Dänemarks Pelzindustrie in der Coronakrise Das Land der toten Nerze

Dänemark will nach Corona-Mutationen bei Pelztieren sämtliche Nerze in dem Land keulen. Betroffen ist eine äußerst diskrete Branche mit bis zu 17 Millionen Tieren – und Milliardenumsätzen.
Nerze in Käfigen auf einer Farm in Naestved: "Viele empfängliche Tiere auf recht engem Raum, das begünstigt die Virusvermehrung"

Nerze in Käfigen auf einer Farm in Naestved: "Viele empfängliche Tiere auf recht engem Raum, das begünstigt die Virusvermehrung"

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Mads Claus Rasmussen / dpa

Die Zeit, um Pelz zu Geld zu machen, stand für Dänemarks Nerzzüchter kurz bevor: Spätestens bis Ende November hätten sich die Tiere das flauschige Winterfell zugelegt gehabt, das Pelzen sollte beginnen. Doch nicht mal mehr bis dahin werden es die meisten Tiere nun noch schaffen. Viele Nerze werden schon früher getötet – und das könnte den gesamten Bestand im ganzen Land treffen. Die Nerze werden nicht zu Mänteln oder Muffs verarbeitet, sondern verbrannt.

Bis zu 17 Millionen Tiere sollen bis in ein bis zwei Wochen gekeult sein. Das hat die Regierung des gerade mal gut fünf Millionen Menschen großen Landes angeordnet. Viele Tiere sind bereits tot, während das sozialdemokratische Kabinett von Ministerpräsidentin Mette Frederiksen noch hektisch an einem Gesetz hierfür arbeitet. Die Regierungschefin sah sich gezwungen, sich bei den Tierhaltern öffentlich für die fehlende Rechtsgrundlage der Keulung zu entschuldigen, und steht nun unter Druck. Der zuständige Minister Mogens Jensen zeigt sich inzwischen dafür offen, womöglich doch nicht alle Tiere zu keulen .

Die Lage ist ernst: Eine "Cluster 5" genannte Mutation des neuartigen Coronavirus hatte sich in Dänemark unter den Nerzen verbreitet und ist bereits auf Menschen übergesprungen. Nach Plan sollen deshalb alle gesunden Bestände getötet werden, nicht nur die innerhalb einer Risikozone rund um Farmen mit infizierten Tieren. Die Sorge dahinter: Eine mutierte Version des Virus könnte die Wirksamkeit eines Impfstoffs schwächen, auf den die Welt doch so dringend wartet. In Jütland herrscht mancherorts nun Angst, zu einem zweiten Wuhan zu werden.

Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Was bedeutet das Virus für die Branche und warum ist die Pelzbranche in Dänemark überhaupt so wichtig?

Das skandinavische Land schickt sich seit Jahren an, den weltweiten Hunger nach Pelz zu stillen, und verdient daran kräftig. 2013 verzeichnete die Branche einen Rekordumsatz von 13 Milliarden Kronen (etwa 1,7 Milliarden Euro) und sorgte für knapp ein Prozent aller dänischen Exporte. Der Nerz gilt nach Schweinen und Kühen als drittwichtigstes landwirtschaftliches Nutztier des Landes. Auch als in Deutschland 2017 ein verschärftes Haltungsrecht für Pelztiere in Kraft trat, standen dänische Landwirte und Züchter bereit, das Geschäft mit den Nerzen und Chinchillas zu übernehmen, das hierzulande unrentabel wurde. Das nördliche Nachbarland ist längst größter Produzent von Nerzfellen weltweit.

Die Pelzmode feierte zuletzt dank dicker Felle an den Kapuzen von Winterparkas ein erstaunliches Comeback. Mitunter sind Bommel und Kragen aus echtem Tierfell sogar günstiger als Kunstpelz, manche Verbraucher kaufen sie, ohne darum zu wissen. Während Gucci oder Chanel das älteste Kleidungsstück der Menschheit öffentlichkeitswirksam aus dem Programm nahmen, stieg in Russland oder China mit wachsendem Wohlstand zudem die Nachfrage an Pelz rasant.

