Aktienmärkte Dax 8000 - na und?

Jetzt noch schnell rein in Aktien? Oder lieber raus? Dass der Dax die Marke von 8000 Punkten durchbrochen hat, bedeutet in Wahrheit gar nichts. Andere Kennzahlen sind für die Geldanlage wesentlich wichtiger.

Index-Kurve des Dax: Wir sind jetzt alle Bullen
REUTERS

Index-Kurve des Dax: Wir sind jetzt alle Bullen

Von Christian Kirchner


Vor gut zehn Jahren unternahm der US-Psychologieprofessor Dan Ariely ein ebenso einfaches wie beeindruckendes Experiment: Er hielt in einer Vorlesung unter anderem eine Computermaus, eine Weinflasche und Edelschokolade in die Luft und teilte Zettel aus, auf denen die Hörer seiner Vorlesung Gebote für die Waren abgeben sollten.

Auf den Zetteln sollten die 55 Studenten hinter den jeweiligen Gegenständen und ihrem Gebot auch noch die letzten beiden Ziffern ihrer Sozialversicherungsnummer notieren. Sowie die kurze Angabe, ob sie bereit wären, mehr oder weniger als diese beiden zufälligen Ziffern für den jeweiligen Gegenstand zu bieten. Das Fünftel der Studenten mit der niedrigsten Sozialversicherungsnummer bot im Schnitt 9 Dollar für die Computermaus, 10 Dollar für die belgische Schokolade und 12 Dollar für den Wein. Das Fünftel der Studenten mit den höchsten Sozialversicherungsnummern bot im Schnitt 26 Dollar für die Maus, 21 Dollar für die Schokolade und 38 Dollar für den Wein - also jeweils zwei bis dreimal so viel.

Wie kann das sein - wo doch die völlig zufälligen Endziffern der Sozialversicherungsnummer rein gar nichts mit den Gegenständen oder dem Geldbeutel der Studenten zu tun haben? Ariely belegte mit dem Experiment einen verlässlichen und leicht reproduzierbaren Effekt: den der Ankerheuristik.

Die Marke 8000 heißt gar nichts

Wir nehmen einmal genannte Zahlen nun einmal unterbewusst als Referenzpunkt. Für Anleger ist diese Erkenntnis wichtig, wollen sie vernünftig beurteilen, was von Aktien im Allgemeinen und einem Dax im Besonderen zu halten ist, der vergangene Woche zum dritten Mal nach 2000 und 2007 wieder über die 8000-Punkte geklettert ist.

Denn die Marke heißt - nichts. Gar nichts. Und dennoch ist sie in den Köpfen vieler Anleger der wichtigste Ankerpunkt, und zwar sowohl bei der Beurteilung des Aktienmarkts insgesamt als auch mit Blick auf die eigene Anlagestrategie.

An die Zwischenstufen erinnert sich kaum noch jemand, wohl aber an die letzten Rekorde. Weil der Dax die 8000er-Marke zuletzt im Sommer 2007 und somit kurz vor Eskalation der Finanzkrise knackte, vermuten viele Anleger nun eine Wiederholung der damaligen Ereignisse. Sie halten den Aktienmarkt für überbewertet - und die jüngste Rallye bestenfalls für das Ergebnis einer globalen Schwemme billigen Geldes.

Alles ein irrationaler Wahnsinn

Doch stimmt das? Die seit Jahren beständig sinkenden Börsenumsätze und die kaum nennenswerten Nettokäufe von Aktien durch europäische Banken deuten eher darauf hin, dass die Geldspritzen der Notenbanken bestenfalls indirekt eine Rolle spielen: auf dem Umweg über die niedrigen Anleihezinsen und niedrige Kreditzinsen für Unternehmen. Beides hilft Unternehmen, sich günstig Kapital zu beschaffen und so die Gewinne zu steigern - was wiederum den Aktienkurs nach oben treibt.

Das Bild eines spekulativ hochgezockten Markts passt natürlich den meisten Privatanlegern gut in den Kram. Es untermauert die eigene Position, die Finger von Aktien zu lassen. Denn wer der derzeitigen Hausse erstaunt hinterher schaut, sucht händeringend Gründe, warum die eigene Entscheidung richtig war, bei einem Dax von 4000, 5000, 6000 oder 7000 Punkten in den letzten vier Jahren auszusteigen oder gar nicht erst wieder einzusteigen: Weil das, was an den Börsen passiert, ja eh alles ein irrationaler Wahnsinn ist.

