Jobabbau bei Daimler Ratlos in die Zukunft

Daimler stand einst an der Spitze der deutschen Autoindustrie, doch Digitalisierung und E-Mobilität haben den Konzern überrumpelt. Der neue Chef will Tausende Stellen streichen - den Aktionären reicht das nicht.
Eine Analyse von Martin Hesse
Daimler-Chef Källenius: "Der Sturm ist vorbei, jetzt kommt Ola"

Daimler-Chef Källenius: "Der Sturm ist vorbei, jetzt kommt Ola"

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Sascha Schuermann/ Getty Images

Ola Källenius verfällt in verräterisches Schweigen, als er bei der Bilanzpressekonferenz nach seiner Vision für Daimler im Jahr 2025 gefragt wird. "Da müsste ich so viel sagen, was ich unseren Wettbewerbern nicht sagen möchte", sagt der Konzernchef schließlich zögerlich.

Damit hat der Schwede in Schwaben das ganze Daimler-Dilemma auf den Punkt gebracht: Es fehlt eine klare Perspektive. Denn der Manager lässt ja nicht nur die Konkurrenz im Dunkeln, sondern auch seine Mitarbeiter, Aktionäre und Kunden. Sie alle aber braucht Källenius, der seit vergangenem Frühsommer an der Konzernspitze steht, damit Daimler die gewaltigen Probleme überwinden und auch in zehn Jahren noch zu den führenden Autoherstellern zählen kann - oder Mobilitätsanbietern, wie es auf Zukunftsdeutsch heißt.

Selten war ein neuer Konzernchef so schnell in der Defensive wie Källenius bei Daimler. Seit Wochen fallen Analysten, Investoren und Medien über die Ikone der deutschen Autoindustrie her - und zuletzt auch über deren Chef. Mehrmals musste Källenius in seiner kurzen Amtszeit die Gewinnprognosen nach unten korrigieren, er kündigte im Herbst ein Sparprogramm an, nur um bald darauf mit einer neuerlichen Gewinnwarnung im Januar Zweifel zu nähren, ob dieses Programm überhaupt reicht.

Daimler tastet sich in die Zukunft

Auch die Jahrespressekonferenz an diesem Dienstag im Mercedes-Center gleich neben dem Fußballstadion nutzt Källenius nicht zum großen Wurf. Der auf großer Leinwand gezeigte Video-Vorspann hat alles, was Daimler im Moment nicht hat: Treibende Beats und Bilder vermitteln das Gefühl von Tempo, dazu werden beeindruckend niedrige CO2-Werte der schnittigen Autos eingeblendet. So würde sich der "nachhaltige Premiumanbieter" gern sehen.

Aber die Realität ist eine andere. Källenius und Daimler tasten sich in die Zukunft. Sie haben vor Kurzem in Las Vegas einen futuristischen Avatar für das Jahr 2049 präsentiert, wissen aber offenkundig nicht mal genau, welche Schritte sie bis 2025 gehen wollen.

Zukunftsvision AVTR in Las Vegas: Blick ins Jahr 2049

Zukunftsvision AVTR in Las Vegas: Blick ins Jahr 2049

Foto: Ross D. Franklin/ AP

Zugegeben: Källenius hat einen Sack voll Probleme geerbt, und von Monat zu Monat wird offensichtlicher, wie baufällig sein Vorgänger Dieter Zetsche ihm den Konzern hinterlassen hat. Sechs Milliarden Euro an Sonderlasten drückten allein 2019 das Ergebnis. Ein Wunder fast, dass das Unternehmen unter dem Strich noch immer 2,7 Milliarden Euro verdient hat.

Die Altlasten, das sind vor allem stetig anschwellende Nachrüstungs- und Rechtskosten aus der Dieselaffäre, in die Daimler – anders als von Zetsche im Herbst 2015 behauptet – tief verstrickt ist. Hinzu kommt, dass Daimler im viele Jahre währenden Erfolg behäbig geworden ist, Kosten und Komplexität hat anwachsen lassen, man konnte es sich ja leisten.

