Daimler in der Abgasaffäre Der Betrug nach dem Betrug

Daimler rutscht immer tiefer in die Dieselaffäre: Die Ingenieure haben offenbar eine weitere Manipulation in der Motorsteuerung beseitigt, ohne es den Behörden zu melden. Was wusste der designierte Daimler-Chef?

Daimler-Zentrale in Stuttgart: Kapitale Fehleinschätzung
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Daimler-Zentrale in Stuttgart: Kapitale Fehleinschätzung

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Vermutlich dachten die Daimler-Ingenieure, man werde ihnen schon nicht auf die Schliche kommen. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA)? Ein Haufen ahnungsloser Beamter, die sich sowieso nicht auskennen. Das Bundesverkehrsministerium? Würde schon nichts mitbekommen. Was für eine Fehleinschätzung des Stuttgarter Autobauers, dessen Ingenieure die Amtsträger offensichtlich hinters Licht führen wollten. Doch mehr als drei Jahre nach Ausbruch des Dieselskandals bei Volkswagen hat die Flensburger Behörde technisch und personell deutlich aufgerüstet.

Was war passiert? Anfang vergangenen Jahres war das KBA auf insgesamt fünf illegale Abschalteinrichtungen in der Software vieler Daimler-Dieselmotoren gestoßen. Mehr als 750.000 Autos weltweit sollten in die Werkstätten, damit ein Softwareupdate diese Betrügereien beseitigt. Was die Daimler-Leute offensichtlich nicht wussten: Die Fachleute beim Flensburger Bundesamt nahmen sich die von ihnen überarbeitete Software genauer vor. Nach SPIEGEL-Informationen machten sie einen Abgleich zwischen der neuen und der ursprünglichen Software. An fünf Stellen war sie verändert. So weit, so gut. Denn das waren die fünf Manipulationen, wegen derer das Softwareupdate schließlich erstellt werden musste.

Doch dann fanden sie noch eine weitere Stelle, an der die Daimler-Leute Änderungen im Programmiercode vorgenommen hatten. Die KBA-Experten wurden misstrauisch: Sollte es wirklich sein, dass die Stuttgarter Ingenieure heimlich eine weitere Manipulation beseitigen wollten? Der Verdacht scheint sich zu bestätigen, die "Bild am Sonntag" hat zuerst über den Vorgang berichtet.

Aufgefallen ist dies an einem Geländewagen vom Typ GLK 220 mit der Schadstoffnorm Euro 5. Mit Datum vom 4. April 2019 hat das KBA dem Daimler-Konzern in einem Schreiben (liegt dem SPIEGEL vor) mitgeteilt, dass Daimler wohl "unzulässige Abschaltungen im Emissionskontrollsystem vorgenommen" hat. Daimler kann zu den in dem Brief erhobenen Vorwürfen nun Stellung beziehen. Doch nach Einschätzung von Insidern sieht die Sache ziemlich eindeutig aus.

Zehntausenden Autos droht der Rückruf

Das Amt beschreibt in dem Brief ausführlich, welchen Trick die Ingenieure vorgenommen haben, damit der Wagen die Stickoxid-Grenzwerte einhält. In dem Motor vom Typ OM651 wurde eine "Kühlmittel-Solltemperatur-Regelung" eingebaut. Sie bewirkt, dass bei der für die Typzulassung notwendigen Prüfung im Labor eine niedrigere Kühlmitteltemperatur und auch eine andere Abgasreinigungsstrategie angewendet wird. Resultat: Auf dem Prüfstand hält der Wagen die Stickoxid-Grenzwerte ein, auf der Straße nicht.

Dies ist, laut dem Schreiben, offensichtlich auch bei Nachprüfungen unter anderem bei Daimler so nachgewiesen worden. Jetzt droht bei rund 55.000 Autos vom Modell GLK ein amtlicher Rückruf. Doch bei den Behörden geht man nach Informationen des SPIEGEL davon aus, dass noch weitere Modelle diese neu entdeckte Manipulation aufweisen.

Der Vorgang ist von größter Brisanz für den Konzern. Denn als bei Daimler die ersten Manipulationen aufgefallen waren, musste der Konzern versichern, dass keine weiteren Tricksereien im Abgasreinigungssystem verborgen sind. Folglich hätte die sechste Abschalteinrichtung von Daimler gemeldet werden müssen. Wurde sie aber nicht - offensichtlich entschloss man sich, sie heimlich zu beseitigen. Das wäre eine Straftat. Gegenüber "Bild" erklärte Daimler: "Die Behauptung, dass wir mit der freiwilligen Service-Maßnahme etwas ,verbergen' wollen, ist unzutreffend."

Was wusste der Neue?

Der Vorgang dürfte für die Staatsanwaltschaft Stuttgart von größtem Interesse sein. Sie ermittelt bereits seit über einem Jahr gegen Daimler in der Diesel-Angelegenheit. Vermutlich dürften die Ermittler erneut ausrücken, um bei Hausdurchsuchungen im Konzern Beweismaterial zu sichern. Vor allem dürfte sie sich dafür interessieren, wer die heimliche Löschung der sechsten Abgasmanipuation angeordnet hat. Und auch dafür, wer die Zusicherung gegeben hat, dass es angeblich keine weitere Tricksereien gegeben hat.

Ola Källenius übernimmt im Mai den Chefposten bei Daimler (Archiv)
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Ola Källenius übernimmt im Mai den Chefposten bei Daimler (Archiv)

Der Technik-Vorstand, der dafür eigentlich zuständig ist, heißt ausgerechnet Ola Källenius. Der soll Anfang Mai Nachfolger von Dieter Zetsche an der Spitze des Stuttgarter Autobauers werden. Wenn er davon gewusst haben sollte, wäre das eine schwere Hypothek in seinem neuen Amt. Denkbar ist aber auch, dass Källenius nichts wusste - dass ihm bei Daimler aber jemand eine Falle mit der heimlichen Löschung der Manipulation stellen wollte.

Daimler bestreitet gegenüber der "Bild am Sonntag", dass der neue Chef an den Softwareupdates für den GLK beteiligt gewesen sei. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer kann froh sein, dass seine eigenen Leute in Flensburg die neuerliche Abgasbetrügerei aufgedeckt haben. So steht er nicht blamiert da, sondern kann sich und seine Leute als harte Aufklärer präsentieren.

insgesamt 151 Beiträge
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mtec. 14.04.2019
1. Schauspiel...
Wenn es nicht so traurig wäre und es um tausende von Arbeitsplätzen geht. Nun für den Chef von Daimler Benz geht es ja nur um seinen Boni wenn er den auf seinem Konto hat was geht ihm das Elend anderer an.
cm1 14.04.2019
2. Führungskraft
Ein leitender Angestellter, der keine Ahnung hat, was seine Mitarbeitenden machen, wird befördert. Ich dachte, so etwas gibt es in "der Wirtschaft" nicht.
tombadil1 14.04.2019
3.
Da würde es mich tatsächlich interessieren, was da abgeschalten wird. Die Euro5 Diesel haben keine Harnstoffeinspritzung die abgeschaltet werden könnte.
gesell7890 14.04.2019
4. Da
hat's Scheuerlein wieder was zum Schönreden!
tempus fugit 14.04.2019
5. Die unendlich(st)e....
...industrielle Betrugsgeschichte - und noch 'made in Germany' auf dem so tollsten Automobilmarkt. Man hält's kaum noch aus!
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