht die 37-jährige Frau, blondes Haar, mit Mundschutz, Shorts und Sommersandalen vor den Werktoren von Deutschlands größtem Schweineschlachthof. Neben ihr der fünfjährige Florian und der dreijährige Jonas, ihre beiden Söhne.

"Tönnies schliessen!!!" und "Wir können auf das Fleisch verzichten, aber nicht auf die Bildung", heißt es auf den Schildern, die Sawatzky und die Kinder hochhalten.

Hinter ihnen Skulpturen von einem Schwein und einem Rind: den Tieren, die hier verarbeitet werden. "Es macht mich wütend", sagt die Mutter, "dass die Schulen und Kitas schließen sollen." Wegen Tönnies, dem Inbegriff der Massenfleischverarbeitung.

Wieder wird ein deutscher Schlachthof zum Corona-Hotspot. Aber dieser Infektionsherd ist größer und womöglich weniger kontrollierbar als seine Vorgänger. Am Mittwochvormittag ist bei Tönnies im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück der umfassendste Ausbruch seit Beginn der bundesweiten Lockerungen bekannt geworden.

"Ich ärgere mich maßlos"

Rund 1050 Mitarbeiter der gigantischen Fleischfabrik, in der täglich um die 20.000 Schweine geschlachtet, zerlegt und verarbeitet werden, wurden am Dienstag durch den Kreis Gütersloh getestet. Am Morgen danach kommen die Ergebnisse der ersten gut 500 Proben - rund 400 Positiv-Fälle. Und weitere 500 Tests sind da noch nicht ausgewertet. Am Abend gibt der Kreis Gütersloh bekannt: Es gibt mindestens 657 Infektionen bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück.

Magdalena Sawatzky hatte am Mittwochmorgen gerade von den neuen Fällen erfahren, da rief die Kita schon an: um sie vorzuwarnen, dass ihr Sohn die nächste Zeit nicht kommen dürfe. Florian wollte dort am Donnerstag seinen Geburtstag nachfeiern. "Ich ärgere mich maßlos", sagt die Mutter.

Magdalena Sawatzky mit Kindern vor der Tönnies-Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück: "Es macht mich wütend"

Magdalena Sawatzky mit Kindern vor der Tönnies-Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück: "Es macht mich wütend"

Foto: Florian Gontek/ DER SPIEGEL

Zur selben Zeit, keine 10 Kilometer nordöstlich der Fabrik, verkündet Sven-Georg Adenauer im Kreishaus von Gütersloh den "Shutdown bei der Firma Tönnies". Und dazu die Schließung sämtlicher Schulen und Kitas im Landkreis. "Das ist immer noch ein milderes Mittel, als zu sagen: Wir machen hier einen Shutdown im Kreis Gütersloh", sagt der CDU-Landrat, ein Enkel des früheren Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Auch eine solche Stilllegung weiter Teile des öffentlichen Lebens stand zur Disposition. Denn mit den Tönnies-Fällen sprengt der Kreis die Corona-Obergrenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner.

Das Virus eindämmen. Verhindern, dass sich die Infektion in der Bevölkerung ausbreitet und außer Kontrolle gerät. Darauf kommt es nun an für Adenauer und seinen Krisenstab. Es wird nicht einfach. Denn dieser Ausbruch ist nicht nur groß. Er geht auch über das Epizentrum hinaus: die Zerlegung der Schweine. Und er wurde zumindest in diesem Ausmaß spät entdeckt.

Schon in den vergangenen Tagen waren peu à peu immer mehr Infektionen bei Tönnies bekannt worden, 128 waren es am Dienstagabend. Doch am Mittwochmorgen schoss die Zahl hoch. Und am Abend spricht der Kreis Gütersloh von mindestens 657 Corona-Fällen. Nun werden rund 7000 Tönnies-Beschäftigte am Standort Rheda-Wiedenbrück durchgetestet. Sie alle stehen erstmals unter Quarantäne, bis die Ergebnisse vorliegen. Landrat Adenauer richtet einen Appell an ihre Familienmitglieder und Kontaktpersonen, sich nicht in die Öffentlichkeit zu bewegen. Eine Schließung der Schulen und Kitas hält er für unumgänglich - gerade weil viele Tönnies-Mitarbeiter Kinder in diesem Alter haben.

