Dax auf Rekordhoch Feiern wie ein Bulle, belehren wie ein Bär

Der Dax ist auf den höchsten Stand aller Zeiten geklettert. Wenn Sie Aktien haben, können Sie sich darüber freuen. Und wenn nicht, dann auch. Hier sind die Argumente, mit denen Anleger sich die eine Strategie schönreden können - oder eben die andere.

Aktienhändler in Frankfurt: "Bei 10.000 wollen dann wieder alle kaufen, das kennt man doch"
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Aktienhändler in Frankfurt: "Bei 10.000 wollen dann wieder alle kaufen, das kennt man doch"

Von Christian Kirchner


Hamburg - Der Dax Chart zeigen hat ein Allzeithoch erklommen - und Sie sind vermutlich natürlich voll investiert. Und zwar im Sparbuch zu Mikrozinsen, während Ihr Nachbar oder Kollege sich ein Loch in den Bauch freut über die steigenden Aktienkurse. Und Sie mit schlauen Sprüchen nervt.

Oder sitzen Sie auf der anderen Seite des Schreibtischs oder Gartenzauns? Und geht Ihnen das seit Jahren dauerpessimistische Genöle, die Aktienrally werde noch in einem Desaster enden - wegen Finanzkrise, Gelddrucken und so fort - fürchterlich auf den Keks?

In beiden Fällen haben wir hier etwas für Sie: Das Spezialwissen für all jene, die beim Smalltalk in der Mittagspause oder in der Kneipe zum Dax-Rekordhoch schlauschwätzen wollen - inklusive wichtiger Fakten, falls ungläubige Nachfragen kommen. Zum Ausdrucken und Einstecken!

Sie sind Optimist? Hier Ihre größten Trümpfe:

Trumpf 1: "8500 Punkte eine Blase? Schuldenkrise? Papperlapapp. Hier eine Rechnung: Läuft der Dax die nächsten Jahre wegen Schuldenkrise und Co. auch nur halb so gut wie seit seiner Gründung, sehen wir schon bald die 10.000, in zehn Jahren die 13.000 und in gut 25 Jahren die 25.000 Punkte."

Falls Nachfragen kommen: Seit Auflage 1988 hat der Dax im Schnitt knapp 8,3 Prozent pro Jahr zugelegt. Der Rest ist einfache Zinseszinsrechnung.

Trumpf 2: "Wir standen vor 13 Jahren doch schon mal über 8000 Punkten. Heute sind die deutschen Aktien nicht mal halb so teuer wie damals bei zugleich halb so hohen Zinsen."

Falls Nachfragen kommen: Anfang des Jahres 2000 betrug die Dividendenrendite des Dax lediglich 1,8 Prozent (heute: 3 Prozent), das durchschnittliche Kurs-Buchwert-Verhältnis - also die Höhe des Eigenkapitals pro Aktie - betrug damals 3,5 (heute: 1,5). Das Kurs-Gewinn-Verhältnis, also die Relation des Aktienkurses zum Gewinn pro Aktie betrug Anfang 2000 noch knapp 30 (heute: 13).

Trumpf 3: "Die Kurse steigen und steigen, aber es ist doch niemand dabei. Bei 10.000 wollen dann wieder alle kaufen, das kennt man doch."

Falls Nachfragen kommen: Die Zahl der direkten und indirekten Aktionäre in Deutschland ist laut Daten des Deutschen Aktieninstituts seit dem Jahr 2000 von knapp 13 auf unter 9 Millionen gesunken. Auch die Bundesbank weist seit Jahren - mit kurzen Unterbrechungen - in ihrer Geldvermögensrechnung Nettoverkäufe von Aktien durch Privathaushalte aus.

Trumpf 4: "Deutsche Aktien sind im internationalen Vergleich total billig - wenn es überhaupt irgendwo rappelt, dann vielleicht in den USA"

Falls Nachfragen kommen: Der Dax ist tatsächlich sowohl im Vergleich zur eigenen Historie als auch zum US-Aktienmarkt mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13 moderat bewertet, die Dividendenrenditen von rund drei Prozent liegen deutlich über dem risikolosen Zins für zehnjährige Bundesanleihen von derzeit zwei Prozent. In den USA ist der Fall umgekehrt: Die Bewertungen liegen über dem historischen Schnitt, die Dividendenrenditen unter den jüngst deutlich gestiegenen Kapitalmarktzinsen.

Superspezialwissen - Trumpf 5: "Immer diese Orientierung an Rekordmarken. Die spielen überhaupt keine Rolle. Sagt dir die Ankerheuristik was? Man glaubt, die Aktien wären teuer, nur weil sie auf einen Rekordwert steigen."

