Boom bei Beatmungsgeräten Luft zum Überleben

Beatmungsgeräte gelten als existenziell für schwer erkrankte Covid-19-Patienten. Profis, Start-ups, selbst Staubsaugerfirmen kurbeln nun die Weltproduktion an - mit teils abenteuerlichen Konstruktionen.
Beatmungsgerät von Drägerwerk: Auftrag für 10.000 neue Maschinen

Beatmungsgerät von Drägerwerk: Auftrag für 10.000 neue Maschinen

Foto: Drägerwerk/ DPA

Die wohl schlimmste Krankheitsfolge des Coronavirus ist, dass sie bei einem Teil der Infizierten eine beidseitige Lungenentzündung auslöst. Patienten, bei denen das Virus zu einem solch schweren Krankheitsverlauf führte, berichteten von dem Gefühl, langsam zu ertrinken . Manche überlebten, andere nicht.

Regierungen weltweit wollen daher Kapazitäten aufstocken, um Patienten zu behandeln, die an der von Corona ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 erkrankt sind. Eine zentrale Rolle spielen Beatmungsgeräte, die Erkrankte mit genug Sauerstoff versorgen, solange ihre eigene Lunge das nicht leisten kann.

Das Problem ist: Es gibt viel zu wenige solcher Geräte. In deutschen oder US-amerikanischen Intensivstationen kommen laut Schätzungen  auf 100.000 Menschen, die ein erhöhtes Risiko haben, an Covid-19 zu sterben, gerade 90 bis 120 Beatmungsgeräte. In Großbritannien, Spanien oder Frankreich sind es sogar nur 30 bis 40.

Die Folgen dieses Mangels werden schon jetzt in vielen Ländern deutlich: Spanien und Italien lassen Covid-19-Patienten per Flugzeug in deutsche Kliniken bringen, weil ihre Kapazitäten an Beatmungsgeräten erschöpft sind. In New York berichten Ärzte, dass sie teils zwei Patienten an dasselbe Beatmungsgerät anschließen müssten.

Die Zahl schwer erkrankter Covid-19-Patienten wird nach Schätzung von Epidemiologen in den kommenden Wochen noch einmal stark steigen. Hersteller solcher Geräte versuchen daher, ihre Produktion anzukurbeln:

  • Der deutsche Medizintechnik-Hersteller Drägerwerk soll auf Geheiß der Bundesregierung bis Jahresende 10.000 zusätzliche Beatmungsgeräte produzieren.

  • Die schwedische Firma Getinge, die bisher rund ein Viertel der globalen Nachfrage an Beatmungsgeräten abdeckt, will 2020 insgesamt 16.000 solcher Maschinen herstellen, 60 Prozent mehr als im Vorjahr.

  • Der italienische Hersteller Siare soll, mit Unterstützung der Armee, seine Produktion verdreifachen - auf 500 Beatmungsgeräte pro Monat.

  • Die Schweizer Firma Hamilton Medical, die normalerweise 220 Maschinen pro Woche schafft, will ihre Produktion bis Ende April verdoppeln.

Ausreichen dürfte das bei Weitem nicht. Insgesamt habe die Branche 2019 gerade Kapazitäten gehabt, weltweit rund 40.000 Beatmungsgeräte zu produzieren, sagte ein Getinge-Sprecher dem "Economist" . Spezialisten für Lungenmaschinen fristeten bislang ein Nischendasein. Auf einen Ansturm, wie ihn nun die Corona-Pandemie auslöst, sind sie schlicht nicht vorbereitet.

Erschwerend hinzu kommt: Beatmungsmaschinen von Profi-Herstellern bestehen aus bis zu 1500 Teilen, die von rund hundert Zulieferern aus aller Welt kommen. Filter, Schläuche und andere Verbrauchsmaterialien werden bereits jetzt knapp. Ob Nachschub immer rechtzeitig kommt, ist aufgrund der derzeitigen Abschottungspolitik vieler Staaten alles andere als sicher.

Daher versuchen inzwischen auch branchenfremde Firmen, einen Teil des globalen Nachfragebooms zu bedienen. Autobauer wie Tesla und Daimler wollen ebenso mitmischen wie Luftfahrtkonzerne oder der Staubsaugerhersteller Dyson . Im Nischensegment der Beatmungsgeräte herrscht mittlerweile eine regelrechte Bonanza.

Beatmungstechnik à la McLaren

Der Verein deutscher Ingenieure gibt sich skeptisch, dass Laien binnen Monaten die jahrelangen Entwicklungsprozesse professioneller Medizintechniker nachholen können. Britische und US-amerikanische Firmen gehen zuversichtlicher und auch kreativer an diese Herausforderung heran.

