Corona-Crash beim Dax Was zum "Schwarzen Montag" führte

Ein Doppelschlag trifft die Börsen: Das Virus lässt die Wachstumsaussichten einbrechen - und anders als üblich verstärkt der sinkende Ölpreis sogar die Panik. Die wichtigsten Antworten im Überblick.
Trader an der Börse in New York

Trader an der Börse in New York

Foto: JUSTIN LANE/ EPA-EFE/ Shutterstock

Die Entwicklung auf den Kurstafeln der Deutschen Börse ist besorgniserregend: Der deutsche Aktienindex Dax hat an diesem Montag 7,94 Prozent verloren und sank auf 10.625 Punkte. Dies ist auf Schlusskursbasis gerechnet der größte prozentuale Tagesverlust seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Die gesamten Zuwächse des vergangenen Jahres, sie sind weg. 

An der Wall Street in New York war der Aktienhandel am Montag sogar für 15 Minuten ausgesetzt worden. Denn auch hier waren die Aktienkurse stark gefallen: Der Index S&P 500, der die wichtigsten 500 Unternehmen der USA umfasst, war um sieben Prozent abgestürzt.

Wie ist der Börseneinbruch zu erklären? Welche Rolle spielt die Covid-19-Krise dabei? Was können die Zentralbanken nun tun? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie schlimm ist dieser Einbruch wirklich?

Ein Dax-Einbruch um mehr als sieben Prozent ist in der Geschichte äußerst selten. So stark war der deutsche Leitindex an einem Handelstag zuletzt 2001 nach den Terroranschlägen eingebrochen. Ähnlich stark bergab ging es während der Finanzkrise, nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers. Auf diese folgte damals eine tiefe, weltweite Rezession. Ob es nun ähnlich schlimm wird, lässt sich abschließend nicht sagen. Neil Wilson, Chef-Analyst des Onlinebrokers Markets.com, ist sich aber schon jetzt sicher: "Dieser Tag wird als Schwarzer Montag in Erinnerung bleiben."

Größte Verlierer im Dax waren am Montag die Aktien der Deutschen Bank und der Commerzbank, die um rund 15 Prozent absackten. Auch an den Anleihemärkten könnte es historische Kursstände geben: Zwischenzeitlich notierte die zehnjährige Bundesanleihe bei minus 0,86 Prozent - so weit im negativen Bereich waren die Kapitalmarktrenditen in Europas größter Volkswirtschaft noch nie. Die Rendite der zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihe sackte bis auf 0,31 Prozent ab.

Was war der Auslöser für den Börseneinbruch?

An diesem Montag kamen zwei Krisenfaktoren zusammen, die Anleger massenhaft Aktien abstoßen ließen: Zum einen verschärfen sich die Sorgen um die Konjunktur. Die teils drastischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronavirus-Ausbreitung belasten zahlreiche Länder und Sektoren.

Am Wochenende hat etwa Italien gut 16 Millionen Bürger im Norden des Landes unter Quarantäne gestellt und die Mobilität stark eingeschränkt. Viele Mittelständler in Norditalien sind aber eng verflochten mit Zuliefernetzwerken in Frankreich und Deutschland.

Wie groß die Furcht um die Weltwirtschaft ist, zeigt ein Beispiel: Die Investment-Beratungsfirma Sentix meldete am Montag einen bislang beispiellosen Einbruch bei ihrem Konjunkturindex. Eben noch lag er bei einem Wert von plus 8,1 Zählern, nun sind es minus 12. Nie zuvor sei ein so starker Einbruch der Weltkonjunktur in den Sentix-Daten messbar gewesen, sagte Geschäftsführer Manfred Hübner. Damit reihe sich der aktuelle Einbruch in eine unrühmliche Kette: die Lehman-Pleite (2008), Fukushima (2011) und die Öl-Kreditkrise (2016).

Verstärkend hinzu kam der zweite Faktor: In der Nacht auf Montag erschütterte ein Preisschock den Ölmarkt, es war der heftigste Preisverfall seit dem Golfkrieg 1991. Saudi-Arabien hatte am Sonntag angekündigt, den Markt mit Öl zu fluten und die Preise massiv zu senken, um mit diesem Preiskampf vor allem Russland zu treffen. Zuvor hatte sich die Organisation ölexportierender Länder (Opec) nicht mit Russland darauf einigen können, die Ölförderung weiter einzuschränken.

Ist billige Energie nicht eigentlich gut für die Wirtschaft?

