Tödliche Schlammlawine in Brasilien Bergbaukonzern kündigte Prüffirma vor Dammbruch

Neue Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft: Bereits Monate vor der Dammbruch-Katastrophe in Brasilien haben Inspekteure das Bauwerk als unsicher eingestuft. Der Konzern Vale reagierte - und feuerte die Prüffirma.

Katastrophenhelfer in Brumadinho
REUTERS

Katastrophenhelfer in Brumadinho


Der brasilianische Eisenerzproduzent Vale hat der Anklagebehörde zufolge Monate vor der Dammbruch-Katastrophe der Inspektionsfirma Tractebel gekündigt - wegen einer verweigerten Sicherheitsbescheinigung. Tractebel war aktiv, bevor der deutsche TÜV Süd engagiert wurde. Das geht aus Gerichtsunterlagen der Staatsanwaltschaft hervor, in der diese die geforderte Ablösung von Vale-Führungskräften begründet.

Nachdem Inspektoren von Tractebel, einem Tochterunternehmen des französischen Versorgers Engie, einen Damm als nicht sicher eingestuft hatten, teilte Vale der Strafverfolgungsbehörde zufolge mit, die Prüfer nicht mehr für regelmäßige Kontrollen zu beauftragen. Als Begründung wurden "Abweichungen bei den verwendeten Kriterien, um geotechnologische Sicherheit zu bewerten" genannt, wie die Ankläger unter Berufung auf nicht benannte Zeugen mitteilten.

Stattdessen habe Vale auf den deutschen TÜV Süd zurückgegriffen, der den Damm genehmigt habe, bei dessen Bruch im Januar Hunderte Menschen ums Leben kamen. Dies sei trotz eigener Messwerte geschehen, die gezeigt hätten, dass die Struktur weit unter dem empfohlenen Sicherheitsniveau gelegen habe, teilte die Staatsanwaltschaft weiter mit. Vale und Tractebel wollten sich zunächst nicht dazu äußern, Vertreter vom TÜV Süd waren zunächst nicht zu erreichen.

Am Wochenende waren rund fünf Wochen nach dem verheerenden Dammbruch der Konzernchef und weitere Führungskräfte zurückgetreten. Die Hinweise hatten sich zuletzt gemehrt, dass der brasilianische Konzern von einem erhöhten Bruchrisiko wusste. Bei dem Dammbruch an einem Rückhaltebecken im Bundesstaat Minas Gerais wurden im Januar vermutlich mehr als 300 Menschen getötet und große Mengen an giftigem Schlamm freigesetzt.

Video: Überwachungskamera filmt Dammbruch

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Vale ist der weltweit größte Eisenerzproduzent und zählt zu den größten Konzernen Brasiliens. Seit dem Dammbruch hat das Unternehmen einen großen Teil seines Börsenwerts eingebüßt.

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dirsch 05.03.2019
1.
So läuft das eben, wenn Prüforganisationen nach wirtschaftlichen Kriterien arbeiten (müssen?). Um weiterhin Aufträge zu erhalten oder neue Kunden zu gewinnen muss man schon mal ein Auge zudrücken, man darf eben nicht zu kleinlich sein. Wahrscheinlich ist das eine der Branchen, in der es kontra-produktiv ist, wenn man sein Arbeit ordentlich und gewissenhaft macht.
cyblord 05.03.2019
2.
Tja das würde dem TÜV nicht passieren. Einen Auftrag zu verlieren nur weil etwas unsicher ist. Da werden TÜV-Plaketten lieber wie Bonbons verteilt.
ontic 05.03.2019
3.
Für den TÜV ein PR Desaster erster Güte. Jetzt arbeiten die Franzosen schon sorgfältiger als deutsche Firmen, die mal für Qualität standen.
abudhabicfo 05.03.2019
4. Rating Agenturen, Wirtschaftsprüfer, Prüffirmen als Feigenblätter
Solange nichts passiert, sollen die Prüfer nichts kosten. Gibt es Einwände bezüglich Bilanzen oder technischen Problemen, wird zuerst auf sanfte Art Druck ausgeübt. Anderseits wollen alle Geld verdienen und oft werden beide Augen zugedrückt. Es gibt auch Länder (bsp. Australien), welche diese Sicherheitsmaßnahmen durch staatliche Organisationen prüfen lassen (ohne Korruption). Wenn es in Brasilien staatliche Prüfer gäbe, dann wäre es wahrscheinlich noch schlimmer.
Stäffelesrutscher 05.03.2019
5. Überschrift
Der Spruch "privat geht vor Katastrophe" bekommt hier eine makabre Bedeutung: Privatisierung staatlicher Aufgaben ist der erste Schritt, die Katastrophe der zweite.
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