Dax-Geflüster China erhöht die Zinsen - und wann folgt Europa?

Die chinesische Notenbank hat die Zinsen erhöht, an den Finanzmärkten war dies der Aufreger der Woche. Weltweit reagierten die Anleger nervös. Dabei halten Experten den Schritt für richtig: Sie sehen China sogar als Vorbild in der Geldpolitik - selbst für Amerikaner und Europäer.

Vorwärts Genossen: China marschiert an die Spitze der Weltwirtschaft
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Vorwärts Genossen: China marschiert an die Spitze der Weltwirtschaft

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Hamburg - Wenn die People's Bank of China in dieser Woche einen Coup landen wollte, dann ist es ihr gelungen. Kein Ereignis erzielte auf den Finanzmärkten eine solche Wirkung, wie die erste Zinserhöhung der chinesischen Zentralbank seit fast drei Jahren. Rund um den Globus gaben am Dienstag die Rohstoffpreise nach, und auch die weltweiten Indizes wie Dow Jones Chart zeigen und Dax Chart zeigen unterbrachen kurzfristig ihren aktuellen Höhenflug. Der Dollar, jüngst eher als Tiefflieger unterwegs, bekam plötzlich Aufwind.

Die ablehnende Reaktion dürfte allerdings mehr der Überraschung geschuldet sein als der rationalen Abwägung. Experten haben an der Maßnahme der Chinesen jedenfalls wenig auszusetzen. Im Gegenteil: "Der Schritt war überfällig", sagt Horst Löchel, China-Fachmann und Professor an der Frankfurt School of Finance & Management sowie an der CEIBS in Shanghai.

Der Experte verweist vor allem auf die hohe Inflationsrate in China. Am Donnerstag wurde sie für September mit 3,6 Prozent angegeben, dem höchsten Wert seit zwei Jahren. Insbesondere ausufernde Nahrungsmittelpreise befeuern in Fernost die Teuerung.

Pekings Führer fürchten die Inflation

Von den Mächtigen in Peking wird die Geldentwertung genau beäugt. Denn sie beeinflusst das Kaufverhalten der Chinesen, das der aufstrebenden Macht bislang die größten Sorgen bereitet. "Die chinesische Wirtschaft befindet sich nach wie vor in einem starken Ungleichgewicht", sagt Löchel. "Der Konsumanteil am Bruttoinlandsprodukt ist viel zu gering, der des Exports sowie der Investitionen dagegen deutlich zu hoch."

Zudem dient die Inflationsrate als Gradmesser für eine mögliche Überhitzung der Konjunktur. Auch dies ist in China ein aktuelles Thema: Die Wirtschaft, das wurde ebenfalls am Donnerstag gemeldet, wuchs im dritten Quartal um stattliche 9,6 Prozent, nach 10,3 Prozent in den drei Monaten davor.

Grund genug also für die Notenbanker in Peking, auf die Bremse zu treten. Und mehr noch: Nach Ansicht Löchels müssten die Zinsen eigentlich noch stärker erhöht werden. Das Wirtschaftswachstum jedenfalls, so der Experte, würde die Zentralbank dadurch kaum abwürgen. "Ob die Wirtschaft um 10 Prozent zulegt oder um 9,5 macht keinen großen Unterschied", sagt er.

China hat alles richtig gemacht

Das Problem liegt jedoch woanders: Würden die Männer in der People's Bank weiter an der Zinsschraube drehen, dann würde - die Kapitalkontrolle an der Grenze hin oder her - noch mehr ausländisches Geld ins Land gelockt. In der aktuell angespannten Situation an den Devisenmärkten wäre das riskant. Der Aufwertungsdruck auf den chinesischen Yuan nähme nochmals zu.

Für die Chinesen heißt es daher: Alles richtig gemacht und trotzdem im Dilemma. Peking selbst sieht den Grund dafür allerdings weniger in der Tatsache, dass es beharrlich an der weitgehend fixen Kopplung des Yuan an den US-Dollar festhält und nur eine sehr langsame Aufwertung zulässt. So fällt der Wechselkurs zwar als Regulativ aus. Die Chinesen schieben den schwarzen Peter jedoch dem Ausland zu.