Auch hier greift er wieder, der Ankereffekt. Und wieder verwirrt er uns eher, als dass er Orientierung bietet. Denn bei identischem Indexstand von rund 8000 Punkten ist der Dax heute mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von zwölf nur halb so hoch bewertet wie im März 2000 und immer noch rund 10 Prozent günstiger als im Sommer 2007, als der Dax schon einmal bei 8000 Punkten stand. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis besagt, wie billig oder teuer eine Aktie ist im Verhältnis zum Ertrag des dahinter steheneden Unternehmens.

Kein Mensch hat eine Glaskugel für künftige Indexstände

Nun heißt all dies nicht, dass Aktien von Dax-Konzernen ein klarer Kauf wären. Kein Mensch hat eine Glaskugel für künftige Indexstände. Und blöderweise braucht man historisch betrachtet mindestens 20 Jahre Geduld mit einer Aktienanlage, damit der Einstiegszeitpunkt eine untergeordnete Rolle für die Renditen spielt. Doch wer hat diese Geduld schon?

An der aktuellen Börsenlage jedenfalls kann man eine ganze Menge aussetzen: Die Unternehmen kommen so billig an Kapital wie nie zuvor. Aber sie wissen mit dem vielen Geld in den Kassen wenig anzufangen. Sie schütten es lieber in Form hoher Dividenden an die Aktionäre aus, statt es zu investieren. Auch die Demokratisierung der Aktienanlage scheint wieder beendet zu sein: Die in den oberen Einkommensschichten stark vertretenen Aktionäre werden immer reicher, während der kleine Sparbuchbesitzer kalt enteignet wird durch Zinsen, die unterhalb der Teuerungsrate liegen. Denn in den vergangenen Jahren haben sich sowohl in den USA als auch Deutschland vor allem einkommensschwache Schichten aus der Aktienanlage verabschiedet.

Was die Beschäftigung mit dem teuflischen Ankereffekt aber sehr wohl leisten kann: Einen Beitrag zur kritischen Selbstreflexion. Zu der auch zählt, sich nicht an der 8000er Marke aufzuhängen - und das rituelle Geraune zu überhören, das Optimisten wie Pessimisten gerne beim Erreichen solch runder Marken anstimmen.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
loops-2000 11.03.2013
1.
Ich gebe dem DAX noch bis 12000 Luft nach oben. Es gibt zur Zeit kaum Alternativen für die Geldanlagen.
sltgroove 11.03.2013
2. Banken kommen Billig an Draghis und Bernanks Falschgeld
... "Unternehmen" die nicht gerade Siemens oder Versorger-Kartelle sind, eher nicht . Blase platzt, sehr bald .... Beim ZH gibbets 'ne Kalkulation, bin zu faul zu suchen. ( $$$ per DJIA Pünktchen ). Ami Banken sind rekapitalisiert - €U-Dixi-Häuschen glänzen durch einen 27x leverage .... Dummdidumm.....
a24 11.03.2013
3.
Zitat von loops-2000Ich gebe dem DAX noch bis 12000 Luft nach oben. Es gibt zur Zeit kaum Alternativen für die Geldanlagen.
12000 in 12 Wochen oder 12 Jahren? Das der DAX irgendwann mal die 12000 erreicht ist allein durch die Dividendenzahlungen wohl sichergestellt. Die wirklich interessante Frage ist *wann* er sie erreicht.
warlock2 11.03.2013
4. Aktien
Wenn man das Geld in unterbewertete Aktienunternehmen steckt, wird man früher oder später immer belohnt! Man darf nur nicht den Analysten vertrauen. Diese sind meist selbst investiert und wollen den Markt beeinflussen. Bestes Beispiel ist der "M. Fool" - keine Ahnung vom Geschäft aber immer grosse Sprüche klopfen um die Kurse zu beeinflussen.
a24 11.03.2013
5.
Zitat von sysopREUTERSJetzt noch schnell rein in Aktien? Oder lieber raus? Dass der Dax die Marke von 8000 Punkten durchbrochen hat, bedeutet in Wahrheit gar nichts. Andere Kennzahlen sind für die Geldanlage wesentlich wichtiger. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/dax-bei-8000-punkten-mehr-verwirrung-als-orientierung-a-888095.html
Ja schon klar, aber wer garantiert mir, dass 1.) DAX-Aktien *jetzt* richtig bewertet sind 2.) der Markt sich auch in Zukunft an diese Bewertung hält 3.) Unternehmensgewinne (und so also auch Kurse bei konstantem KGV) nicht aufgrund einer weltweiten Wirtschaftskrise sinken? Aktien haben bei der Rendite schon immer einen hohen Risikoaufschlag gehabt und das zu recht. Als Privatanleger würde ich da nur bei wirklich sehr günstigen Kursen einsteigen und nicht genau beim 5-Jahres-Hoch.
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