Daimler-Hauptversammlung Zetsches Dienstfahrt nach Vorschrift

Leere Ränge, leere Worte: Bei der Hauptversammlung der Daimler AG fehlte es nicht nur an Zuschauern. Auch konkrete Strategien, wie der Autobauer wieder zu den Rivalen Audi und BMW aufschließen kann, blieb Dieter Zetsche schuldig. Er bleibt ein Konzernchef auf Abruf.

Daimler-Chef Zetsche: Jedes Jahr die gleichen Zielmarken
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Daimler-Chef Zetsche: Jedes Jahr die gleichen Zielmarken

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Berlin - Deutlicher hätten die Aktionäre dem Daimler-Management kaum ihr Desinteresse bekunden können. Als Aufsichtsratschef Manfred Bischoff am Mittwoch die Hauptversammlung eröffnete, herrschte auf den oberen Rängen der Zuschauertribüne gähnende Leere. Mit sichtlichem Zögern trug der 71-Jährige seine jährlich wiederkehrende Empfehlung für Spätankömmlinge vor, die Sitzung doch auf den Videoleinwänden in den Nebensälen zu verfolgen. Doch von seinen Worten nahmen ohnehin nur wenige Notiz, man unterhielt sich lieber miteinander. Auch die Ankündigung des Hauptredners quittierten die Aktionäre nur mit mäßigem Applaus - womöglich ahnten die meisten bereits, dass Dieter Zetsche auch diesmal wieder vor allem Werbebotschaften verlesen würde.

Tatsächlich hatte der Konzernchef in seiner gut 30-minütigen Rede nicht viel mehr zu bieten als Allerweltsformeln. "Wir wollen die Konkurrenz schlagen - dauerhaft", rief er in den Saal. Daimler strebe für die kommenden Jahre nachhaltig profitables Wachstum an. Er kündigte eine Reihe neuer Modelle an und Kostensenkungen bei der Produktion. Mittelfristig sei eine operative Rendite von zehn Prozent das Ziel. Für die routinierten Hauptversammlungsteilnehmer wirkte das alles seltsam bekannt.

Karotte vor der Nase

Es war der DWS-Fondsmanager Marco Scherer, der das Problem auf den Punkt brachte. Die von Zetsche verkündeten Zielmarken würden den Aktionären jedes Jahr aufs Neue wie die sprichwörtliche Karotte vor die Nase gehalten, ohne dass diese Ertragskraft tatsächlich erreicht werde, kritisierte er. Lars Labryga von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger forderte Zetsche auf, endlich Klartext zu reden, selbstkritisch Versäumnisse zu benennen und zu erklären, wie diese beseitigt werden sollen.

Probleme hat Daimler tatsächlich genug, für die Zetsche konkrete Lösungswege hätte aufzeigen können. Die Einnahmen etwa: Den Stuttgartern droht bereits die zweite Gewinnwarnung binnen weniger Monate. Erst Anfang Februar hatte Daimler die Prognose zurechtgestutzt. Für das laufende Jahr deutete Zetsche jetzt eine Stagnation des operativen Gewinns aus dem laufenden Geschäft bei 8,1 Milliarden Euro an. Dass dies keineswegs allein mit den kriselnden Weltmärkten zusammenhängt, bewiesen BMW und Audi. Während die Verkäufe der Schwaben von Januar bis März nur um 3,5 Prozent stiegen, verzeichneten die Münchner ein Absatzplus von sieben Prozent und damit das beste Auftaktquartal in der Unternehmensgeschichte. Auch die VW-Tochter Audi kam auf ein Plus von 6,8 Prozent.

Zwar hat Daimler in den vergangenen Jahren viel Geld in die Verjüngung seiner Modellpalette investiert. Die kompakte A-Klasse ist seit vergangenem November im Handel. Für das jüngste Facelift der E-Klasse hat der Konzern fast eine Milliarde Euro ausgegeben. Auch die neue S-Klasse soll in wenigen Wochen vorgestellt werden.

Gewaltige Probleme

Doch bis die Neuheiten Geld in die Kassen spülen, wird noch eine ganze Weile vergehen - außerdem müssen sie sich erst gegen die neuen Platzhirsche durchsetzen. "Nicht Daimler, sondern BMW und Audi sind heute im Premiumsegment das Maß der Dinge, weil man sich in Stuttgart zu lange auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausgeruht hat", ätzte Ingo Speich, Portfoliomanager bei Union Investment. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffe in Stuttgart eine riesige Lücke.

Besonders deutlich zeigt sich der Vorsprung der Rivalen im boomenden Riesenmarkt China. Während BMW in China (inklusive Hongkong) im vergangenen Jahr um 37,9 Prozent zulegte und Audi um 29,6 Prozent, brachte Daimler gerade einmal ein Miniplus von 1,5 Prozent zuwege. Kein Wunder: In der Vergangenheit waren zwei Vertriebsorganisationen für den Absatz zuständig, die mehr gegeneinander als miteinander arbeiten. Seit Dezember nun soll Hubertus Troska die Geschäfte neu ordnen.

