Vorstandschef Zetsche verabschiedet sich Abschied eines Alphatiers

Bei den Schwaben gilt als wer, wer einen Job "beim Daimler" ergattert. Dieter Zetsche war dort gar 13 Jahre lang Vorstandschef. Mit Walrossbart und flotten Auftritten wurde er selbst zur Marke. Nun tritt er ab - als einer der Letzten seiner Art.

Dieter Zetsche: Machte in der Dieselaffäre keine gute Figur
obs/ SWR - Südwestrundfunk/ Daimler AG

Dieter Zetsche: Machte in der Dieselaffäre keine gute Figur

Von und


Seinen Mitarbeitern präsentierte sich Dieter Zetsche gern als Alleinunterhalter. In fröhlichen Videofilmchen schüttelte der Daimler-Chef mal eine Ketchup-Flasche und verglich sie mit der E-Mobilität ("Man weiß, dass etwas kommt, aber nicht, wann und wie viel"). Mal ließ er für ein paar Sekunden per Filmtrick seinen berühmten Walrossbart verschwinden ("Nicht jede Veränderung ist auch eine Verbesserung"). In der Videobotschaft zum Jahreswechsel bewarb sich Zetsche beim Weihnachtsmann um einen neuen Job.

Am Mittwoch tritt Dieter Zetsche nun ab, nach 13 Jahren bei Daimler als Vorstandschef. Mit ihm verliert der Autokonzern eine Persönlichkeit, die sich nach außen stets locker und unkonventionell präsentierte. Zu seiner Zeit als Chrysler-Chef zertrümmerte er einmal auf offener Bühne eine Glasscheibe mit einer E-Gitarre. Doch intern gab es auch den anderen Dieter Zetsche. Das Alphatier, das hart und kompromisslos sein konnte - und zunehmend allergisch auf Kritik reagierte.

"Benzin im Blut"

Daimlers jüngste Ankündigung, keine Parteispenden mehr zu verteilen, begriffen viele als Retourkutsche für die ungewohnte Härte der Politik im Dieselskandal. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hatte Zetsche vergangenes Jahr öffentlichkeitswirksam einbestellt und eine milliardenschwere Geldstrafe angedroht. Das zuständige Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) rief später 700.000 Mercedes-Fahrzeuge zurück. Die Dieselautos enthielten nach Auffassung der Behörde eine unzulässige Abschalteinrichtung.

Noch ist nicht ausgemacht, ob Zetsche als Star in die Daimler-Geschichte eingehen wird oder als Topmanager, der an der Dieselaffäre gescheitert ist. Sicher aber ist: Mit ihm geht einer der letzten Vertreter der alten Generation von Autobossen in Ruhestand; jener Manager-Generation, der man nachsagte, sie habe "Benzin im Blut" und kenne jede Schraube im Auto. Zetsche zählt zu dieser Managerliga, genauso wie die früheren VW-Chefs Martin Winterkorn und Ferdinand Piëch. Die Autos, die sie bauen ließen, galten als konkurrenzlos gut. Entsprechend unumstritten waren die Chefs, entsprechend breitbeinig traten sie auf.

Die Zeiten haben sich geändert. Der Ruf der deutschen Autoingenieure hat unter der Dieselaffäre stark gelitten. Neue Wettbewerber wie Tesla aus den USA oder Geely aus China wollen die Weltmärkte mit Elektroautos erobern. Schüler schwänzen den Unterricht, um gegen den Klimawandel zu demonstrieren. Das Auto droht seinen Stellenwert als Statussymbol zu verlieren. All das schlägt sich auf das Selbstverständnis und -bewusstsein der Autobosse nieder.

Zetsches Nachfolger Källenius: frischer, freundlicher, grüner

In den Vorstandsetagen wächst eine neue Generation von Managern heran. Sie ist nicht minder hart oder machtbewusst, aber deutlich leiser im Ton. Zu ihnen zählt Zetsches Nachfolger, der neue Daimler-Chef Ola Källenius. Der gebürtige Schwede will Daimler ein neues Image geben: frischer, freundlicher, grüner. Noch vor seinem Amtsantritt hat er verkündet, der Konzern wolle bis 2039 CO2-neutral werden.

Zetsche, Källenius im Oktober 2018 auf dem Automobilsalon in Paris
Uli Deck / DPA

Zetsche, Källenius im Oktober 2018 auf dem Automobilsalon in Paris

Wie genau das funktionieren soll, wird Källenius noch erklären müssen. Schließlich will Daimler auch weiterhin Hybridfahrzeuge anbieten, deren Motoren zum Teil noch mit Verbrenner-Technik funktionieren. Aber die Marschroute ist klar: Langfristig will Daimler weg von Diesel- und Benzinfahrzeugen.

