SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

14. Juni 2012, 13:06 Uhr

Schuldenkrise

Spaniens Rating-Desaster verunsichert Anleger

In drei Tagen wählt Griechenland ein neues Parlament - und auch in Spanien spitzt sich die Lage zu, die Rating-Agentur Moody's hat das Land drastisch herabgestuft. Nun herrscht Unruhe an den Märkten: Die Risikoprämien für spanische Anleihen steigen auf Rekordniveau, Euro und Dax rutschen ins Minus.

Frankfurt am Main - Trotz der geplanten Milliardenhilfe für spanische Banken zweifeln Anleger an der Stabilität des Landes. Spanische Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren verloren erneut an Wert, die Risikoprämien erreichten einen Rekordstand. Für den Kauf bereits ausgegebener Schuldenpapiere verlangten Investoren zeitweise sieben Prozent Rendite - so viel wie noch nie seit Einführung des Euro. Die Gemeinschaftswährung fiel auf ein Tagestief von 1,2540 Dollar.

Die Rendite gibt Auskunft, wie hoch die Nachfrage nach Staatsanleihen und wie hoch der Risikozuschlag ist, den die Investoren verlangen. Je niedriger der Preis, den sie für die Schuldpapiere bieten, desto höher ist die Rendite. Sie ändert nichts am Zinssatz, den Spanien auf diese Anleihen zahlen muss, gibt aber einen Hinweis darauf, wie hoch die Zinsen bei künftigen Anleihenauktionen sein könnten.

Anleger fürchteten, dass Spanien nach der Herunterstufung durch Moody's nun doch ganz unter den Rettungsschirm schlüpfen muss, sagte ein Händler. Nach dem Antrag des Landes auf Finanzhilfen für den Bankensektor bewertet die Rating-Agentur Spanien nun mit Baa3 und damit gleich drei Stufen schlechter als zuvor. Das Land liegt nur noch eine Stufe über Ramsch-Status.

Auch an den Aktienmärkten sorgte die Nachricht für Verluste. Der Dax sank zeitweise um 0,9 Prozent. "Bevor um Griechenland und Spanien nicht mehr Ruhe einkehrt, sollte man sich lieber einfach ein wenig zurückhalten und schauen, was passiert", sagte Aktienstratege Heinz-Gerd Sonnenschein von der Postbank. Am Sonntag wählt Griechenland ein neues Parlament. Der Urnengang wird an den Märkten mit Spannung erwartet.

Italien muss höhere Zinsen zahlen

Ein weiterer Wackelkandidat ist Italien. Das Land muss immer höhere Renditen für frisches Geld zahlen. Bei einer Auktion von Anleihen mit Laufzeiten bis 2015 im Gesamtvolumen von drei Milliarden Euro wurden am Donnerstag Zinsen in Höhe von 5,3 Prozent fällig. Dies ist der höchste Wert seit Dezember. Zuletzt waren es nur rund 3,9 Prozent. Bei Anleihen mit Laufzeit 2019 und 2020 lag die durchschnittliche Rendite sogar bei mehr als sechs Prozent. Insgesamt sammelte Italien 4,5 Milliarden Euro am Kapitalmarkt ein.

Die Emissionen stellten kurzfristig einen Erfolg dar, sagte Credit-Agricole-Analyst Peter Chatwell. "Aber der Trend bei den Renditen und Zinsaufschlägen erfordert ein Gegensteuern der politischen Entscheidungsträger." Seit klar ist, dass Spanien Finanzhilfen für seinen maroden Bankensektor beantragen will, ist auch Italien wieder stärker ins Visier der Märkte geraten. Das Mittelmeerland wird von manchen Marktteilnehmern bereits als nächster Kandidat für Hilfen aus dem Euro-Rettungsschirm gehandelt.

"Der Euro wird nicht ernst genommen"

Laut Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater wird das Vertrauen an den Finanzmärkten erst wieder zurückkehren, wenn aus der Währungsunion eine Haftungsgemeinschaft geworden ist. "Der Euro wird international nicht ernst genommen, nicht für voll genommen", sagte Kater am Donnerstag. Bis zu einer tiefergehenden Integration der Euro-Zone werde allerdings noch eine längere Zeit vergehen, trotz denkbarer Zwischenschritte wie eine Bankenunion und der Anfänge einer Fiskalunion.

Kurzfristig sei aber nicht mit einem großen politischen Wurf zu rechnen. Wahrscheinlicher sei, dass in den kommenden Jahren nur sehr kleine Schritte unternommen würden und eine nachhaltige Lösung der europäischen Krise ausbleibe, sagte Kater. Deshalb blieben die Erwartungen der Märkte an die Politik, etwa an den EU-Gipfel Ende des Monats in Brüssel, nur gering. "Eins ist klar: Es wird so schnell keine Sturzgeburt eines europäischen Staates geben."

cte/Reuters(AFP

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung