Osteuropäische Arbeiter Mehr als 600 Corona-Fälle in Schlachtereien

In der deutschen Fleischproduktion grassiert nach SPIEGEL-Informationen das Coronavirus unter den Beschäftigten. In Nordrhein-Westfalen sollen jetzt alle Arbeiter von Schlachthöfen getestet werden.
Schlachthofarbeiter in Niedersachsen: Eng bei der Arbeit, kaum Rückzugsräume am Feierabend

Schlachthofarbeiter in Niedersachsen: Eng bei der Arbeit, kaum Rückzugsräume am Feierabend

Foto: Mohssen Assanimoghaddam/ DPA

In deutschen Schlachtbetrieben sind inzwischen mehr als 600 Arbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden. In den meisten Fällen hatten sich rumänische Werkvertragsarbeiter angesteckt, die oft in engen Gemeinschaftsunterkünften leben. Allein im Betrieb Müller Fleisch bei Pforzheim gab es in den vergangenen Wochen etwa 300 Infizierte.

Aber auch andere Branchengrößen sind betroffen: Bei Westfleisch haben sich nach Angaben der zuständigen Landkreise an den Standorten Oer-Erkenschwick und Coesfeld mehr als 200 Arbeiter infiziert. Den Corona-Ausbruch in Coesfeld nimmt das Land Nordrhein-Westfalen zum Anlass, alle Mitarbeiter von Schlachtbetrieben auf das Virus zu testen. Das teilte Regierungssprecher Christian Wiermer mit. Bisher hieß es, dass in den Betrieben weitergearbeitet werden darf, weil die Behörden davon ausgehen, die Lage mit den verfügten Quarantänemaßnahmen unter Kontrolle zu haben.

Am Nachmittag teilte Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) mit, dass der von besonders vielen Corona-Infektionen betroffene Schlachtbetrieb in Coesfeld vorübergehend geschlossen wird.

Das Unternehmen Vion hat seinen Schlachtbetrieb im schleswig-holsteinischen Bad Bramstedt nach einem Corona-Ausbruch ebenfalls geschlossen. Dort gibt es mehr als 100 Infizierte unter den Werkvertragsarbeitern, die meisten sind in Zweibettzimmern in einer ehemaligen Kaserne untergebracht und wurden gemeinsam per Bus zur Arbeit gefahren.  

DER SPIEGEL 20/2020
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Der seit 16. April geltende Arbeitsschutzstandard des Arbeitsministeriums werde "nach allem, was ich weiß, in kaum einer Unterkunft eingehalten", sagt die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Katja Mast, die auch die Taskforce der SPD-Fraktion "Soziale Folgen der Corona-Pandemie" leitet.

Schlachtereien schieben die Verantwortung auf Subunternehmer

Die Regelung zur Corona-Prävention sieht vor, dass Mehrbettzimmer nur von Partnern oder Familien bewohnt werden sollen und in den Unterkünften Geschirrspüler und Waschmaschine sowie ein Wäschedienst vorhanden sein müssen.

Die Realität sieht deutlich dürftiger aus. Arbeiter von Müller Fleisch etwa lebten in einer heruntergekommenen Wohnung im Enzkreis auf 117 Quadratmetern mit bis zu 16 Personen. Mindestnutzflächen pro Person, wie Niedersachsen sie festgelegt hat, gibt es in anderen Bundesländern nicht. Die Unternehmen verweisen auf verstärkte Hygiene in den Betrieben, Vion erklärt, auch in der Kaserne würden gute Standards beachtet. Im Übrigen seien die Subunternehmer für die Unterkünfte verantwortlich.

Mast lässt das nicht gelten und will künftig die Unternehmen auch für die Wohnsituation haften lassen. "Das Geschäftsmodell mit den prekären Unterkünften für osteuropäische Arbeiter muss beendet werden."

Mit Material von dpa