Corona-Epidemie Die deutsche Wirtschaft ist schon infiziert

Unterbrochene Lieferketten, gestrichene Messen und Flüge: Die Wirtschaft leidet unter der Ausbreitung von Covid-19. Der Frankfurter Flughafen bittet sein Personal, unbezahlten Urlaub zu nehmen - Privatjet-Anbieter profitieren.
Boeing 747 am Frankfurter Flughafen (Archiv): Fraport stellt nur noch ausnahmsweise neu ein

Boeing 747 am Frankfurter Flughafen (Archiv): Fraport stellt nur noch ausnahmsweise neu ein

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Boris Roessler/ dpa

Die Zahl der Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus steigt, davon sind auch immer mehr Bereiche der Wirtschaft betroffen. An den Börsen gaben die Aktienkurse weiter nach. Dax und EuroStoxx50 notierten am Mittag um jeweils 1,7 Prozent niedriger. Seit Wochenanfang haben beide Indizes etwa 7,5 Prozent verloren und steuern damit auf den größten Wochenverlust seit 2016 zu. Portfoliomanager Thomas Altmann von QC Partners sagte: "Das, was wir an der Börse im Moment erleben, ist irgendwo zwischen Angst und Panik."

Die Angst vor dem Virus trifft einige Branchen besonders heftig. Im Flugverkehr kündigten bereits verschiedene Airlines, darunter die Lufthansa, Sparprogramme an. Auch der Frankfurter Flughafen ist wegen der Ausbreitung der Covid-19-Krankheit auf Sparkurs.

Nachdem das Fracht- und Passagieraufkommen im China-Verkehr eingebrochen ist, leidet der Betreiber Fraport unter Überkapazitäten. Neueinstellungen seien nur noch im Ausnahmefall möglich. Dem Personal werden unbezahlter Urlaub und reduzierte Arbeitszeiten nahe gelegt. Es gelte stets das Prinzip der doppelten Freiwilligkeit, teilte ein Fraport-Sprecher mit. Beschäftigte und Unternehmen müssten jeweils zustimmen.

Dauer und Umfang der Ausfälle könnten derzeit nicht verlässlich prognostiziert werden, teilte das Unternehmen weiter mit. Konkrete Aussagen zu den Auswirkungen auf das Ergebnis seien daher nicht absehbar.

Privatjet-Anbieter: "Vor Anfragen geradezu geflutet"

Unterdessen können einzelne Bereiche der Luftfahrt offenbar profitieren. Betuchtere Menschen weichen angesichts der Einschränkungen offenbar vermehrt auf Privatjets aus. Die Angst vor dem Coronavirus beschere den Anbietern solcher Maschinen derzeit ein Auftragsplus, berichtete zumindest die "Wirtschaftswoche " unter Berufung auf eine eigene Umfrage unter Flugzeugvermittlern. "Wir sind vor Anfragen geradezu geflutet", sagte demnach Justin Lancaster, Vorstand des britischen Flugvermittlers Air Charter Services.

Schwerpunkt des Business-Jet-Booms sei derzeit nicht mehr China, sondern Italien. "Für die Region haben wir seit dem Corona-Ausbruch am vergangenen Wochenende im Vergleich zum Vorjahr die dreifache Nachfrage", sagte Alain Leboursier, Verkaufsvorstand des Genfer Flugzeugvermittlers Lunajets, der "Wirtschaftswoche".

Die steigende Nachfrage stammt demnach vor allem von Unternehmensvorständen. Sie fliegen in die gerade für die deutsche Industrie als Zulieferer wichtigen Regionen Italiens und Chinas privat statt Linie. "Dann können sie bei kleineren Flughäfen direkt zur Maschine gebracht werden und abseits größerer Menschenmengen starten", sagte Leboursier. Eine zweite Gruppe sind laut Bericht wohlhabende Familien auf dem Weg in oder aus dem Urlaub.

DIHK: Virus könne "wahrer Konjunkturhemmer" werden

Insgesamt rechnet die deutsche Wirtschaft mit anhaltend negativen Folgen durch die Ausbreitung des Virus. Der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Volker Treier, benannte folgende wahrscheinliche Szenarien für die Wirtschaft in Deutschland und Europa:

  • Produktionsausfälle bei chinesischen und deutschen Firmen in China

  • Massive Reiseeinschränkungen

  • Handelseinbrüche zwischen China und asiatischen Nachbarländern

  • Nachfrageausfälle in Tourismus und Einzelhandel.