Falls Nachfragen kommen: Anleger bemessen die Attraktivität des Aktienmarkts intuitiv anhand absoluter Kurse und runden Marken - und erinnern sich etwa im aktuellen Umfeld daran, dass ein Rekordhoch auf der einen und die gefühlt schlechte Lage durch die Finanzkrise kaum zusammenpassen. Über die Chancen auf weitere Gewinne oder die Risiken von Verlusten sagt das jedoch nichts aus.

Sie sind Pessimist? So geben Sie den Bullen richtig Zunder:

Trumpf 1: "Warte mal ab, bis die Gelddruckorgien der Notenbanken die Inflation steigen lassen. Dann kannst du mit deinen Aktien dein Klo tapezieren!"

Falls Nachfragen kommen (und die kommen von ungläubigen Bullen bestimmt): Dass Aktien eine gute Anlage bei einer befürchteten Inflation seien, ist ein Irrglaube, der vor allem aus der Zeit der Hyperinflation der zwanziger und vierziger Jahre rührt. Wer Jahrzehnte Geduld und Nerven aus Stahlseilen hat und auch mal zwischenzeitlich 90 Prozent Kursverlust aussitzen kann, der ist seinerzeit tatsächlich mit Aktien gut und natürlich besser als enteignete Sparer gefahren. Doch auf eher kürzere Sicht ist Inflation Gift für die Bewertungen und die Aktienkurse und zieht eine deutlich höhere Inflation verlässlich einen starken Einbruch der Aktienkurse nach sich.

Trumpf 2: "Der Dax mag ein Superindex sein. Aber seine Renditen erreicht doch keiner. Weil die meisten die falschen Aktien haben und die Rechnung nach Steuern ganz anders aussieht."

Falls Nachfragen kommen: Der Dax unterstellt die kontinuierliche Anlage von Dividenden - und ignoriert, dass Anleger auf Dividenden und Kursgewinne die Abgeltungsteuer zahlen müssen. Der ohne Dividenden berechnete Kursindex liegt bei nur 4500 Punkten - ein Viertel unter seinem 2000er Höchststand. Plus: Knapp ein Drittel der Indexmitglieder - und hier die vor allem bei Privatanlegern beliebten Titel wie die Allianz Chart zeigen, Daimler Chart zeigen, Siemens Chart zeigen oder die Deutsche Bank Chart zeigen - sind noch jeweils 30 bis 50 Prozent von alten Rekordhochs entfernt, die "Volksaktie" Telekom gar über 90 Prozent.

Trumpf 3: "Immer der Vergleich mit den Zinsen. Wenn's danach ginge, müssten die Kurse in Japan seit 20 Jahren steigen und nicht fallen!"

Falls Nachfragen kommen: Japan hat die langfristigen Kapitalmarktzinsen bereits ab Mitte der neunziger Jahre zur Stützung von Wirtschaft auf unter vier, Ende der neunziger Jahre auf unter zwei und zuletzt schließlich auf unter ein Prozent gedrückt. Dennoch - und trotz der jahrelangen Deflation - fallen die Aktienkurse seit nunmehr 23 Jahren; der Nikkei-Index Chart zeigen büßte in diesen gut zwei Dekaden gut zwei Drittel ein.

Trumpf 4: "Der Superbullenmarkt an den Aktienmärkten läuft jetzt über 30 Jahre, die aktuelle Rally fast fünf. Ist doch klar, dass das so nicht weitergeht."

Falls Nachfragen kommen: Eine Hausse währt im Schnitt viereinhalb Jahre, ehe es zu einer Wende kommt. Das ist die kurzfristige Sicht. Langfristig sind die Aktienmarktrenditen weltweit trotz der zwischenzeitlichen Einbrüche seit Anfang der achtziger Jahre abnorm hoch - abnorm gemessen am historischen Schnitt. Der US-Aktienmarkt etwa gewann im Schnitt seit 1982 rund 12 Prozent pro Jahr, der Dax rückberechnet 9,3 Prozent. Dazu haben vor allem sinkende Zinsen, sinkende Inflationsraten, sinkende Unternehmensteuern, der gestiegene Fremdkapitaleinsatz bei Firmen und die Globalisierung beigetragen. Nicht alle diese Faktoren werden sich über die kommenden Jahre fortschreiben lassen - am unwahrscheinlichsten die Zinsen.

Trumpf 5: "Letztes Jahr haben alle von der finanziellen Repression geredet. Jetzt klettern die Zinsen nominal wie real wieder - das wird noch Gift für die Aktien sein!"