Gewinne aus der alten Autowelt

Manch einer bei Daimler scheint den Ernst der Lage noch immer zu verleugnen. Gern verweisen Manager und Arbeitnehmervertreter darauf, dass man ja Rekordabsätze erziele und stabile Umsätze. Aber diese Umsätze kommen noch aus der "alten" Autowelt: mit Verbrennungsmotoren in von Menschen gesteuerten Autos. 

Die politischen Vorgaben zum CO2-Ausstoß zwingen Daimler jedoch, seine Fahrzeugflotte komplett umzustellen, auf elektrische, hybride und irgendwann vielleicht Brennstoffzellen-Motoren. Ja, Källenius hat angekündigt, in diesem Jahr viermal so viele Autos mit Elektro- und Hybridantrieb zu verkaufen. Aber Daimler kommt von einem extrem niedrigem Niveau - und liegt weit hinter Tesla und BMW. Beim ersten reinen E-Modell, dem EQC, kämpfte der Konzern zu Beginn mit Produktionsproblemen von der Sorte, wie man sie noch vor wenigen Jahren bei Tesla belächelte.

Ex-Chef-Zetsche mit E-Modell EQC: Produktionsprobleme, die man früher belächelte

Ex-Chef-Zetsche mit E-Modell EQC: Produktionsprobleme, die man früher belächelte

Foto: Soren Andersson/TT/ AP

Weil Vorgänger Dieter Zetsche zu spät umgesteuert hat, kämpft Källenius nun an allen Fronten gleichzeitig, und alles, was er tut, wirkt defensiv. So ist es nun einmal, wenn man einen Restrukturierungsfall zu lösen hat. Da können die Aktionäre noch so laut nach einem Befreiungsschlag rufen - realistisch betrachtet kann es den nicht geben. Källenius muss die Interessen von Arbeitnehmern und Anteilseignern abwägen und stellt deshalb niemanden zufrieden. Die Arbeitnehmer nicht, weil 10.000 bis 15.000 Stellen wegfallen werden. Die Aktionäre nicht, weil ihnen das nicht genügt. Und beide bemängeln, dass ein klarer Fahrplan in die Zukunft fehlt.

Zumindest da müsste Källenius nun ansetzen. Ein Ausstieg aus der Autorennserie Formel 1, wie ihn viele fordern, hätte wohl eher symbolischen Charakter. Die CO2-Bilanz des Konzerns verbessert er damit nicht nennenswert, höchstens die Reputation. Wichtiger wäre es, genauer zu erklären, in welchen Schritten Källenius Daimler Jahr für Jahr zu einem nachhaltigeren Unternehmen umbauen und bei der Vernetzung der Fahrzeuge und dem autonomen Fahren mit Wettbewerbern aus China und Amerika mithalten will.

Stattdessen sagt Källenius, in den nächsten Jahren werde der "Gipfel der Komplexität" erreicht. Weil man nicht wisse, was die Kunden kaufen wollen, werde Daimler Modelle mit allen Antriebsarten anbieten, später müsse man den "Strauß wieder enger zusammenführen". Das ist zwar verständlich, weil niemand weiß, ob die Verbraucher bei der politisch verordneten Wende hin zur Elektromobilität wirklich mitspielen. Aber die Aktionäre fordern gerade weniger Komplexität, die Mitarbeiter klare Orientierung.

Källenius müsste die Belegschaft jetzt aufrütteln. Aber er kann nicht offen aussprechen, wie gefährlich die Lage für Daimler ist, weil er dann schonungslos über das schwierige Erbe seines Vorgängers Zetsche reden müsste, was ihm umso schwerer fällt, als er dessen Kurs im Vorstand stets mitgetragen hat. 

Helfen könnte Aufsichtsratschef Manfred Bischoff - wenn er die Entscheidung überdenkt, Zetsche zurückzuholen und im nächsten Jahr zu seinem Nachfolger an der Aufsichtsratsspitze zu machen. Unter einem unbelasteten und in den Zukunftsthemen bewanderten Chefkontrolleur könnte Källenius das Versprechen vielleicht noch erfüllen, das mitschwang, als sein Sprecher ihn am Dienstag bei der Pressekonferenz ankündigte: "Der Sturm ist vorbei, jetzt kommt Ola."