Crowdworking Klickarbeit zum Hungerlohn

Apps testen, Produktbeschreibungen übersetzen, Bilder verschlagworten: Im Internet vergeben Firmen Kleinst-Aufträge an ein Heer selbstständiger Helfer - für Mini-Honorare. Entsteht ein digitales Prekariat?
Crowdworking-Arbeitsplatz Handy

Crowdworking-Arbeitsplatz Handy

Foto: Rainer Jensen/ picture alliance / dpa

Die Arbeit kommt per E-Mail; um sie zu erledigen braucht Moritz nicht viel. Nur Smartphone, Tablet oder PC. Ein typischer Auftrag: mit dem Handy eine Kfz-Versicherung abschließen. Klappt das? Im Bericht notierte der 27-jährige Regensburger: nicht so. Die Tabellen überschneiden sich, wichtige Dokumente lassen sich nicht herunterladen. Statt der Geschäftsbedingungen zeigt die PDF-Datei auf seinem Telefon eine leere Seite an. Eine sinnvolle Arbeit, findet Moritz: "Für die Versicherung sind das wichtige Infos."

Ein anderer Auftrag lautete: Teste einen Webshop für Tierfutter. Wahrscheinlich haben sie ihn ausgewählt, vermutet Moritz, weil er bei der Registrierung angab, dass er eine Katze hat.

Am ungewöhnlichsten war ein Job im Oktober; die Arbeitsausstattung: ein Zugticket. Moritz sollte umherfahren und prüfen, ob sich eine neue Internetseite der Deutschen Bahn mit passenden Streckeninfos während der Fahrt aktualisiert. Die Dienstreise führte von Regensburg über Hannover und Berlin bis nach Magdeburg.

Moritz, gerade fertig mit dem Maschinenbaustudium, jobbt für das Münchner Start-up Testbirds . Die Firma prüft im Auftrag von Unternehmen Websites und Apps. 65 Festangestellte beschäftigt Testbirds - und rund 150.000 freie Mitarbeiter wie Moritz. Crowdworking nennt sich das: Unternehmen lagern Arbeitsaufträge über Internetplattformen an ein Heer freiberuflicher Helfer aus, meist zerlegt in kleinste Tätigkeitsschritte - für die es oft auch nur kleinste Honorare gibt.

Crowdworker überprüfen Texte auf Fehler, recherchieren, übersetzen Produktbeschreibungen, verschlagworten Bilder, pflegen Datenbanken oder entwerfen Firmenlogos. Und das sind nur einige Beispiele.

Digitale Tagelöhner oder guter Nebenjob für Freiberufler?

Unter Experten ist nun eine Debatte entbrannt, ob hier ein neues Erwerbsmodell aufkommt - und ob wir uns vor einer Zukunft fürchten müssen, in der sich Unternehmen weniger Angestellte leisten und Arbeit zunehmend von anonymen Freelancern erledigen lassen. Einige sprechen von Tagelöhnern des Internets und warnen vor digitalem Taylorismus.

Sicher ist nur: Crowdworker wird es künftig häufiger geben, sagt Jan Marco Leimeister, Professor für Wirtschaftsinformatik an den Unis in Kassel und St. Gallen. "Crowdworking ist eine einfache Art, eine Tätigkeit aufzunehmen. Man muss keine Auftragsakquise betreiben und bekommt relativ schnell etwas zu tun." Das passe ideal in die vielen Lücken, die sich in modernen Erwerbsbiografien auftun: Verträge sind zunehmend befristet - mit unkomplizierten Crowd-Aufträgen lässt sich die Zeit zwischen den Anstellungen überbrücken. Mehr Menschen als früher arbeiten in Teilzeit - mit kleinen Digitaljobs können sie ihr Gehalt aufstocken. "In den USA steigen die Anmeldezahlen bei den Crowdworking-Plattformen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten stark an", sagt Leimeister.