Um das zu erreichen, ist viel Moderation gefragt. Und die zählte nicht unbedingt zu den Stärken der alten Managergarde. Daimler muss künftig Allianzen eingehen, um den technischen Wandel zu schaffen. In seiner früheren Rolle als Entwicklungschef hat Källenius bereits geschafft, was Jahre zuvor wohl undenkbar gewesen wäre: Er hat sich regelmäßig mit Ingenieuren des Erzrivalen BMW getroffen. Die beiden Premiumhersteller wollen künftig in Zukunftsbereichen zusammenarbeiten. Ihre Mobilitätsdienste rund um Car2go und DriveNow haben sie bereits zusammengelegt. Als nächstes wollen sie beim autonomen Fahren eng kooperieren.

Relaunch - auch in eigener Sache

Auch der scheidende Daimler-Boss Zetsche hat vieles verändert - vor allem in seinen frühen Jahren. Er hat die hochtrabenden Welt-AG-Pläne seines (noch selbstbewussteren) Vorgängers Jürgen Schrempp beendet und Chrysler abgestoßen. Außerdem trennte sich Daimler von Beteiligungen an asiatischen Herstellern wie Mitsubishi und Hyundai. Zetsche steuerte Daimler souverän durch die Finanzkrise 2008/2009, verhalf dem Konzern später zu immer neuen Rekordzahlen.

Vor allem aber hat Zetsche etwas geschafft, das ansonsten nur erfolgreichen Marken wie Apple gelingt. Er hat sich neu erfunden. In den vergangenen Jahren trug der frühere Krawattenträger meist Jeans und Sneakers, egal ob er Mitarbeiter traf, Journalisten oder den Verkehrsminister. Manche fanden das erfrischend, andere peinlich. In jedem Fall aber erweckte Zetsche den Eindruck: Auf seine letzten Jahre bei Daimler wollte er es noch mal wissen. Neben dem Relaunch in eigener Sache frischte Zetsche auch die Designs der Mercedes-Fahrzeuge auf. Die Marke wirkte plötzlich wieder jünger und hipper.

Zetsche auf einer Veranstaltung im Februar 2018
DPA

Zetsche auf einer Veranstaltung im Februar 2018

In den Jahren 2015 und 2016 hätte Zetsche dann wohl in Glanz und Gloria ausscheiden können. Doch mit dem Erfolg sei auch die Disziplin im Konzern gesunken, monieren Kritiker, Produktion und Verwaltung hätten Fett angesetzt. Zetsche habe nicht mehr den Willen gehabt, sich mit der IG Metall anzulegen, um das Unternehmen effizienter zu machen.

Und dann brach auch noch die Dieselaffäre los - und Zetsche machte keine gute Figur.

Unter Druck

Noch Anfang 2016 behauptete der Daimler-Chef, sein Konzern habe - anders als Volkswagen - nicht betrogen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart sieht das anders, 2017 durchsuchten die Ermittler mehrere Firmenräume. Daimler versprach zwar Kooperation, ging zunächst aber juristisch gegen die Auswertung vor. Das dürfte die Ermittlungen um Monate verzögert haben. Bis heute vertritt der Autohersteller die Auffassung, er habe gegen keinerlei Gesetze verstoßen. Daimler wehrt sich sogar gegen den Rückrufbescheid des KBA.

Unter Druck kam Zetsche auch, weil im Februar 2018 ein neuer Großaktionär das bestehende Machtgefüge erschütterte: Der chinesische Unternehmer Li Shufu erwarb knapp zehn Prozent an Daimler und stieg damit zum größten Aktionär des Konzerns auf. Monate zuvor hatte Li bei Zetsche auf eine Kooperation zwischen Daimler und Geely gedrängt - jenem aufstrebenden chinesischen Hersteller, der jetzt die Weltmärkte mit seinen E-Autos aufmischen will. Li hat den Hersteller aufgebaut und verfolgt damit große Pläne. Zetsche aber sperrte sich, und wurde vom heimlichen Einstieg Li Shufus überrumpelt.

Dabei soll Zetsche ein Grund gewesen sein, weshalb sich Li Shufu überhaupt bei Daimler einkaufte. Der Milliardär aus der chinesischen Provinz halte nicht nur Daimler für eine Ikone, sondern Zetsche für einen der größten Automanager überhaupt, sagen Leute, die ihn kennen. Mittlerweile haben Daimler und Geely ein Joint Venture für den Kleinwagen Smart gebildet. Die etwas rumpelige Annäherung von Li Shufu an Daimler und Zetsche scheint fast vergessen. Der Chinese soll sogar eine Rückkehr Zetsches zu Daimler befürworten - als Aufsichtsratschef. Zetsche selbst will das auch.

