Existenzgefahr durch Coronakrise Künstler rufen um Hilfe

Kinos geschlossen, Konzerte abgesagt: Schauspieler und Musiker warnen vor der Gefahr für ihre wirtschaftliche Existenz. Die Hilfen reichten nicht. Allein die Autokinos boomen jetzt.
Werbeplakat für den Auftritt des Musikers Randy Newman in Berlin beklebt mit Mundschutz

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Foto: Paul Zinken/ dpa

Für Künstler und Filmschaffende wird die Coronakrise zur Existenzfrage. Um die Ausbreitung des neuartigen Virus einzudämmen, sind Kinos und Theater seit Wochen geschlossen, Konzerte abgesagt. Nun will die Kulturszene mehr Unterstützung vom Staat. International bekannte deutsche Künstler, wie die Violinistin Anne-Sophie Mutter, haben in einem Brandbrief Soforthilfen für freiberufliche Künstler gefordert.

Auch die Filmbranche brauche derzeit einfach Geld, sagte Schauspieler Ulrich Matthes, der auch Präsident der Filmakademie in Berlin ist. Viele Filmschaffende fielen im Moment durchs Raster. "Und ich bitte dringend darum, dass die Politik sich darum kümmert. Auch die Kinolandschaft ist hoch gefährdet", warnte Matthes. (Lesen Sie hier, was Ulrich Matthes nach der Coronakrise plant.)

Viele Filmstarts wurden verschoben, Dreharbeiten teils ausgesetzt. Es gebe natürlich auch in der Filmbranche "viele Ängste, viele ökonomische Verwerfungen", sagte Matthes. "Es besteht die Gefahr, dass kleinere Produktionsfirmen die Krise nicht überstehen, dass Kinos eingehen." In ihrem offenen Brief, den deutsche Künstler an die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, verfassten, warnen diese, freiberuflichen Künstlern stehe "vom ersten Tag des ersatzlosen Ausfalls der Veranstaltungen in Deutschland das Wasser im wahrsten Sinne des Wortes bis zum Halse", zitierte die "Welt am Sonntag " aus dem Schreiben.

Bei den bisherigen Einschränkungen wären beispielsweise neun von zehn Musikern laut dem Landesmusikrat Berlin auf Hilfsprogramme angewiesen. Fast 60 Prozent der befragten Musiker hätten bislang Soforthilfeprogramme in Anspruch genommen, rund ein Drittel habe die Hilfen als nicht ausreichend empfunden.

Kritik an Förderflickenteppich

Zwar gibt es Hilfsprogramme für die Kulturbranche. Doch diese kritisierte der Deutsche Kulturrat als nicht ausreichend, um den Bereich über die Krise zu bringen. So seien die unterschiedlichen Hilfsprogramme in den Bundesländern ein "Förderflickenteppich", der ungerecht sei und für den ein nachvollziehbarer Grund fehle. Der Rat, die Lobbyorganisation der Bundeskulturverbände, fordert einen nationalen Fonds zur Förderung der Kulturinfrastruktur. "Wir brauchen eine funktionierende kulturelle Infrastruktur, damit auch in der Zukunft Aufträge an Künstler vergeben werden können und Kulturorte erhalten bleiben", so der Kulturrat.

In ihrem offenen Brief, den neben der Violinistin Mutter unter anderem der Sänger René Pape und der Dirigent Christian Thielemann unterzeichneten, zogen die Künstler einen Vergleich zu den Hilfen für Handelsfirmen und das Gesundheitswesen. "Ist es denn unvorstellbar für den deutschen Staat, den freiberuflichen Kulturschaffenden ebenso schnell eine maßgeschneiderte Hilfe zu offerieren wie etwa Adidas, oder den Logo- und Ergotherapeuten, die 40 Prozent aus dem vierten Quartal des Vorjahres als Einmalzuschuss bekommen, oder den Zahnärzten, die vorerst 90 Prozent des Vorjahreseinkommens erhalten?", hieß es demnach in dem Schreiben. Der Staat könne den Betroffenen helfen, "die nächsten acht, neun, vielleicht auch zwölf Monate zu überbrücken".

Nach Kritik an den ersten Hilfspaketen will Kulturstaatsministerin Grütters weiter an der Unterstützung für die Kulturszene feilen. "Ich werde mich weiter mit aller Kraft dafür einsetzen, die einzigartige Kulturlandschaft in Deutschland in all ihrer Vielfalt zu erhalten", sagte die CDU-Politikerin. Die Bundesregierung werde die bestehenden Hilfsmaßnahmen beständig überprüfen und gegebenenfalls auch nachjustieren.