Da einzelne Unternehmen allein meist wenig Ahnung von den recht komplexen Beatmungsmaschinen haben, tragen sie ihr Wissen in sogenannten Konsortien - branchenübergreifenden Konzernteams - zusammen. Zudem bemühen sie sich gar nicht erst, komplizierte Maschinen mit 1500 Teilen zu bauen, sondern fokussieren sich auf einfachere Geräte, die, so die Hoffnung, dennoch Leben retten können.

In Großbritannien leitet laut einem Bericht des "Economist"  die Firma Meggitt, die unter anderem Sauerstoffsysteme für Flugzeuge baut, ein solches Konsortium. Ein anderes Firmenteam wird vom Rennwagenhersteller McLaren angeführt - der keine Erfahrung mit Beatmungstechnik hat, aber erprobt darin ist, rasch Prototypen zu entwickeln und zu bauen. In den USA werkelt das Start-up Ventech Life Systems derweil mit dem Autohersteller General Motors  an einem kleinen, tragbaren Beatmungsgerät.

Hochschulen versuchen ebenfalls, einen Beitrag zu leisten. Ingenieure der Oxford-Universität und des King’s College etwa wollen binnen wenigen Wochen den Prototyp einer simplen Beatmungsmaschine  anmelden, die weniger als tausend Pfund kosten soll. Das Gerät ist nicht viel mehr als ein Gummisack, der mit einer Atemmaske verbunden ist. Der Sack pumpt Luft in die Lunge eines Patienten, wenn man ihn zusammendrückt, über einen speziellen Anschluss kann der Luft im Sack Sauerstoff zugesetzt werden.

Der US-Energiedienstleister Bloom Energy, der eigentlich Brennstoffzellen wartet, bringt inzwischen ältere Beatmungsgeräte auf Vordermann. Ein sogenanntes Tiger-Team des Unternehmens habe es binnen 24 Stunden geschafft, zwei Dutzend Geräte wieder fit für den Klinikbetrieb zu machen, berichtet die "Los Angeles Times" . Die Maschinen seien Mitte der Nullerjahre hergestellt worden, ihre Betriebsgenehmigung sei eigentlich erloschen gewesen.

Hinter der hemdsärmeligen Herangehensweise all dieser Projekte scheint im Kern dieselbe Strategie zu stecken: Einfachere Maschinen sollen die Lücke zwischen der rasch steigenden Zahl von beatmungsbedürftigen Covid-19-Patienten und der langsamer wachsenden Zahl von professionellen Beatmungsgeräten möglichst weit schließen.

Die Welt, so die Vermutung, wird auch die simpleren Geräte brauchen, zumindest für eine Übergangszeit. Auch wenn solche Produkte nicht ohne Risiko sind.

Semiprofessionell beatmen - oder ersticken?

Denn Beatmungsgeräte müssen stets präzise auf Patienten eingestellt werden. Die Zahl der Atemzüge pro Minute, die Menge an Luft, die mit jedem Atemzug in die Lungen hinein- und wieder herausströmt: All das muss fein justiert werden. Werden die Geräte falsch eingestellt, kann es zu einer sogenannten Lungenüberblähung kommen. Schlimmstenfalls endet das tödlich.

Hinzu kommt: Es mangelt schon bei den professionellen Beatmungsmaschinen an Experten, die wirklich wissen, wie man solche Geräte bedient. "Das erfordert jahrelange Erfahrung", sagt Drägerwerk-Chef Stefan Dräger im Interview mit dem SPIEGEL.

Wissen über die richtige Handhabe von Beatmungsmaschinen müsste also erst noch systematisch verbreitet werden. Ärzte, die auf diesem Gebiet Erfahrung haben, müssten im Idealfall entlastet werden, damit sie möglichst viele Beatmungen von Patienten beaufsichtigen können. Und die einfacheren Geräte müssten schnell und unkompliziert von Zertifizierungsstellen auf ihre Tauglichkeit geprüft werden.

Im Angesicht der Krise ist all das womöglich nur eine akademische Diskussion. Sollten die schweren Covid-19-Fälle zu rasch zunehmen, bleibt selbst für solche Vorbereitungen womöglich nicht genug Zeit. Ärzte müssten sich dann womöglich bald entscheiden, ob sie Patienten langsam ersticken lassen müssen - oder zumindest versuchen, sie semiprofessionell zu beatmen.

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