Unternehmen und das Virus Ein Viertel der Mittelständler spürt bereits Corona-Folgen

Wie globalisiert die deutsche Industrie mittlerweile ist, zeigt das Beispiel der Firma Ziehl-Abegg aus Baden-Württemberg, mit Werken in China und Norditalien. In Zeiten der Corona-Epidemie wird das zur Gefahr.
Ziehl-Abegg-Zentrale in Künzelsau: "Die Arbeit mit Mundschutz ist umständlicher"

Ziehl-Abegg-Zentrale in Künzelsau: "Die Arbeit mit Mundschutz ist umständlicher"

Foto: Harry Melchert/ picture-alliance

Tausende Masken zum Schutz vor dem neuartigen Coronavirus hat Ziehl-Abegg seinen Mitarbeitern bereits nach China geschickt. Der baden-württembergische Industriebetrieb produziert dort in einem Werk in Shanghai Ventilatoren. Die Arbeit kann schweißtreibend sein, alle zwei bis drei Stunden müssen Beschäftigte die Maske wechseln. "Die Arbeit mit Mundschutz ist umständlicher", sagt Firmensprecher Rainer Grill. Und auch sonst bereitet der Ausbruch der Lungenkrankheit dem Unternehmen Schwierigkeiten.

Die Logistik habe sich verlangsamt, bei Beschäftigten werde regelmäßig Fieber gemessen, selbst wenn sie in dem Werk von einem Gebäude in ein anderes wechselten, berichtet Grill.

Eine Woche lang ging wegen der Quarantäne gar nichts mehr. Rund zwei Millionen Euro Umsatz büßte das mittelständische Unternehmen allein in dieser Zeit nach eigenen Angaben ein. Schrittweise sei der Betrieb nun wieder auf 80 Prozent hochgefahren worden. Einige der insgesamt rund 500 Mitarbeiter in China müssten jedoch weiterhin vom heimischen Schreibtisch arbeiten. Immerhin, so der Sprecher, sei bislang noch kein Mitarbeiter an Covid-19 erkrankt.

Wie Ziehl-Abegg geht es vielen deutschen Unternehmen, die seit Jahrzehnten auf Made in China setzen. Und während der vollständige Schaden in Fernost noch gar nicht zu beziffern ist, breitet sich die Krankheit in Europa immer weiter aus. In Italien gibt es bereits Hunderte Infizierte und mindestens zwölf Tote. Um die Epidemie einzudämmen, stellte die italienische Regierung elf Orte unter Quarantäne. Mehr als 50.000 Einwohner sind betroffen. Auch in Deutschland häufen sich Infektionen, im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen sind die Menschen bereits angehalten, bei grippeähnlichen Beschwerden zu Hause zu bleiben und telefonisch einen Arzt oder das Gesundheitsamt zu kontaktieren. Und in Baden-Württemberg, der Heimat von Ziehl-Abegg, wurde der Erreger ebenfalls schon bei drei Personen nachgewiesen.

Deutsche Wirtschaft wird 2020 "so gut wie nicht mehr wachsen"

"Die Auswirkungen des Coronavirus werden das Wachstum in Deutschland in diesem Jahr erheblich dämpfen", sagte Mittelstandspräsident Mario Ohoven dem SPIEGEL. "Ich gehe davon aus, dass die Wirtschaft 2020 so gut wie nicht mehr wachsen wird." Eine aktuelle Umfrage des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft unter Unternehmern habe ergeben, dass rund 25 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen bereits jetzt die Folgen des Coronavirus spürten.

"Das ergibt sich schon aus den weltweiten wirtschaftlichen Lieferverflechtungen", sagte Ohoven. "So beträgt das Handelsvolumen allein mit der Lombardei, die zu den vom Coronavirus besonders betroffenen Regionen in Europa gehört, rund 44 Milliarden Euro, das entspricht in etwa dem Japan-Geschäft." Auch der Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands BDI, Joachim Lang, hatte wegen des Virus in den vergangenen Tagen vor spürbaren negativen Effekten auf die Konjunktur gewarnt. In den kommenden Wochen rechneten mehrere Branchen mit Engpässen bei Lieferungen aus Fernost.

Bei Ziehl-Abegg schlägt die Krise ebenfalls bereits aufs Geschäft durch. Hatte das Unternehmen aus Künzelsau mit weltweit mehr als 4000 Beschäftigten seinen Umsatz 2019 noch um mehr als acht Prozent auf 630 Millionen Euro steigern können, wagt das Unternehmen derzeit keine Prognose mehr. Und neben dem rund 100 Millionen Euro schweren Chinageschäft leiden inzwischen auch die Umsätze in Europa.

Der Ziehl-Abegg-Standort in Dolo in Venetien ist zwar bisher noch nicht direkt von Quarantänemaßnahmen betroffen. Doch wie im Fall von China untersagte das Unternehmen inzwischen auch sämtliche Dienstreisen nach Norditalien - auch die zur eigenen Dependance mit rund 40 Mitarbeitern. Die internationale Fachmesse Mostra Concegno zum Thema Heizungs-, Klima- und Lüftungstechnik in Mailand Mitte März mit zuletzt mehr als 150.000 Gästen ist inzwischen bis in den Herbst verschoben. Für Ziehl-Abegg wäre sie wichtig gewesen.

Ventilatoren für chinesische Schnell-Krankenhäuser

Vor Ort, so erzählt es Grill, sei die Verunsicherung groß: "Man macht sich Sorgen, wenn etwa Lkw kommen und man nicht weiß, wo der Fahrer zuvor gewesen ist." Man verfolge die Lage in Deutschland sehr genau und prüfe stündlich, ob man angesichts der Ausbreitung auch in Deutschland handeln müsse.

Dabei kann der Luft- und Antriebsspezialist selbst auch dazu beitragen, die Bekämpfung der Krankheit voranzutreiben. Für mehrere im Schnellverfahren binnen weniger Tage in China errichteter Krankenhäuser fertigten Mitarbeiter im Auftrag der Staatsregierung Hunderte Ventilatoren. Die Produkte der Firma sollen die Belüftung der Kliniken sicherstellen - und können teilweise auch dabei helfen, in Isolierzimmern einen Unterdruck herzustellen. Zehn Mitarbeiter wurden für den Spezialauftrag aus der Quarantäne geholt, wie Unternehmenssprecher Grill berichtet. "Die chinesischen Behörden haben streng kontrolliert, dass auch nur diese Beschäftigten arbeiteten."

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