In einer ohnehin geschwächten Wirtschaftslage in Deutschland drohe die Ausbreitung des Virus zu einem "wahren Konjunkturhemmer" zu werden. Schon jetzt spüre die international stark vernetzte deutsche Exportwirtschaft, dass der weltweite Handel belastet sei und zahlreiche Unternehmen ihre Investitionen an vielen Standorten zurückhielten.

Auch der deutsche Mittelstand blickt besorgt auf die Ausbreitung der Lungenkrankheit. "Die Auswirkungen des Coronavirus werden das Wachstum in Deutschland in diesem Jahr erheblich dämpfen", hatte Mittelstandspräsident Mario Ohoven dem SPIEGEL gesagt. Er gehe davon aus, dass die Wirtschaft 2020 so gut wie nicht mehr wachsen werde.

In den deutschen Häfen geht es gedrängter zu als sonst. In Hamburg und auch in Bremerhaven werden wegen des Virus die Stellflächen für Container knapp. "Wir sehen einen Stau europäischer Container", sagte Steffen Leuthold, Sprecher des Terminalbetreibers Eurogate, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Aus Europa würden immer weniger Waren Richtung China verschifft, nun stapelten sich die Container. Export-Container, die dort nicht gelagert werden können, müssten entweder auf Ausweichflächen außerhalb des Hafens zwischengelagert oder am Ursprungsort zurückgehalten werden, sagte der Sprecher der Zeitung. "Import-Container werden weiterhin so schnell wie möglich auf Bahn und Straße weitertransportiert."

Grund für den Container-Stau: Aus China fahren infolge der Epidemie derzeit deutlich weniger Schiffe Richtung Europa los. In den kommenden Wochen ist daher auch mit einem deutlich geringeren Containerumschlag in den deutschen Häfen zu rechnen. Lesen Sie dazu hier die SPIEGEL-Analyse: In Chinas Häfen stapeln sich die Container .

Corona-Brauer meldet Minus von 170 Millionen Dollar durch Virus

Zahlreiche Betriebe erhöhen wegen des Virus derweil die Vorsichtsmaßnahmen. "Wir haben Geschäftsreisen von und nach China sowie Südkorea und in Teile Italiens eingeschränkt", teilte der Dax-Konzern Continental mit. Einzelne Standorte würden "mit der Lieferung von geeigneter persönlicher Schutzausrüstung für unsere Mitarbeiter" unterstützt. Ein weiterer Schwerpunkt sei es, die Lieferfähigkeit des Unternehmens aufrechtzuerhalten.

Conti hat Fabriken und Niederlassungen auf allen Kontinenten. In China, wo die Corona-Epidemie ausbrach, hatte das Unternehmen die Produktion nach zeitweiligen Unterbrechungen seit dem 10. Februar wieder schrittweise aufgenommen. Auch in der Nähe des Infektionsherds in Norditalien betreibt der Konzern Standorte - etwa in der Nähe von Mailand, in Turin und in Padua - sowie im ebenfalls stark vom Virus betroffenen Südkorea.

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Wirtschaftlich dürfte die Ausbreitung der Krankheit zahlreichen Unternehmen zusetzen. Nachdem Microsoft wegen der steigenden Infektionen eine Umsatzwarnung für seine PC-Sparte herausgegeben hat, kündigte der weltgrößte Bierbrauer AB Inbev wegen des Coronavirus einen Gewinneinbruch im ersten Quartal an. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen werde in den ersten drei Monaten um rund zehn Prozent sinken, teilte der Brauer bekannter Marken wie Beck's, Budweiser, Corona und Stella Artois mit. Allein in den ersten beiden Monaten 2020 habe Covid-19 das Ergebnis um 170 Millionen Dollar gedrückt.

Quer durch alle Branchen stehen zudem Ausstellungen und Messen wegen des Virus auf der Kippe. Die internationale Fachmesse Mostra Concegno zum Thema Heizungs-, Klima- und Lüftungstechnik in Mailand Mitte März mit zuletzt mehr als 150.000 Gästen ist inzwischen bis in den Herbst verschoben, genauso die Light + Building in Frankfurt. Der Mobile World Congress (MWC) in Barcelona fiel aus und auch die Schweizer Stiftung für Uhrmacherkunst hat die für Ende April geplante Genfer Uhrenmesse jetzt abgesagt. Im vergangenen Jahr waren mehr als 23.000 Besucher dafür nach Genf gekommen.

apr/dpa/AFP
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