Leere Straßen, steigende Preise So würgt das Virus Chinas Wirtschaft ab

Neue Daten zeigen, wie der Corona-"Shutdown" Chinas Wirtschaft lähmt: Der Immobilienmarkt bricht zusammen, Kraftwerke werden gedrosselt. Acht Grafiken zeichnen das Bild eines Landes im Stillstand.
Foto: China Daily CDIC/ REUTERS

Eine arbeitsteilige Wirtschaft lebt davon, dass Menschen sich zusammenfinden, in Unternehmen gemeinsam Waren herstellen, Handel treiben, kurz: im Austausch miteinander stehen. Doch in China sind derzeit weite Teile dieses Zusammenspiels gestört. Grund ist die Ausbreitung des Coronavirus, den die chinesische Regierung vor allem dadurch zu bekämpfen versucht, dass sie Städte abschottet und Fabriken geschlossen hält.

Wie massiv der Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität ist, zeigen Daten, die das Singapurer Büro der Analysefirma Capital Economics zusammengestellt hat (hier geht's zur Corona-Seite der Firma ).

Der Reiseverkehr zwischen großen Städten ist in China praktisch zum Erliegen gekommen. Die Zahl der täglichen Reisebewegungen ist demnach von mehr als 85 Millionen Mitte Januar auf knapp 13 Millionen gesunken.

Die Chinesen sind in den vergangenen Jahrzehnten immer mobiler geworden. Die Zahl der täglich zurückgelegten Reisekilometer ist seit dem Jahr 2000 mit einigen wenigen Ausnahmen stetig gewachsen. Im Januar 2020 registrieren die Statistiken allerdings einen drastischen Rückgang: minus 71,82 Prozent. Mit anderen Worten: Wer im Dezember im Schnitt zehn Kilometer unterwegs war, legte im Januar nur noch 2,8 Kilometer pro Tag zurück. Das deutet darauf hin, dass die meisten Chinesen ihre eigenen vier Wände offenbar nur noch dann verlassen, wenn es gar nicht anders geht. Auffällig auch: Nach dem Ausbruch der Lungenkrankheit Sars in den Jahren 2002 und 2003 war das Muster zwar ähnlich, damals betrug der Einbruch der Personenkilometer allerdings maximal 51 Prozent.

Ein ähnliches Bild zeichnen auch die Daten, die Capital Economics auf Basis von Verkehrsmeldungen der Suchmaschine Alibaba berechnet hat. So ist die Straßenauslastung in Chinas Großstädten nach dem Ende der Neujahrsfeiern am 25. Januar nicht wie in den Vorjahren zügig wieder auf das alltägliche Niveau gestiegen.

Die Lähmung der chinesischen Wirtschaft hat bereits Auswirkungen auf die Versorgungslage. Zahlreiche Medien haben über Hamsterkäufe berichtet, vor allem Toilettenpapier ist offenbar knapp geworden. Diese Entwicklung zeigt sich auch bei den Preisen. Wie in den Vorjahren registrieren die Analysten von Capital Economics einen Anstieg der Preise vor dem chinesischen Neujahrsfest. In diesem Jahr allerdings sind die Preise danach nicht zügig wieder auf ihr Normalniveau gesunken. Im Gegenteil: Sie steigen weiter, seit dem Neujahrsfest beträgt das Plus rund drei Prozent.

Hinweis zur obigen Abbildung: Um die Preisentwicklung um Neujahr in den Jahren 2017 bis 2020 miteinander vergleichen zu können, wurde das Preisniveau zum Neujahrsfest jeweils mit dem Wert 100 normiert.

Die Covid-19-Epidemie belastet viele kleinere und mittlere Unternehmen. Ihnen droht das Geld auszugehen, weil die Kunden sie meiden. Bei einer Umfrage chinesischer Ökonomen gab ein Drittel der befragten Firmen an, ihre Cashreserven könnten innerhalb eines Monats aufgebraucht sein. Eine zweite Umfrage bezifferte den Anteil von Unternehmen mit knapper Kasse sogar auf 40 Prozent.

Stark betroffen sind Hotels, Restaurants und Unterhaltungseinrichtungen. Die 70.000 Kinos des Landes sind geschlossen, die Einbußen der Branche summieren sich offenbar bereits auf mehr als eine Milliarde Dollar , das traditionell umsatzstarke Geschäft an Neujahr und der darauffolgenden "Goldenen Woche" fiel dieses Jahr vollständig aus. Auch der Markt für Immobilien ist praktisch zusammengebrochen: Zuletzt wechselten in den 30 größten Städten zusammengenommen nur noch 590 Objekte den Besitzer - vor einem Jahr waren es mehr als 4000 gewesen.

Der Rückgang der ökonomischen Aktivität hinterlässt auch Spuren bei Chinas Energiekonsum: Das Minus beim Ölverbrauch wird auf 25 Prozent geschätzt . Die chinesischen Kohlekraftwerke haben ihre Leistung nach dem Ende des Neujahrsfestes nicht wie üblich um 50 bis 80 Prozent erhöht - sondern seitdem sogar noch weiter gedrosselt.

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten schlagen inzwischen auch auf andere Länder durch. Südkorea meldet einen Rückgang der Einfuhren aus China von 50 Prozent. Das ist ein Problem, weil es sich dabei nicht nur um Fertigwaren handelt, sondern vor allem um Vorprodukte, die in koreanischen Fabriken weiterverarbeitet werden, etwa in der Autoindustrie.

Ähnliche Probleme haben auch europäische Autokonzerne: Allein in der besonders vom Coronavirus betroffenen Provinz Hubei sind 700 Autozulieferer ansässig. Der britische Autohersteller Jaguar hat angekündigt, wichtige Bauteile zur Not per Flugzeug nach Großbritannien einfliegen zu lassen.

Viele Experten hoffen darauf, dass der jähe Einbruch der Wirtschaftsaktivität in China noch kompensiert werden kann durch eine schnelle Erholung, sie sprechen von einer "V-Form" der Krise. Sofern die chinesischen Fabriken bald wieder öffnen, "könnte das Produktionsminus bis zum Ende des Jahres wieder aufgeholt werden", glaubt Neil Shearing, Chefökonom von Capital Economics. Sollte der "Shutdown" allerdings länger andauern, sei es auch möglich, dass die chinesische Wirtschaft dauerhaft belastet bleibe.

Mittelfristig wachse zudem die Gefahr einer "De-Globalisierung": Das seit Jahrzehnten von vielen Firmen erfolgreich praktizierte Konzept grenzüberschreitender Lieferketten stehe bereits durch den Handelskonflikt zwischen China und den USA und den Brexit massiv unter Druck. Produktionsausfälle im Zuge der Corona-Krise könnten den Prozess der "De-Globalisierung verstärken, der sich bereits jetzt in der Weltwirtschaft verbreitet", warnt Shearing.