Dax knackt 10.000-Punkte-Marke Rekord mangels Alternative

Erstmals überspringt der Dax die Marke von 10.000 Punkten. Das beweist erneut, wie sehr der deutsche Leitindex vom billigen Geld der Notenbank abhängig ist - und wie schnell die gute Stimmung an der Börse vorbei sein kann.

Szene aus Börse in Frankfurt am Main: Drei Minuten zum Rekord
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Szene aus Börse in Frankfurt am Main: Drei Minuten zum Rekord

Von , und Jonas Schützeberg


Frankfurt am Main - Man wird Mario Draghi sicher nicht zu nahe treten, wenn man feststellt, dass er nicht dem gängigen Bild einer Stimmungskanone entspricht. Zu seriös wirkt der graumelierte 66-Jährige, zu bedacht ist seine für Laien ohnehin schwer entschlüsselbare Notenbanker-Wortwahl. Doch an diesem Donnerstag braucht Draghi lediglich handgestoppte drei Minuten, um für Rekordstimmung unter Börsenprofis zu sorgen.

Die abermalige Senkung des Leitzinses auf nun 0,15 Prozent hatten sie noch relativ ungerührt zur Kenntnis genommen. Doch kaum hatte der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) verkündet, es sei bereits beschlossen, die Banken mit einer dicken Finanzspritze zu versorgen, und ein Ankauf einige ihrer Schrottkredite durch die Notenbank werde vorbereitet, übersprang der Deutsche Aktienindex (Dax) die Marke von 10.000 Punkten. Zum ersten Mal in seiner 26-jährigen Geschichte war das wichtigste deutsche Börsenbarometer fünfstellig - zumindest zeitweise. Kurz vor Handelsschluss stand er bei 9955 Punkten.

"Heute ist der Tag der EZB! Nur sie ist heute ausschlaggebend für den Punktestand des Dax", kommentiert Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank.

Party könnte Zenit erreicht haben

Dadurch tritt jedoch noch deutlicher zutage: Der historische Dax-Rekord ist eine Art Party auf dem Parkplatz. Denn eine wachsende Zahl von Anlegern parkt große Mengen von Kapital an der Börse. Dafür verantwortlich sind Notenbanken wie die EZB gleich in doppelter Weise:

  • Im Kampf gegen die Krise haben die Zentralbanken in den vergangenen Jahren in großem Stil Anleihen aufgekauft, um so die Zinsen zu drücken. Seit Anfang 2007 stieg die Bilanzsumme der EZB um 88 Prozent, die der Bank of England und der US-Notenbank Fed sogar jeweils um gut 370 Prozent. Das viele Geld, das die Notenbanken so neu schaffen, will angelegt werden.

  • Zudem bewirkt die - an diesem Donnerstag noch einmal verschärfte - Niedrigzinspolitik der Notenbanken, dass konventionelle Anlagen wie Tagesgeldkonten oder Staatsanleihen sich kaum noch lohnen. In solch einem Umfeld flüchten sich Anleger traditionell in vermeintlich sichere Sachwerte wie etwa das Eigenheim - oder eben Aktien.

Doch die Parkplatz-Party könnte ihren Zenit mit der 10.000-Punkte-Marke bereits erreicht haben. Denn ebenso wie sich seit geraumer Zeit die Anzeichen für eine neue Immobilienblase mehren, so spricht auch vieles dafür, dass der Höhenflug des Dax Chart zeigen bald beendet sein könnte. Schließlich soll der Leitindex eigentlich die wirtschaftliche Lage der in ihm zusammengefassten 30 größten deutschen börsennotierten Unternehmen widerspiegeln. Und bei denen läuft es keineswegs so gut, wie es der neue Rekord vermuten lässt. Die Geschäftsentwicklung von Schwergewichten wie RWE Chart zeigen, Deutsche Bank Chart zeigen oder ThyssenKrupp Chart zeigen ist im vergangenen Jahr deutlich hinter den Erwartungen der Analysten zurückgeblieben.

Kurse steigen schneller als Gewinne

Schmieding ist daher überzeugt, dass der Effekt der EZB-Maßnahmen auf die Aktienkurse nur kurz anhalten wird: "In zwei Wochen sprechen wir wieder über erwirtschaftete Ergebnisse der Unternehmen und längerfristige Konjunkturtrends." Auf Letztere - also die Realwirtschaft - habe die zunehmend lockere Geldpolitik der EZB sowieso kaum noch Einfluss: "Viele Banken schwimmen ohnehin in Liquidität." Ob die Zinsen jetzt noch niedriger seien als bislang, sei für die Konjunktur von untergeordneter Bedeutung.