Ein anderes Problem müsste eher Aufsichtsratschef Bischoff lösen: Die Zusammensetzung der Führungsspitze im gesamten Konzern. Denn seit dem Eklat um seine Vertragsverlängerung gilt Zetsche als angeschlagen. Ende Februar hatte der Arbeitnehmerflügel im Aufsichtsrat der erneuten Bestellung des Daimler-Chefs nur unter Bedingungen zugestimmt. Erstens musste der Vertrag auf drei statt der bisher üblichen fünf Jahre befristet sein. Und zweitens musste Mercedes-Produktionschef Wolfgang Bernhard seinen Posten mit Truck-Chef Andreas Renschler tauschen - aus Sicht der Aktionäre der Hauptversammlung eine klare Verschlechterung für Mercedes, weil Bernhard als konsequenter Sanierer gilt.

Bischoff steht jetzt die Aufgabe bevor, die Gräben im Aufsichtsrat wieder zuzuschütten. Und innerhalb der nächsten drei Jahre einen neuen Vorstandschef zu suchen: Eine nochmalige Bestellung Zetsches werde es mit der Arbeitnehmerbank nicht geben, hieß es jüngst aus Kreisen des Aufsichtsrats.

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wennderbenzbremst... 10.04.2013
1. Anspruch
Zitat Ingo Speich: "Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffe in Stuttgart eine riesige Lücke." Das sieht nicht nur der Portfoliomanager so, ich erfahre es gerade am eigenen Leib. Daimler versucht mittlerweile seit 4 Wochen ein Ersatzteil zu liefern, das der STVO entspricht. 2 Versuche wurden bereits in den Sand gesetzt, mal sehen obs beim dritten Mal klappt. Soviel zum Slogan "Das Beste, sonst nichts". Da lachen ja die Hühner
Talan068 10.04.2013
2. viele Baustellen
Das Design der meisten Autos hinkt, Auudi & BMW hinterher, die sehen einfach schicker aus. Auch bei der Qualität, aheb sie Daimler inzwischen überholt. Einzig im Preis ist Daimler noch Premium.
Gebr.Engels 10.04.2013
3.
Zitat von sysopREUTERSLeere Ränge, leere Worte: Bei der Hauptversammlung der Daimler AG fehlte es nicht nur an Zuschauern. Auch konkrete Strategien, wie der Autobauer wieder zu den Rivalen Audi und BMW aufschließen kann, blieb Dieter Zetsche schuldig. Er bleibt ein Konzernchef auf Abruf. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/daimler-hv-zetsche-vertroestet-aktionaere-auf-die-zukunft-a-893660.html
Autos sind kein Zuckunftsprodukt, sondern eines aus dem vorletzten Jahrundert. -Alles was in erster Linie von fossilen Brennstoffen abhängt, wird es sehr bald nicht mehr geben. Von daher hat Daimler mit dem abstossen von Airbus (und dem aufnötigen der Anteile an den Staat) zumindest schonmal eine richtige Entscheidung getroffen.
marie-anne 10.04.2013
4. Die richtige Nase fehlt.
Bei Daimler hat man das Bauchgefühl für verkaufbare Innovationen unterdrückt. Technik und Design kann man nicht lernen Schade.
prophet46 10.04.2013
5. Bluff
Das BMW inzwischen Daimler bei den wesentlichen Kennzahlen - Absatz, Umsatz, Gewinn, Profitabilität - überholt hat, trifft zu. Anderes Audi. Man verkauft dort zuletzt zwar ein paar Kleinwagen (A1) mehr als Mercedes, umsatzmässig hinkt Audi aber weiterhin deutlich hinter Mercedes her. Audi macht mit seinen Marken Audi und Lamborghini (ohne VW-Vertrieb Italien und ohne Motorengeschäft mit den Konzernschwestern) gerade mal 36,3 Mrd. € Umsatz (inkl. allem 48,5 Mrd. €, Audi Geschäftsbericht Seite 227), Mercedes Cars (ohne Lastwagen) erzielte 2012 dagegen einen Umsatz von 61,7 Mrd. € , eine ganz andere Größenordnung. Auch der Modellmix (Anteil teurer zu billigen Fahrzeugen) ist bei Audi ein ganz anderer. Nach jüngsten den Berechnungen des CAR-Insituts kostete der durchschnittliche Mercedes 42.466 €, der durchschnittliche Audi dagegen weniger als 30.000 €. Dass Audi Mercedes überholt haben soll, ist als ein ganz windiger Marketing-Bluff, der dummerweise von fast allen Journalisten unkritisch nachgebetet wird. Audi ist immer noch da wo man schon vor Jahren war: an 3. Stelle. http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.mercedes-benz-unter-druck-bmw-baut-seine-fuehrungsposition-aus.c2b29b6d-6391-4d5f-bff7-432d81d47249.html
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