China beschuldigt den Westen, durch niedrige Zinsen Anleger zu spekulativen Investitionen bei sich anzuregen, heißt es in einem aktuellen Kommentar der dänischen Saxo Bank. Japans Wirtschaftsminister Banri Kaieda schießt in die gleiche Richtung. "Vor dem Hintergrund einer geldpolitischen Lockerung in den USA fließen riesige Mittel in die chinesischen Märkte und führen zu Anzeichen von Blasen", sagte er am Freitag vor Journalisten. Wenn die jüngste Zinsanhebung in China keine Wirkung zeige, drohten die Blasen zu platzen.

Tatsächlich halten viele Zentralbanken seit langem an einer strikten Niedrigzinspolitik fest. Beispiel Europa: Die EZB hält den Leitzins seit Mai 2009 bei lediglich einem Prozent. Mit Blick auf den Aufschwung in Deutschland könnten die Herren in Frankfurt möglicherweise schon über eine marginale Anhebung nachdenken - angesichts der Schuldenprobleme vieler Staaten vor allem im Süden der Euro-Zone schrecken sie jedoch davor zurück. Die Folge: Der Realzins in Deutschland ist, ähnlich wie in China, eigentlich viel zu niedrig.

Bank of England und USA drehen Geldhahn weiter auf

Damit nicht genug: Die Bank of England steht offenbar in den Startlöchern für eine weitere Ausweitung der Geldpolitik. Der wahrscheinlichste Termin für den Start sei der Februar 2011, schreibt die Société Générale.

Ähnliches wurde in den USA offenbar bereits beschlossen. Die dortige Notenbank Fed stellt sich seit geraumer Zeit nahezu vollständig in den Dienst der schwachen US-Konjunktur. Der Fed-Leitzins rangiert seit Anfang 2009 schon auf kaum messbarem Niveau (0,25 Prozent) - und vor wenigen Tagen erst deutete Notenbank-Chef Ben Bernanke eine weitere Öffnung der Geldschleusen an.

Es verwundert daher nicht, dass im Gegensatz zur Geldpolitik der Chinesen vor allem die Strategie der Fed von Fachleuten heftig kritisiert wird. "Im Moment sind die USA offensichtlich nicht bereit, die Verantwortung, die mit der Rolle des US-Dollar als Weltleitwährung einhergeht, angemessen zu übernehmen", sagt Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank. "Was wir aus China sehen, ist genau das Gegenteil: China bewegt sich in dieser Krise international verantwortlich in einem Maße, das vorbildlich ist."

Die Gewichte verschieben sich nach China

Die aufstrebende Macht in Fernost dient damit nicht nur als Vorreiter, sondern sogar als Vorbild. Da stellt sich die Frage, wann die Chinesen auf dem Weg zur Weltwirtschaftsmacht Nummer eins auch in der globalen Geldpolitik die Führung übernehmen.

"Die Gewichte verschieben sich insgesamt nach China, die Bedeutung der dortigen Notenbank nimmt stetig zu", sagt China-Kenner Löchel. "Noch ist das Finanzsystem des Landes allerdings weit von wirklichen marktwirtschaftlichen Strukturen entfernt. Da muss noch einiges passieren."

Das meint auch Analyst Hellmeyer. Er hält es für realistisch, dass die Chinesen binnen zehn Jahren auf die Pole-Position vorrücken. "Hintergrund ist die realwirtschaftliche Bedeutung Chinas mit seinen hohen Wachstumsraten", sagt er. "Auf absehbare Zeit wird China die weltgrößte Wirtschaftsnation sein. Aus dieser Rolle wird sich auch eine große Bedeutung der People's Bank of China ergeben." Und die könne sogar wesentlich größer sein als die der Fed.

Wenn es soweit ist, dürften auch Dax-Anleger verstärkt nach China blicken. Von der Notenbank dort lassen sie sich dann nicht mehr so leicht überraschen.



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