Dänemark vereint gleich mehrere Standortvorteile, um diese wachsende Nachfrage zu stillen. So profitiert der weitgehend ungeregelte Wirtschaftszweig von den extensiven anderen Tierhaltungen in dem Land. "Der einfache Zugang zu frischem Futter aus Fischerei- und Schlachtabfällen ist einer der wesentlichen Gründe für die Ansiedlung der Nerzzüchter und sorgt für einen schönen Pelz", sagt Henning Otte Hansen, Agrarökonom an der Universität Kopenhagen. Das kühl-nordische Klima sorge zudem für eine hohe Qualität der Pelze.

Hinzu kommt, so Hansen, eine jahrzehntelange Erfahrung in der Zucht und mit dem Erbgut der Tiere. Das von den Züchtern selbst getragene Auktionshaus Kopenhagen Fur gilt mit seinen fünf Versteigerungen pro Jahr seit Jahren als weltweit wichtigster Umschlagplatz für Pelz. Jedes Mal reisen Hunderte internationale Händler an.

99 Prozent der Felle werden exportiert und unter anderem in China, Kambodscha oder Vietnam zu Kleidung genäht. Dänisches Modedesign gibt es dazu. Anders als etwa in Deutschland ist der Druck von Tierschützern auf die Branche bislang auch noch vergleichsweise gering.

Pelzzüchter können in Dänemark auf den Rückhalt in der Bevölkerung setzen. Laut einer Umfrage  des Forschungsinstituts Megafon für den Sender TV2 zufolge befürworten 53 Prozent der Dänen eine Fortsetzung der Pelztierzucht auch nach der Coronakrise, nur 34 Prozent sind dagegen. Außer den zwei kleinen Linksparteien Einheitsliste und SF stehen sämtliche Parlamentsparteien hinter der Produktion. Und so geht es in der dänischen Debatte über die Nerz-Keulungen bislang auch vor allem um die politische Verantwortung sowie darum, wie und in welcher Höhe die Züchter, die mindestens bis 2022 kein Geschäft mehr haben, entschädigt werden sollen.

Autofahrer tanken Nerz

Die Frage, ob Nerzzucht überhaupt noch zeitgemäß ist, wird in dem Land nur sehr zögerlich gestellt . Während Österreich, Norwegen oder Tschechien etwa die Haltung von Pelztieren längst aus ethischen Gründen verboten haben, reiht sich in Dänemark noch Käfig an Käfig. Ob das artgerecht und vertretbar ist, darüber gibt es verschiedene Meinungen. Während die Tierschutzorganisation Peta von einer "Hölle für Tiere " spricht, halten Forscher der Uni Aarhus eine tiergerechte Haltung für möglich – und haben ein Qualitätssiegel für Nerzzucht  entwickelt.

Der Branchenverband Danske Minkavlere  bewirbt Pelze gar als nachhaltig und verkündet stolz, dass auch die Kadaver etwa noch zu Düngemittel oder Biodiesel weiterverwertet würden. Sprich: Autofahrer tanken auch Tier. Zudem, so der Verband, lebten die Tiere vor allem von Abfall. Und Pelzkleidung könne jahrzehntelang halten.

Pelzgegner verweisen dagegen auf den Chemikalieneinsatz bei der Verarbeitung, auf die sich ändernde Mode – und darauf, dass nur wenig Pelz wiederverwertet wird, wenn es sich bloß um Applikationen an der Kleidung handelt.

Unabhängig davon, wie man Pelzzucht ethisch bewertet, ist klar: Wenn Tiere auf engem Raum gehalten werden, können sich Keime und Krankheiten besonders schnell ausbreiten. "In den Nerzfarmen trifft SARS-CoV-2 auf viele empfängliche Tiere auf recht engem Raum, das begünstigt die Virusvermehrung und Weitergabe an Artgenossen", teilt das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) für Tiergesundheit auf Anfrage mit. "Außerdem ist dort von einer hohen Viruslast (Aerosole) auszugehen, was gegebenenfalls die Übertragung auf den Menschen ermöglicht." Das Bundesforschungsinstitut verweist aber auch darauf, dass der Mensch das Virus in die Haltungen eingetragen habe.