Unter der finanziellen Repression versteht man Kapitalmarktzinsen, die von Notenbanken und Regierungen mit Gewalt - also etwa über Leitzinsen, Anleihenaufkäufe, regulatorische Eingriffe - unter die Inflationsrate gedrückt werden. Auf diesem Weg verlieren die Verbindlichkeiten real an Wert und kann sich ein Land sanft entschulden. Zugleich soll dies die Investitionstätigkeit anregen und über steigende Kurse von Aktien für Vermögenseffekte sorgen. Zwei Jahre lang war die finanzielle Repression ein "Buzzword" und ein Kernargument für Aktien. Nun aber ziehen die Zinsen wieder an. In den USA haben die Zinsen zehnjähriger Staatsanleihen wieder annähernd drei Prozent erreicht - bei einer Inflation von rund zwei Prozent.

Auch in Deutschland liegt die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen wieder bei zwei Prozent und damit über der Inflationsrate von zuletzt 1,5 Prozent. Bislang hat der Aktienmarkt diese Entwicklung ignoriert.



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Seite 1
TS_Alien 16.09.2013
1. .
Immer diese Indizes. Vielen der DAX-Konzerne geht es nicht wirklich gut. Und in Zukunft dürften die Automobilkonzerne im DAX ebenfalls Probleme bekommen. Die Konkurrenz aus Asien wird immer besser. Wer den Stand des DAX als Gradmesser für die Lage der Realwirtschaft ansieht, der kann auch in die Sterne schauen. Solange keine Investoren die Kurse an den Börsen bestimmen, sondern Zocker, kann ein Börsenindex kein Maß für die wirtschaftliche Lage der betrachteten Firmen sein. Morgen kann es beim DAX schon wieder ganz anders aussehen. Echte wirtschaftliche Fundamentaldaten sind wesentlich stabiler. Und diese Daten sehen nicht gut aus. Viele Länder sind faktisch pleite, sie können seit Jahren ihre Schulden nur durch die Aufnahme neuer Kredite bedienen. Sollten die Schulden bald real und nicht nur quotenmäßig (die Schuldenquote ist ein beliebter Trick von unseriösen Haushältern, genauso wie Wachstumszuwächse oder ähnliches) zurückgezahlt werden müssen, müssen die Staaten deutlich höhere Steuern eintreiben oder ihre Ausgaben drastisch kürzen. Das wird immense negative Auswirkungen auf die Börsenkurse haben, weil die Nachfrage nach vielen Produkten sinken wird. Der DAX bekommt davon erst dann etwas mit, wenn es zu spät ist. Da kaufe ich lieber noch ein paar Tonnen Silber.
muellerthomas 16.09.2013
2.
Zitat von TS_AlienImmer diese Indizes. Vielen der DAX-Konzerne geht es nicht wirklich gut. Und in Zukunft dürften die Automobilkonzerne im DAX ebenfalls Probleme bekommen. Die Konkurrenz aus Asien wird immer besser. Wer den Stand des DAX als Gradmesser für die Lage der Realwirtschaft ansieht, der kann auch in die Sterne schauen. Solange keine Investoren die Kurse an den Börsen bestimmen, sondern Zocker, kann ein Börsenindex kein Maß für die wirtschaftliche Lage der betrachteten Firmen sein. Morgen kann es beim DAX schon wieder ganz anders aussehen. Echte wirtschaftliche Fundamentaldaten sind wesentlich stabiler. Und diese Daten sehen nicht gut aus. Viele Länder sind faktisch pleite, sie können seit Jahren ihre Schulden nur durch die Aufnahme neuer Kredite bedienen. Sollten die Schulden bald real und nicht nur quotenmäßig (die Schuldenquote ist ein beliebter Trick von unseriösen Haushältern, genauso wie Wachstumszuwächse oder ähnliches) zurückgezahlt werden müssen, müssen die Staaten deutlich höhere Steuern eintreiben oder ihre Ausgaben drastisch kürzen. Das wird immense negative Auswirkungen auf die Börsenkurse haben, weil die Nachfrage nach vielen Produkten sinken wird. Der DAX bekommt davon erst dann etwas mit, wenn es zu spät ist. Da kaufe ich lieber noch ein paar Tonnen Silber.
Dass Sie Schuldenquoten nicht mögen, erwähnen Sie oft, aber können Sie auch darlegen, worin der Trick nun besteht? Sind Sie nicht der Ansicht, dass jemand mit hohem Einkommen höhere Kredite tragen kann als jemand mit geringem Einkommen?
Dortfred 16.09.2013
3. Zettel
