Streit zwischen Topbankern Kabale am Zürichsee

Eine Verfolgungsjagd durch Zürich, eine Beinahe-Schlägerei zwischen Spitzenbankern auf einer Gartenparty und der Suizid eines Mittelmannes: Im Finanzzentrum der Schweiz spielt sich derzeit ein beispielloses Drama ab.
Zürich-Panorama: Ein Streit unter Top-Bankmanagern ist völlig außer Kontrolle geraten

Zürich-Panorama: Ein Streit unter Top-Bankmanagern ist völlig außer Kontrolle geraten

Foto: iStockphoto/ Getty Images

Die Schweiz und Banken - das passt eigentlich hervorragend zusammen: Beide, das Land und die Branche, legen Wert auf Diskretion und makelloses Renommee. Doch was derzeit zwischen den beiden größten Finanzinstituten des Landes passiert, hat damit nichts mehr zu tun: Es ist eine irre und beispiellose Geschichte über das Zerwürfnis zweier Topmanager und einen Streit, der völlig außer Kontrolle geraten ist.

Der Reihe nach: UBS und Credit Suisse gehörten, bislang jedenfalls, zu den renommiertesten Geldhäusern der Welt. Wie wenige andere stehen sie für die DNA der Schweizer Volkswirtschaft - dominant in der Heimat, global erfolgreich. Beide Banken logieren als direkte Nachbarn mit ihren Zentralen am Züricher Paradeplatz. Mehr Rivalität und Nähe gibt es kein zweites Mal in der Finanzbranche.

Wechselt ein Spitzenmanager am Paradeplatz die Hausnummer, sind Schlagzeilen garantiert. Das war zum Beispiel so, als der einstige Credit-Suisse-Chef Oswald Grübel vor Jahren plötzlich bei der UBS anheuerte, um die in der Finanzkrise fast kollabierte Großbank zu retten.

Doch das war harmlos im Vergleich zu dem Schauspiel, das sich dieser Tage am Zürichsee entfaltet. Im Mittelpunkt der spektakulären Inszenierung steht Iqbal Khan. Der ebenso schneidige wie erfolgreiche Chef der Vermögensverwaltungssparte der Credit-Suisse ist kürzlich zur UBS gewechselt - und seither ist in Zürich nichts mehr wie früher.

Iqbal Khan (Mitte): Kundenfänger und Kronprinz

Iqbal Khan (Mitte): Kundenfänger und Kronprinz

Foto: REUTERS / ARND WIEGMANN/ REUTERS

Allein, dass die Credit Suisse ihren besten Kundenfänger und Kronprinzen von Vorstandschef Tidjane Thiam verliert, ist schmerzhaft für die Bank. Doch weil man bei Credit Suisse fürchtete, der gebürtige Pakistaner könne enge Mitarbeiter mit zur UBS nehmen, ließ man Khan von Mitarbeitern des Detektivbüros Investigo beschatten.

Das Zerwürfnis begann schon früher

Die Schlapphüte blieben nicht lange unbemerkt. Khan jedenfalls, so berichten es Schweizer Medien, hatte rasch den Eindruck, überwacht zu werden und heuerte selbst private Sicherheitsleute an. Am Dienstag vorvergangener Woche dann eskalierte die Situation: Unterwegs im Auto mit Frau und Kind, stellte Khan seine Häscher mitten in der feinen Zürcher Innenstadt, im Schatten der Nationalbank. Der Manager zückte seine Handykamera und schoss Fotos vom Nummernschild des ihn verfolgenden Investigo-Fahrzeugs samt dreier Insassen. Nach einem Handgemenge und angeblichen Hilferufen des Topbankers am hellichten Tag erstattete er Anzeige gegen die Männer.

Die Sache wurde rasch publik. Ein Bauernopfer musste her, um Konzernchef Thiam zu schützen. Gehen mussten alsbald Credit Suisses Sicherheitschef sowie Thiam-Intimus Pierre-Olivier Bouée, der den schönen Titel Chief Operating Officer trug, und den Thiam einst beim britischen Versicherer Prudential abgeworben hatte.

Bouée trug schon damals Kampfnamen "the facilitator" - der "Möglichmacher". Indem er Khan beschatten ließ, wurde er auch bei Credit Suisse seinem Ruf als Mann fürs Grobe gerecht.