Eine echte Alternative ist das Crowdworking in Deutschland bisher aber für die wenigsten. Bei Testbirds etwa verdienen aktive Tester im Schnitt 47 Euro im Monat. Selbst die 50 Topverdiener unter den 150.000 Mitarbeiter kommen im Schnitt nur auf 1960 Euro. Für die meisten ist das Testen allenfalls ein Zubrot. Von den Test-Aufträgen zu leben, kann sich Crowdworker Moritz nicht vorstellen: "Es ist schon schwer, über 100 Euro zu kommen", sagt er. "Angewiesen sein sollte man darauf nicht."

Aber was, wenn man es doch ist?

Eine erste systematische Studie des Crowdworking-Forschers Jan Marco Leimeister ergab: Die wenigen hauptberuflichen Crowdworker kommen im Schnitt nur auf 1500 Euro im Monat - bei Arbeitszeiten von bis zu 80 Stunden in der Woche. Lediglich zwei Drittel versichern sich gegen Krankheit und Arbeitslosigkeit, für das Alter sorgt nur etwas mehr als die Hälfte vor.

Diese Ergebnisse sind mit Vorsicht zu interpretieren: In der Stichprobe haben nur sehr wenige Menschen Crowdworking überhaupt als ihren Hauptberuf angegeben. Wie repräsentativ diese Ergebnisse sind, ist unklar - aber sie geben Hinweise.

Crowdworker-Studie

Mittlerweile haben auch die Gewerkschaften das Thema entdeckt. Die IG Metall bietet seit einem Jahr unter www.faircrowdwork.org Beratung an. "Crowdwork birgt viele Chancen, aber wir brauchen dafür faire Standards", sagt Vanessa Barth, die das Thema im Vorstand der IG Metall betreut. Darunter könnten folgende Punkte fallen:

  • Sozialversicherung
    Denkbar wäre, das Modell der Künstlersozialkasse auf Crowdworker auszuweiten. Die Künstlersozialkasse bietet eine vergleichsweise günstige Kranken- und Rentenversicherung für freiberufliche Maler, Schriftsteller, Übersetzer oder Journalisten. Sie zahlen wie Arbeitnehmer nur den halben Versicherungsbeitrag, der Rest wird über eine Umlage bei den Verwertern eingesammelt.
  • Mitbestimmung
    IG-Metall-Expertin Vanessa Barth berichtet von einem Fall aus der Beratung: Eine Frau hatte einen Konflikt mit ihren Auftraggebern - darauf sperrte die Plattform nicht nur ihren Account, sondern auch den ihres Ehemannes. "In einem Unternehmen mit Betriebsrat wäre es erst gar nicht so weit gekommen", glaubt Barth. "Die Crowdworker sind im Verhältnis zu den Plattformen völlig schutzlos."
  • Bezahlung
    Der gesetzliche Mindestlohn gilt für Arbeitnehmer, nicht aber für Selbstständige. "Vor allem bei den Plattformen, die sehr kleinteilige Arbeiten an die Crowd vergeben, ist nicht davon auszugehen, dass der Mindestlohn erreicht wird", sagt Barth. Für sie stellt sich die Frage, ob es nicht auch ein Mindesthonorar für digitale Jobs braucht.

Philipp Benkler, einer der Gründer von Testbirds, will mit gutem Beispiel vorangehen: Sein Unternehmen ist mit Gewerkschaften im Gespräch und hat sich einen Verhaltenskodex auferlegt. "Es wird immer gesagt, Crowdworking wäre Ausbeutung", sagt Benkler, "dem wollten wir was entgegensetzen".

Der Kodex aber bleibt vage. Transparent soll die Kommunikation mit den Crowdworkern sein, fair die Bezahlung. In einer zweiten Fassung sollen die Standards spezifischer werden, sagt Benkler. Aber klar ist: Vergleichbar mit einem Tarifvertrag sind Selbstverpflichtungen nicht.

Crowdworker Moritz hat nach dem Maschinenbaustudium nach einer Stelle gesucht, was nicht so einfach war. Selbst große Unternehmen stellten Ingenieure oft nur als Leiharbeiter ein, sagt er. Jetzt fängt er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Fachhochschule an und testet im Labor Motoren, befristet natürlich. Und den Job als Crowdworker? "Den mache ich dann noch nebenher", sagt er. Man weiß ja nie.

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