Zitat von TS_AlienImmer diese Indizes. Vielen der DAX-Konzerne geht es nicht wirklich gut. Und in Zukunft dürften die Automobilkonzerne im DAX ebenfalls Probleme bekommen. Die Konkurrenz aus Asien wird immer besser. Wer den Stand des DAX als Gradmesser für die Lage der Realwirtschaft ansieht, der kann auch in die Sterne schauen. Solange keine Investoren die Kurse an den Börsen bestimmen, sondern Zocker, kann ein Börsenindex kein Maß für die wirtschaftliche Lage der betrachteten Firmen sein. Morgen kann es beim DAX schon wieder ganz anders aussehen. Echte wirtschaftliche Fundamentaldaten sind wesentlich stabiler. Und diese Daten sehen nicht gut aus. Viele Länder sind faktisch pleite, sie können seit Jahren ihre Schulden nur durch die Aufnahme neuer Kredite bedienen. Sollten die Schulden bald real und nicht nur quotenmäßig (die Schuldenquote ist ein beliebter Trick von unseriösen Haushältern, genauso wie Wachstumszuwächse oder ähnliches) zurückgezahlt werden müssen, müssen die Staaten deutlich höhere Steuern eintreiben oder ihre Ausgaben drastisch kürzen. Das wird immense negative Auswirkungen auf die Börsenkurse haben, weil die Nachfrage nach vielen Produkten sinken wird. Der DAX bekommt davon erst dann etwas mit, wenn es zu spät ist. Da kaufe ich lieber noch ein paar Tonnen Silber.
Ich gebe Ihnen vollständig Recht, hoffe aber, dass Sie keine Zettelchen meinen. Mit Silberpapieren können Sie in einer Krise nämlich heizen.
doofnuss 16.09.2013
4. verlustängste
Zitat von TS_AlienImmer diese Indizes. Vielen der DAX-Konzerne geht es nicht wirklich gut. Und in Zukunft dürften die Automobilkonzerne im DAX ebenfalls Probleme bekommen. Die Konkurrenz aus Asien wird immer besser. Wer den Stand des DAX als Gradmesser für die Lage der Realwirtschaft ansieht, der kann auch in die Sterne schauen. Solange keine Investoren die Kurse an den Börsen bestimmen, sondern Zocker, kann ein Börsenindex kein Maß für die wirtschaftliche Lage der betrachteten Firmen sein. Morgen kann es beim DAX schon wieder ganz anders aussehen. Echte wirtschaftliche Fundamentaldaten sind wesentlich stabiler. Und diese Daten sehen nicht gut aus. Viele Länder sind faktisch pleite, sie können seit Jahren ihre Schulden nur durch die Aufnahme neuer Kredite bedienen. Sollten die Schulden bald real und nicht nur quotenmäßig (die Schuldenquote ist ein beliebter Trick von unseriösen Haushältern, genauso wie Wachstumszuwächse oder ähnliches) zurückgezahlt werden müssen, müssen die Staaten deutlich höhere Steuern eintreiben oder ihre Ausgaben drastisch kürzen. Das wird immense negative Auswirkungen auf die Börsenkurse haben, weil die Nachfrage nach vielen Produkten sinken wird. Der DAX bekommt davon erst dann etwas mit, wenn es zu spät ist. Da kaufe ich lieber noch ein paar Tonnen Silber.
ja, ne? edelmetalle! das ist es! noch ein paar goldbarren im keller vergraben! - wegen der sicherheit, sie wissen schon. schließlich ist ruhiger schlaf was ganz feines. obwohl, edelmetall-kurse gehen seit einiger zeit nach unten - och menno... . ;-) Goldpreis aktuell | Gold | Goldkurs | Gold kaufen | finanzen.net (http://www.finanzen.net/rohstoffe/goldpreis)
Dresdner Junge 16.09.2013
5.
Zitat von sysopDPADer Dax ist auf den höchsten Stand aller Zeiten geklettert. Wenn Sie Aktien haben, können Sie sich darüber freuen. Und wenn nicht, dann auch. Hier sind die Argumente, mit denen Anleger sich die eine Strategie schönreden können - oder eben die andere. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/dax-spezialwissen-zum-rekordhoch-an-der-boerse-a-921950.html
Und wieder mal wird nicht differenziert zwischen Einmalanlagen (der Preis der Aktien/Fonds muss bei Verkauf höher sein als bei Einkauf) und regelmäßigen, bspw. monatlichem Ratensparen über viele Jahre. Ich mach zweitens und würde mich über einen Absturz des DAX jetzt und immer mal wieder in den nächsten 15 Jahren extrem freuen.
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