"Wie die Märkte derzeit reagieren, lässt sich nicht ganz rational begründen", sagt Thomas Mayer, Direktor des Flossbach von Storch Research Institute. Denn eigentlich müssten deutsche Industrieunternehmen und Airlines von sinkenden Energiekosten profitieren. Nun aber kommt es an den Börsen zu einem Strudel, der alles mit sich nach unten reißt.

Denn auch das Zerwürfnis der Ölförderstaaten geht letztlich auf die Coronavirus-Epidemie zurück. Die Krankheit lähmt die Wirtschaft - vor allem in China - und bremst damit die Nachfrage nach Rohstoffen. Die Investoren an den Börsen werten den Rückgang der Ölpreise also nicht als Stütze für die Konjunktur, sondern im Gegenteil als weiteres Signal für die Schwäche der Weltwirtschaft. "Deshalb trennen sich Investoren im großen Stil von Aktien. Ganz egal, aus welchem Land, oder welcher Branche", sagt Mayer.

Was Konzerne ansonsten an regulären Umsätzen oder Absatzzahlen melden, fällt angesichts dessen kaum mehr ins Gewicht. Alles wird vom Crash überschattet.

Warum wurde in den USA der Börsenhandel ausgesetzt?

Die starken Kursverluste zum Handelsstart hatten einen sogenannten Marketwide Circuit Breaker (MWCB) ausgelöst. Dieser sieht vor, den Handel in turbulenten Marktphasen in drei Stufen zu unterbrechen. Die erste Stufe greift, wenn der Leitindex S&P 500 um mehr als sieben Prozent fällt. In diesem Fall wird der Handel wie am Montag für 15 Minuten unterbrochen.

Wenn der S&P 500 um 13 Prozent fällt, greift Stufe 2, dann wird der Handel erneut um 15 Minuten ausgesetzt. Das gilt aber nur, wenn der Kursverfall sich vor 15:30 Uhr Ortszeit ereignet. Fällt das Börsenbarometer gar um 20 Prozent, wird der Handel für den gesamten Tag beendet.

Die Maßnahmen wurden nach der Finanzkrise von der US-Börse beschlossen. Ziel ist es, eine Kettenreaktion zu verhindern und die Märkte kurzfristig zu stabilisieren.

Wie könnten Zentralbanken reagieren?

In der Vergangenheit sprangen immer wieder die Notenbanken ein, wenn es an den Aktienmärkten eng wurde. Kürzlich hatte die Federal Reserve in den USA ihren Leitzins überraschend um einen halben Prozentpunkt gesenkt - obwohl die US-Wirtschaft noch floriert. Es war die größte Zinssenkung seit 2008 und auch die erste, die seit der Finanzkrise nicht während einer der turnusmäßigen Sitzungen beschlossen wurde, sondern kurzfristig. Die Finanzmärkte hat das nicht lange beruhigt. Die Kurse kletterten zwar zwischenzeitlich nach oben, doch nun sind sie erneut abgestürzt.

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In der Eurozone hingegen liegt der Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) schon bei null. Die EZB könnte, wenn überhaupt, die Einlagezinsen für Banken noch stärker senken oder das monatliche Volumen der Anleihekäufe hochfahren. Beobachter rechnen damit, dass die Notenbank ihre Anleihenkäufe im Volumen von derzeit monatlich 20 Milliarden Euro ausweitet. Denkbar aus Sicht von Ökonomen ist auch eine Verschärfung des Strafzinses von aktuell 0,5 Prozent, den Geschäftsbanken zahlen müssen, wenn sie Geld bei der EZB parken. Die EZB will damit erreichen, dass Institute stattdessen mehr Kredite an die Wirtschaft ausreichen, was der Konjunktur zugutekommen würde.

Ob das die Finanzmärkte beruhigen wird, ist fraglich. "Anders als in der globalen Finanzkrise werden die Zentralbanken bei der Bekämpfung des wirtschaftlichen Schadens durch das Coronavirus nur wenig helfen können", fürchtet der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher. Das größte wirtschaftliche Problem sei ein Zusammenbrechen globaler Wertschöpfungsketten und fehlendes Konsumentenvertrauen.

Für zusätzliche Nervosität an den Märkten sorgt, dass die Handlungsfähigkeit der Akteure durch die Epidemie eingeschränkt sein könnte. Zahlreiche Politiker und Notenbanker befinden sich unter Quasi-Quarantäne.