Wie viel Fantasie bereits im Dax steckt, zeigt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), bei dem der aktuelle Kurs einer Aktie durch den auf sie entfallenden Nettogewinn geteilt wird. Laut aktuellen Berechnungen des Finanzdienstleisters Thomson Reuters liegt das KGV für die Dax-Werte derzeit bei durchschnittlich 16. Anleger zahlen also 16-mal so viel für eine Aktie, wie sie damit pro Jahr verdienen können. Der Wert lag in der Vergangenheit zwar auch schon deutlich höher, aber: Noch Ende 2011 lag das KGV knapp niedriger als zehn. Seitdem ist es fast kontinuierlich angestiegen, wie das Diagramm illustriert:

Kurs schlägt Gewinn
Auch ein genauerer Blick auf die Errechnung des Dax könnte die Euphorie des Tages auf Dauer dämpfen. Denn im Gegensatz zu den meisten anderen Indizes ist der Dax ein sogenannter Performance-Index, in den die Dividenden eingerechnet werden.

Berechnet man ihn dagegen wie etwa den amerikanischen Dow Jones Chart zeigen als sogenannten Kursindex, so stand der Dax am Donnerstag gerade einmal bei 5152 Punkten.

Mitarbeit: Maria Marquart

insgesamt 17 Beiträge
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urdemokrat 05.06.2014
1. Monopoy
Eine Luftnummer jagt die andere und der normale Bürger wird am Ende die Zeche zahlen. Sei es durch eine geplatzte Finanzblase oder durch fortlaufende Entwertung seines Kapitals. Armes Deutschland !
BWLer! 05.06.2014
2. Easy Money
war heut mal wieder ein lockerer Tag um Geld zu machen. Erst Euro Short, dann Long, Dax long, dann short. Bin mal meinen 911er ausfahren. Bye
RalfHenrichs 05.06.2014
3. Wieso Absturz?
Zuerst wird korrekt erläutert, dass (zu) viel Kapital vorhanden ist, das angelegt werden muss. Dass die Niedrigzinspolitik weiter fortgeführt wird. Dass es keine anderen nennenswerten Anlagemöglichkeiten gibt. Dann heißt es, dass die Party bald zu Ende sein wird. Aber warum? Was wird sich ändern? Weniger Kapital? Höhere Zinsen? Andere lukrativere Anlageformen? Sehe ich alles nicht. Also geht die Party weiter bis die Party platzt und wir die nächste Weltwirtschaftskrise haben. Aber wann das sein wird, weiß niemand. Würde er es wissen, sollte er mit dem Wissen an der Börse spekulieren.
gustavsche 05.06.2014
4. Das beweist erstmal gar nichts.
1. Der DAX ist ein Performanz-Index, das heißt zurückliegende Dividendenzahlungen sind eingeflossen, aus mathematischen Gründen dürfte es mit dem DAX langfristig nur nach oben gehen. 2. 2008/2009 ging der DAX steil bergab. Was bitteschön hat denn das Geschäft von Lehman Brother oder was hat der amerikanische Immobilienmarkt mit dem Geschäft von BASF, Henkel, SAP und Co zu tun? Ich finde es immer wieder putzig, wenn sich Leute als Warner und Mahner gerieren und von unrechtmäßigen Kursanstiegen schwafeln. Dirk Müller ist darin Meister. 3. Mitnichten alle Anleger flüchten vor niedrigen Zinsen an die Börse. Schon mal darüber nachgedacht, dass sich eine echte Aktienkultur manifestiert, wo die Leute in Aktien das sehen, was sie sind: Unternehmensanteile, mit der Chance für den Aktieninhaber, am langfristigen Wohlstandszuwachs zu partizipieren. Das jedenfalls ist meine Motivation für Aktienkäufe und gewiss "parke" ich nicht mein Geld an der Börse. 4. Die Autorin erwähnt das KGV. Ein KGV von 16 gilt immer noch als fair; die Preise an der Börse sind damit nicht übertrieben.
tulius-rex 05.06.2014
5. Himmel hilf
Was macht man nur mit dem ganzen aus der Schweiz zurückgeholten Schwarzgeld? Aktien, Häuser, Schmuck, Rohstoffe oder Yachten kaufen? Aktien sind wie Spielbank - nur wirklich überflüssiges Kapital einsetzen Häuser - alle guten Immobilien sind schon weg, der Rest wird zu überhöhten Preisen verhökert und kann nur unter Verlusten weiterverkauft werden Schmuck - hat außer dem Materialwert allenfalls ideellen Wert und muss bei Bedarf mit hohen Verlusten eingeschmolzen werden Rohstoffe - sind reine Tagesspekulationen mit geringen Margen und erst lohnend oberhalb 10 MioEURO Kapitaleinsatz Yachten - davon gibt es schon so viele und die liegen alle unbenutzt in irgendwelchen Häfen herum. Fällt irgendjemandem noch etwas anderes ein? Ach wie ist das Leben schlecht und schwierig?! Wohin nur mit dem Geld? Es raubt einem glatt den Schlaf.
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