Kälte könnte Infektionen begünstigen

Auch zwei Manager des Konzerns sind ins Kreishaus gekommen. Sie lesen zuerst Entschuldigungen vor. Dann rechtfertigen sie sich. "Wir sind durchaus überzeugt, dass wir viele Sachen richtig machen"; erklärt Gereon Schulze-Althoff, der Leiter des Tönnies-Pandemie-Krisenstabs. Man habe in den vergangenen vier Monaten in Abstimmung mit den Behörden "sehr intensiv daran gearbeitet, das Virus aus dem Betrieb herauszuhalten". Aber: "Unsere Betriebe sind nicht für die Pandemie gebaut."  Und es zeige sich immer deutlicher, "dass gerade gekühlte Räume mit herbstlichen Bedingungen die Situation verstärken können, dass es zu Spreading-Events kommt, dass einzelne Personen das Virus auf viele übertragen können."

Tatsächlich mutmaßen auch Wissenschaftler, dass die Kälte Infektionen in Schlachthöfen begünstigen könnte. Und Tönnies ist kein Einzelfall: Alle vier großen Schweineschlachtkonzerne, die den deutschen Markt dominieren, hatten schon ihre Massenausbrüche. Mindestens 1550 Mitarbeiter von Fleischfabriken wurden nach SPIEGEL-Informationen schon positiv auf Sars-CoV-2 getestet.

Hierfür allerdings sind nicht nur die niedrigen Temperaturen in den Schlachthöfen verantwortlich. Sondern vor allem auch das Arbeiten auf engem Raum, das Zusammenwohnen vieler osteuropäischer Beschäftigter in Sammelunterkünften und der Transport zur Fabrik, der zunächst vielerorts mit Kleinbussen stattfand.

Tönnies-Manager Schulze-Althoff behauptet, die Lage in den Unterkünften sei "nicht ausschlaggebend für die Verbreitung" - obwohl auch bei Tönnies osteuropäische Mitarbeiter oft eng zusammenleben. Deren Zahl habe man auf "unter zehn Personen pro Wohnung" begrenzt, sagt Schulze-Althoff, und die Behörden hätten bei Kontrollen nichts zu beanstanden gehabt.

Landrat Adenauer sagt nichts zu den Unterkünften. Wohl aber zur Wiedereröffnung des Schlachthofs. Ihm schwebe ein Zeitraum "von ein bis zwei Wochen vor", bis die Fabrik wieder aufsperren dürfe - "Hoffe ich jedenfalls." Die örtlichen Schweinezüchter müssten ihre schlachtreifen Tiere ja schnellstmöglich loswerden. 

Unentbehrlich für die Versorgung deutscher Supermärkte

Kaum ein Politiker legt sich in der Region öffentlich mit Tönnies an. Konzernchef Clemens Tönnies ist bestens verdrahtet, das Unternehmen mit seinen mehr als sechs Milliarden Euro Jahresumsatz ist ein wichtiger Arbeitgeber. Und es gilt als unentbehrlich für die Versorgung deutscher Supermärkte. "Wenn die Firma Tönnies die Produktion einstellt", erklärt Adenauer, "werden ungefähr 20 Prozent der Fleischprodukte in Deutschland fehlen."

Dabei steht ein konzernweiter Schlachtungsstopp gar nicht infrage. In anderen Werken produziert Tönnies weiter Fleisch für die Republik: nun sogar noch mehr als zuvor, um den vorübergehenden Ausfall von Rheda-Wiedenbrück zu kompensieren.

Rund um die Fabrik ist die Stimmung an diesem Nachmittag angespannt. Wachleute in dunklen Westen patrouillieren über das Gelände, es riecht nach Sommerregen, und ein Lkw mit dem Konterfei von Firmenchef Clemens Tönnies fährt vorbei. Durch Drehtore verlassen Arbeiter das Werk; es mussten noch Schweine verarbeitet werden, die bis zum Morgen geliefert wurden. Nicht alle tragen einen Mundschutz. Reden will niemand so recht.

Ein Mann mit dunklen Haaren und gelber Plastiktüte in der Hand sagt, er arbeite erst seit Kurzem für Tönnies - und verweist auf seinen Kollegen, der schon länger dabei sei. Der sagt, er spreche nur schlecht Deutsch, lieber Polnisch. Andere gehen schweigend an den Journalisten vorbei. 

Nur Magdalena Sawatzky will reden. Morgen, so kündigt sie an, werde sie wieder mit ihren Kindern vor dem Tönnies-Gelände stehen. Auch wenn sich dann drinnen nichts mehr regt.

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