Angebote mit Lücken

Doch Grütters verwies zugleich auf bestehende Programme. "Die Bundesregierung hat milliardenschwere Hilfspakete geschnürt, die auch und ganz gezielt Not leidenden Kreativen gelten." Not und Verzweiflung seien in der aktuellen Krise groß und es gebe auch Vorbehalte, die Angebote des Sozialschutz-Pakets zu nutzen. "Umso mehr appelliere ich vor allem an die soloselbstständigen Künstler und Kreativen, jetzt die niedrigschwellige Unterstützung auch in Anspruch zu nehmen." Grütters verwies etwa auf die Übernahme der Wohn- und Heizkosten.

Die Verbände der Kulturbranche sehen allerdings Lücken in den Hilfsangeboten. Dagmar Schmidt, Chefin des Bundesverbands Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) warnte, die Hilfsprogramme seien nur auf drei Monate beschränkt. "Wir befürchten, dass die Auswirkungen noch länger andauern", sagte die BBK-Vorsitzende mit Blick auf die Coronakrise. Er habe "größten Respekt" angesichts schneller Hilfspakete, sagte Heinrich Schafmeister, Vorstand im Bundesverband Schauspiel, doch er gab zu bedenken, dass Schauspieler in der Regel keine Selbstständigen seien und selbst dann beispielsweise kaum Betriebskosten abzurechnen seien.

"Es ist unsere Grunderfahrung, dass wir Schauspieler zwischen alle Stühle fallen", sagte Schafmeister. Ein großes Problem sei die in Hilfsanträgen genannte Grenze von erheblichem Vermögen in Höhe von 60.000 Euro. Schauspieler hätten eine schlechte gesetzliche Altersversorgung und seien nicht über die Künstlersozialkasse abgesichert. "Jeder ist also gut beraten, sich seine Rücklagen zu schaffen." Dies sei bei den aktuellen Hilfen nun ein Problem.

"Exitstrategie für den Kulturbereich"

Kulturstaatsministerin Grütters sieht in der anstehenden Öffnung von Buchläden, Bibliotheken und Archiven einen "ersten Lichtblick". Als nächsten Schritt strebe sie die Öffnung der Museen unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln an. "Durch Online-Tickets und Zeitfenster werden sich sicher auch hier gute Lösungen finden lassen", sagte Grütters. Sie wolle nach vorn schauen, sieht eine "Exitstrategie für den Kulturbereich".

Die Linkenchefin Katja Kipping forderte dagegen einen Schutzschirm für die freie Kulturszene. Durch die Absage aller Großveranstaltungen des Sommers drohe "ein kulturelles Massensterben nie gekannten Ausmaßes." Freischaffende Künstler, die oft schon vor der Coronakrise kaum über die Runden gekommen seien, Veranstaltungsorte und Festivalträger, die keine großen Kapitalgesellschaften im Rücken hätten, drohten die Insolvenz.

Die Linke fordert, dass Ausfälle durch abgesagte Veranstaltungen analog zu den Regelungen des Kurzarbeitergelds vom Staat übernommen werden. Das würde bedeuten, dass Künstler und Veranstalter 60 Prozent - und in Haushalten mit Kindern 67 Prozent - des entgangenen Geldes vom Bund bekommen. Statt Unternehmen zu subventionieren, die in der Krise weiter Dividenden ausschütteten, sollte dringend Geld für die Kulturszene bereitgestellt werden, so Kipping.

Autokinos erleben regelrechten Boom

Zumindest die Autokinos, eine längst rar gewordene Gilde, können sich derzeit über einen enormen Aufschwung freuen . Sie sind zur letzten Bastion der Unterhaltungsindustrie geworden. Neben Filmvorführungen finden bereits erste Gottesdienste und Konzerte in den Autokinos statt.

Der Autokino-Boom lässt sich nun auch an Zahlen ablesen. Nach Angaben der Bundesnetzagentur gibt es derzeit so viele Anträge auf die Erteilung entsprechender Frequenzen wie nie zuvor. Seit Anfang März habe die Behörde bundesweit 43 Rundfunkfrequenzen für Autokinos zugeteilt, sagte ein Behördensprecher. Weitere knapp 80 Anträge auf Frequenzzuteilung lägen noch vor und würden zügig bearbeitet. Vor der Coronakrise seien lediglich vereinzelt Frequenzen beantragt worden.

Die Deutsche Filmakademie will der ganzen Branche Mut machen, unter anderem mit der Verleihung der Lola-Preise am Freitag. "Wir wollten ein Zeichen setzen der Zuversicht, der Solidarität. Und auch ein Zeichen dafür, dass das vergangene Kinojahr großartige Leistungen hervorgebracht hat", sagte Akademie-Präsident Ulrich Mattes.

kig/dpa/Reuters
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