Jahrelange Umbauarbeiten an Khans Villa

Bis hierhin war es eine skurrile Episode - doch in den vergangenen Tagen wurde sie um eine tragische Note reicher: Der von Bouées Sicherheitschef eingeschaltete Mittelsmann, der wiederum die Detektei Investigo engagierte, beging Suizid. Über die genauen Hintergründe wird spekuliert, ein Zusammenhang mit der Affäre Khan liegt jedoch nahe.

Fast unter ging dabei, dass bis jetzt jeder Beweis fehlt, dass Khan tatsächlich entgegen seinen vertraglichen Verpflichtungen versucht haben könnte, Vertraute oder Kunden der Credit Suisse zur UBS zu locken.

Doch warum ist Khan überhaupt zum Konkurrenten gewechselt? Schließlich galt er zuvor jahrelang als enger Vertrauter von Credit-Suisse-Chef Thiam. Wie Schweizer Boulevardmedien mittlerweile in Erfahrung gebracht haben, begann das Zerwürfnis der beiden bereits Anfang des Jahres - auf einer zunächst harmlosen Gartenparty im Hause Thiam am Herrliberg. Die Gegend gehört zu Zürichs sogenannter Goldküste, eine der teuersten Wohngegenden der Welt. Dort sind Thiam und Khan bis heute Nachbarn, wobei jahrelange Umbauarbeiten an Khans Villa Thiams Nerven strapaziert haben sollen.

Tidjane Thiam: Wunderkind mit Problemen

Tidjane Thiam: Wunderkind mit Problemen

Foto: Bloomberg via Getty Images

Auf jener Gartenparty also sollen Thiam und Khan aus ungeklärter Ursache aufeinander losgegangen sein - mindestens verbal, einigen Augenzeugen zufolge sogar fast handgreiflich - und unter Einfluss von Alkohol. Letztlich konnte Khans Gattin Schlimmeres verhindern und die Streithähne trennen. Topmanager der zweitgrößten Bank der Schweiz, die wie zwei Teenager mit Testosteronüberschuss in aller Öffentlichkeit aufeinander losgehen - man könnte es kaum glauben, doch die Beteiligten haben die Story zumindest nicht dementiert.

Thiam droht seinen Job zu verlieren

Seither, das dürfte gesichert sein, war die Beziehung der beiden Alphatiere zerrüttet. Zudem muss Khan klar geworden sein, dass er keine Chancen mehr haben würde, von Thiam zu dessen Nachfolger aufgebaut zu werden. Auch diese Erkenntnis dürfte seinen Wechsel zur UBS beschleunigt haben.

Inzwischen hat Khan seinen Dienst bei der UBS angetreten und sich in einem internen Memo seinen neuen Kollegen als umgänglicher Typ vorgestellt. "Als Führungsperson und Kollege könnt ihr mit meiner Fairness rechnen, meiner Leidenschaft gegenüber Kunden sowie meinem Einsatz für gute Resultate", heißt es. Aus den Zeilen eine Spitze gegen Thiam herauszulesen fällt nicht schwer.

Thiam selbst wiederum ist wegen der Affäre auch intern angeschlagen und muss damit rechnen, seinen Job zu verlieren. Zwar hält Verwaltungsratspräsident Urs Rohner noch zu ihm. Denkbar ist freilich, dass beide die Krise nicht überstehen.

Das wäre insbesondere für Thiam ein jäher Absturz. Der gebürtige Ivorer galt lange als Wunderkind der Finanzbranche. Er hat zwei französische Eliteuniversitäten erfolgreich abgeschlossen und nach Stationen bei McKinsey und dem Versicherer Aviva dessen Konkurrenten Prudential auf Erfolg getrimmt.

Zu seinem Amtsantritt bei Credit Suisse vor vier Jahren hatten Kritiker zwar geunkt, der Umstieg von der Versicherungs- in die Bankenbranche werde nicht leicht. Und gleich zu Beginn seiner Amtszeit musste Thiam einräumen, von bestimmten Geschäften seiner Investmentbanker nichts gewusst zu haben und heftige Abschreibungen bilanzieren.

Seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren aber hat die Credit Suisse gegenüber dem ewigen Rivalen UBS aufgeholt - zumal dieser in der Führungskrise steckt. Kürzlich trennte sich der Konzern von Martin Blessing, dem früheren Chef der Commerzbank, sowie dem obersten Kommunikationschef. Auch Vorstandschef Sergio Ermotti gilt als angeschlagen, doch für ihn gibt es schon einen aussichtsreichen Nachfolgekandidaten: Iqbal Khan.