Kartell der Autobauer Daimler soll sich aus Geheimtreffen zurückgezogen haben

Wegen des vom SPIEGEL enthüllten Kartells drohen Autoherstellern Klagen von Verbrauchern. Daimler wusste laut einem Bericht seit Jahren von Problemen - und soll seine Mitarbeiter extra geschult haben.

Daimler-Lkw
REUTERS

Daimler-Lkw


Die geheimen Gesprächsrunden großer deutscher Automobilkonzerne sind bei einem Hersteller offenbar bereits früh als rechtlich problematisch erkannt worden. Daimler habe sich deshalb in den vergangenen Jahren zumindest teilweise aus den Treffen zurückgezogen, berichtete die "Süddeutsche Zeitung" unter Berufung auf zwei Insider. Anlass sei das 2011 aufgeflogene Lkw-Kartell gewesen.

Wegen Preisabsprachen für Lkws war Daimler von der EU-Kommission zu einem Rekordbußgeld von knapp 1,1 Milliarden Euro verdonnert worden. Daimler führte deshalb laut Bericht nach Auffliegen des Kartells 2011 auch spezielle Kartellrechts-Lehrgänge ein. In diesen sollen Juristen der Belegschaft beigebracht haben, was erlaubt ist und was nicht.

Offenbar nicht gut genug: Der SPIEGEL hat in seiner aktuellen Titelgeschichte enthüllt, dass sich die Konzerne Volkswagen, Audi, Porsche, BMW und Daimler in geheimen Arbeitskreisen umfassend abgesprochen haben - über Technik, Kosten, Zulieferer. Und auch über die Abgasreinigung ihrer Dieselfahrzeuge, mit der sie die Kontrollstellen über den tatsächlichen Schadstoffausstoß betuppen konnten. Die Unternehmen setzten mit diesen Absprachen den Wettbewerb gezielt außer Kraft.

Wie Volkswagen erstattete auch Daimler eine Art Selbstanzeige bei den Kartellbehörden. Damit wolle auch der Stuttgarter Konzern Bußgelder verhindern oder zumindest abmildern. Ob dies sowie der berichtete Teilrückzug genügt, den Stuttgarter Autobauer davor zu bewahren, ist offen.

Derweil rechnet Deutschlands oberster Verbraucherschützer Klaus Müller wegen des Kartells mit einer Klagewelle. Er geht laut "SZ" von Zehntausenden Verfahren aus, in denen Autokäufer Schadensersatz für überteuerte Fahrzeuge verlangen werden. Wegen der Absprachen der Hersteller hätten viele Kunden einen "möglicherweise viel zu hohen Preis" für ihre Autos gezahlt, sagte der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen. Er forderte eine Musterklage, damit mutmaßlich betrogene Kunden nicht einzeln vor Gericht ziehen müssen.

Betroffen sind aber auch Lieferanten der Hersteller, denn wenn die fünf deutschen Autohersteller sich darauf verständigen, nur bei einem Unternehmen einzukaufen, haben andere Zulieferbetriebe keine Chancen auf Aufträge. Darüber hinaus zählen die Aktionäre der Autokonzerne zu den Leidtragenden: Die Aktienkurse der Unternehmen sackten am Freitag ab, weil Investoren mit hohen Strafen rechnen. Auch der Imageschaden für die deutsche Wirtschaft dürfte groß sein.

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann rief die Branche nun zu Transparenz auf: "Wir verlangen eine vollumfängliche Aufklärung der Vorgänge", sagte er der "Welt". Verstöße gegen das Kartellrecht seien "völlig inakzeptabel", sagte der Gewerkschaftsboss, der auch dem Aufsichtsrat von Volkswagen angehört.

apr/dpa

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haltetdendieb 24.07.2017
1. Da wird die Deutsche Automobilbranche kaputt geschrieben
Und niemand fragt, wer ein Interesse daran haben könnte. Ich bezweifele, dass ein Ford Explorer Pick Up umweltfreundlicher ist als auch nur ein Auto aus Wolfsburg, Sindelfingen oder Ingolstadt. Amerika kann in der ganzen Welt keine Autos verkaufen. Das dürfte der Hintergrund dieser Kampagnen sein. Und gerade was Diesel betrifft, ist Deutschland die unangefochtene Nummer Eins in der Welt. Nöö, die haben ein Kartell gebildet, was sind die böse. Hauptsache, es werden weniger Deutsche Autos verkauft! Das ist das Ziel dieser allzu durchsichtigen Kampagnen!
volkerrachow 24.07.2017
2. Die Gewerkschaften sitzen mit im Dreck
Vermutlich sogar ganz tief. In den Aufsichtsräten, mit ihren selbst verehrenden Oberheinibetriebsratsgöttern. Unerträglich. Die gehören genau wie die Vorstände und Aufsichtsräte bei Kartellvergehen und für den Dieselbetrug ins Gefängnis. In kürzester Zeit würde das Schweigegelübde gebrochen. Der erste Oberkrakeler hat in Zuffenhausen bereits begonnen. Rette sich wer kann.
INGXXL 24.07.2017
3. Die Frage ist doch wo fängt
eine unzulässige Absprache an und wo ist im Vorfeld der Normung eine Standardisierung sinnvoll und für alle Beteiligten Vorteihaft. Beispiel einheitliche Stecker für E Autos gleiche Systeme für den Adblue Vorrat
olliver_123 24.07.2017
4. Abwarten
Bevor Privatleute und Zulieferer klagen können, müsste ja erstmal der Kartell Vorfall selbst gerichtlich aufgeklärt werden. Eine "Spiegel-Enthüllung" oder prophylaktische Selbstanzeigen sind sicherlich noch kein (erfolgsversprechender) Klagegrund. Aber klar, hier schachern natürlich schon viele Kanzleien mit den Hufen, kennt man ja.
Spiegelleserin57 24.07.2017
5. Auf jeden Fall ist wohl nun endgültig...
das Vertrauen in das Management dieser grossen Autokonzerne nachhaltig gestört! Es stellt sich nur die Frage warum dann VW über so viele Momente alleine von den Medien so an den Pranger gestellt wurde wenn es doch die anderen Firmen auch betraf. Man könnte dies ja schon vermuten, nur die weiteren Namen würden immer nur am Rand erwaehnt. Nicht ganz nachvollziehbar.
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