Getötete Nerze auf einer Farm in Næstved: Sie lebten von Schlachtabfällen

Getötete Nerze auf einer Farm in Næstved: Sie lebten von Schlachtabfällen

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Mads Claus Rasmussen / dpa

Im Fall der Nerze ist das besonders problematisch, weil die Tiere als Marderartige als sehr empfänglich für das neuartige Coronavirus gelten. "In ihnen vermehrt sich das Virus gut, und es wird auch effizient an Artgenossen weitergegeben", wie es beim FLI heißt. Bereits im Mai war deshalb in den Niederlanden über die Rolle von Nerzen für das Infektionsgeschehen diskutiert worden. Mit Folgen: Das Land steigt wegen der Coronainfektionen nun vorzeitig endgültig aus der Nerzzucht aus.

Den dänischen Nerzzüchtern droht zwar bislang kein dauerhaftes Verbot, doch für die Zukunft der Branche sieht es trotzdem düster aus. "Die Industrie nach eineinhalb Jahren einfach wieder hochzufahren, halte ich für unmöglich", sagt Agrarökonom Hansen. Auch die Zuchttiere würden nun wohl getötet – und mit ihnen der Genpool für schönen Pelz. Hansen rechnet damit, dass auch die spezialisierten Futterfabriken schließen und sich die Bauern bis dahin andere Erwerbsquellen gesucht haben werden. "Ich glaube nicht, dass die Bauern Lust haben, von Grund auf neu anzufangen, zumal die Gefahr einer neuen Pandemie fortbesteht." Wohl auch deshalb bekundete Ministerpräsidentin Frederiksen den Nerzzüchtern ihre "große Sympathie": "Viele von euch verlieren nicht nur ihre Lebensgrundlage, sondern auch ihr Lebenswerk."

Nerzbetriebe schrieben zuletzt Verluste

Hinzu kommt, dass die aktuellen Coronaausbrüche für viele der bis zu 6000 Menschen in der dänischen Nerzbranche nur der härteste von vielen Rückschlägen in der jüngeren Vergangenheit war. Bereits die letzten sieben Jahre waren die Geschäfte auf dem stark schwankenden und unregulierten Pelzmarkt deutlich schlechter gelaufen als noch 2013. Durch Überproduktion sanken die Preise: Pro Nerzfell erhielten die Züchter statt umgerechnet noch gut 70 Euro vor sieben Jahren zuletzt weniger als 30 Euro. Viele Züchter haben deshalb bereits aufgegeben, inzwischen gibt es noch weniger als tausend Betriebe – und die machten zuletzt teils kräftige Verluste.

Zum ersten Mal hatten sich die Züchter 2020 wieder auf ein gutes Jahr gefreut. Nun jedoch beeilen sich viele Halter, die Tiere möglichst schnell zu töten. Wenn sie es vor einem bestimmten Stichtag schaffen, erhalten sie von der Aufsichtsbehörde Fødevarestyrelsen einen "Tempobonus" von 20 Kronen pro Nerz, für extra schnelle Tötung waren zudem weitere zehn Kronen pro Tier in Aussicht gestellt worden. Tierschützer beklagten jedoch Mängel bei der hastigen Vergasung der Tiere und erstatteten Anzeige.

Schafft Corona am Ende, was Tierschützer über Jahrzehnte nicht vermochten – und beendet die Pelzproduktion? Agrarökonom Hansen vermisst angesichts der Keulung in seinem Land die globale Perspektive. "Die Nerze, die nicht in Dänemark gezüchtet werden, könnten dann mit mindestens ähnlichen Problemen in Polen, im Baltikum oder in China gehalten werden", so der Branchenexperte. "Aus ökonomischer Sicht ist es bedauerlich, dass man eine trotz der jüngsten Schwächen grundsätzlich noch international wettbewerbsfähige Branche komplett schließt."

Der dänische Bauernverband Landbrug og Fødevarer rechnet bereits damit, dass die chinesische Produktion ansteigt, und warnt vor niedrigeren Tierschutzstandards dort.

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