Auch Daimler wird sich drastisch verändern müssen

Ob es dazu kommt, dürfte allerdings vor allem von den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in der Dieselaffäre abhängen. Bislang werden nur Mitarbeiter unterhalb des Vorstands beschuldigt, Dieselmotoren manipuliert zu haben. Bleibt Zetsche weiter unbelastet, dürfte er nach der vorgeschriebenen zweijährigen Abkühlungsphase Aufsichtsratschef werden. Im Kontrollgremium würden viele ein Zetsche-Comeback begrüßen, obwohl solche Wechsel zunehmend umstritten sind. Schließlich hätte Zetsche als Chefkontrolleur ein Interesse daran, dass sein Nachfolger das hinterlassene Erbe nicht allzu kritisch hinterfragt.

"Es wäre verfrüht, sich bereits heute auf die Rückkehr Zetsches an die Aufsichtsratsspitze festzulegen", sagt Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Fondsgesellschaft Deka. Ähnlich wie Speich denken viele Aktionäre.

Zetsches Befürworter halten dagegen, er kenne den Laden nun mal besser als jeder andere. Das dürfte stimmen. Doch mit der Autowelt wird sich auch der Laden in Stuttgart drastisch verändern müssen. "Ich würde deshalb eher einen Finanz- oder Digitalexperten an die Aufsichtsratsspitze holen", sagt ein Aktionär. Die Zeit der "Petrol Heads", der Benzinköpfe, sei endgültig vorbei.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben die ursprüngliche Überschrift: "I schaff ned mehr beim Daimler" ersetzt durch "Abschied eines Alphatiers". Wir haben es versäumt, die Mundart korrekt wiederzugeben. Dann nämlich hätte es heißen müssen: "I schaff nemme beim Daimler."



insgesamt 46 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
aldifreak 22.05.2019
1. Beim Daimler
Beim Daimler wird ned gschafft beim Daimler is man. Deshalb heißt es auch "Ich bin beim Daimler." Anders als " Ich schaff bei Bosch..."
noworriesmate 22.05.2019
2. Ewiges Leben
Unabhängig von der Leistung von Herrn Zetsche als Vorstand und CEO über die Jahre, wieso muss er dann mit 68 Jahren auch noch als Aufsichtsratschef weitermachen ? Gibt es in Deutschland oder international niemand jüngeren, der den beschriebenen Wandel auf dieser Position begleiten und mitgestalten kann ? Das ist wie bei den Fußballvereinen, die anscheinend auch glauben, daß nur ein früherer Spieler genug über die Materie weiß.
thomas haupenthal 22.05.2019
3. Finanz- oder Digitalexperte?
Bewahre! Man kann ja gegen die Alten eine Menge sagen (Führungsstil.Dieselaffäre), aber ein Automanager sollte schon etwas von Autos verstehen, Wäre nicht schlecht. Und diese Finanz-"Experten"haben schon genug Unheil angerichtet.
janos71 22.05.2019
4. Häm konkurrenzlos gut
Zitat: ... Zetsche zählt zu dieser Managerliga, genauso wie die früheren VW-Chefs Martin Winterkorn und Ferdinand Piëch. Die Autos, die sie bauen ließen, galten als konkurrenzlos gut... Seit wann galten die Autos von VW und MB als konkurrenzlos gut? Unter den 10 größten Automobilkonzernen nach Umsatz und Stückzahl liegt lediglich VW und die sind ein zusammengewürfelter Haufen aus VW, Skoda, Seat, Audi, Lambo, Bugatti, ... Ich denke mal das was für Otto-Normalverbraucher gut ist verkauft sich auch nach Stückzahlen gut und da liegen unter den Top 10 gleich 4 x Japaner (Toyota, Nissan, Honda, Suzuki). https://de.wikipedia.org/wiki/Automobilindustrie#Die_weltgrößten_Autohersteller_nach_Stückzahl_und_Umsatz Es mag sein das VW und MB ein gutes Design haben aber was Zuverlässigkeit, Haltbarkeit und Langlebigkeit angeht können die deutschen Konzerne den Japanern längst nicht das Wasser reichen. Wer also ein Auto lange ohne viele Reparaturen fahren möchte fährt eher einen Japaner oder Koreaner. Nicht umsonst spielt VW in den USA kaum eine Rolle. Deren Automobile wollen sich viele Amerikaner nun wirklich nicht antun.
totak 22.05.2019
5. Schwäbisch
"Ned mehr" würde ein echter Schwabe nicht sagen. Korrekt ist "nemme"; "I schaff bald nemme beim Daimler".
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.