Streaming-Anbieter "DAZN" Fußball gucken, bis die Augen tränen

Der Streaming-Anbieter DAZN zeigt ab nächster Saison die Champions League und Europa League. Für die alte Sport-Fernsehwelt wird das aggressive Start-up zur Gefahr.

DAZN-Chef James Rushton
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DAZN-Chef James Rushton

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ein Gewerbegebiet in Ismaning, 20 Kilometer nördlich von München. In einem grauen Gebäude hat der Internet-Streamingdienst DAZN seine Deutschland-Zentrale. In den Großraumbüros sitzen junge Männer vor ihren Bildschirmen, viele von ihnen tragen Kapuzen-Pullis. Die Wände sind mit riesigen Fotos von Fußballstars wie Lionel Messi und Mesut Özil tapeziert, neben ihnen sind Pass- und Zweikampfstatistiken abgebildet. In der Ecke des Raumes steht eine Mini-Tischtennisplatte, daneben stapeln sich Umzugskartons.

"Unser Ansatz ist radikal anders als der der herkömmlichen TV-Sportsender", sagt Benjamin Reininger, Marketing-Chef von DAZN. Anders als seine Kollegen trägt er ein Hemd und Sakko. "Wir sind angetreten, um den Sport zu demokratisieren und im Internet allen verfügbar zu machen", verkündet er.

Reininger vermarktet die neue Sport-Fernsehwelt. Für 9,99 Euro im Monat bekommen DAZN-Kunden in Deutschland ein gewaltiges Angebot an Live-Sport-Events, die über das Internet gestreamt werden - auf den Fernseher, den Computer, das Smartphone. Egal wohin, egal wann.

Derzeit strahlt DAZN in Deutschland 40 Minuten nach Abpfiff die Highlights der Bundesliga aus und zeigt Live-Spiele der Fußballligen in England, Spanien, Frankreich und Italien. Spätestens ab nächster Saison wird DAZN auch im Mainstream angekommen sein: Von da an bietet der Streaming-Anbieter einige Spiele der Champions-League live und alle Spiele der Europa League an.

Neben Fußball hat das Start-up US-Sport, Feldhockey, Eishockey und Tennis im Programm. Auch große Kampfsport-Events zeigte der Dienst zuletzt exklusiv. Insgesamt überträgt DAZN rund 8000 Live-Wettbewerbe im Jahr.

Marketingchef Benjamin Reininger
Blende11 Fotografen

Marketingchef Benjamin Reininger

DAZN ist das derzeit aggressivste Unternehmen im globalen Sportmarkt. Die Perform Group, die Mutter der Firma, sitzt in London und pumpt Millionen hinein. Vor gut einem Jahr ist der Internet-Anbieter in Deutschland, Österreich, Japan und der Schweiz an den Start gegangen. Und dabei wird es nicht bleiben. DAZN will pro Jahr rund drei bis fünf neue Märkte erschließen.

"Viele vergleichen uns mit Netflix", sagt DAZN-Chef James Rushton, der das Unternehmen von London aus steuert, "aber unser Ansatz ist viel komplexer, weil wir hunderte Live-Events pro Woche zeigen - und nicht nur Archivinhalte." Doch im Kern ist Rushtons Modell dem von Netflix sehr ähnlich: Genau wie beim Streaming-Giganten aus den USA ist das DAZN-Abo monatlich kündbar und soll sich über die Masse rechnen.

Rushton hat Wirtschaft und Sportmanagement in Birmingham studiert und dann als Vermarktungsdirektor für den britischen Zweitligaverein Birmingham City gearbeitet. Seit 2004 ist er bei der Perform-Group. Für großes Aufsehen sorgte der bis dahin noch weitgehend unbekannte Manager im Frühjahr 2017, als er sich gemeinsam mit Sky die Rechte der Champions League für die Saison 2018/19 sicherte und das ZDF am Verhandlungstisch ausstach.

Das Geld stammt vom Milliardär "Len" Blavatnik

Man sei "bis an die Schmerzgrenze" gegangen, sagte ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann hinterher. Doch das habe nicht gereicht, um gegen neue Wettbewerber anzukommen, die "über sehr viel Kapital verfügen und neue Geschäftsmodelle ausprobieren". DAZN soll laut Insidern eine mittlere zweistellige Millionensumme für die Rechte hingelegt haben. Sky sogar noch deutlich mehr, darf dafür aber auch die interessanteren Spiele zeigen. Für die deutschen Zuschauer bedeutet das: Ab kommender Saison wird es im Free-TV keine Champions League mehr geben. Ein Novum.

Das Geld, das Rushton für die teuren Sportrechte ausgeben kann, stammt vom Milliardär Leonard "Len" Blavatnik. Er ist der Eigner der Londoner Perform Group, die neben DAZN auch Sportnachrichtenseiten wie Spox.com und Goal.com betreibt. Blavatnik wanderte im Alter von 21 von Russland in die USA aus, studierte in Harvard und wurde mit Beteiligungen an Öl- und Aluminiumfirmen reich. Laut "Forbes" soll er ein Vermögen von rund 20 Milliarden Dollar besitzen.

Tablets mit DAZN
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Tablets mit DAZN

Der Investor hat seit einigen Jahren auch Erfahrung im Streaming-Business: Über seine Beteiligungsgesellschaft Access Industries ist er am Musiklabel Warner Music und am Musikdienst Spotify beteiligt. Der 60-Jährige bringt einen langen Atem und üppige Investitionsreserven mit: Der globale Markteintritt von DAZN ist für die nächsten zehn Jahre voll finanziert, erst ab 2020 soll der Dienst in den ersten Märkten profitabel sein.

Das soll gelingen, weil der Streaming-Anbieter schlanker als die Konkurrenz arbeitet. In der deutschen Produktionszentrale in der Nähe von München sucht man pompöse TV-Studios und eine komplizierte TV-Übertragungsinfrastruktur vergebens. "Wir haben schnelle Breitband-Versorgung, viel mehr brauchen wir nicht, um unsere Inhalte zu übertragen", sagt Rushton.

Die Spiele werden in unspektakulären kleinen Kabuffs kommentiert. Die Analysen von Ex-Profis wie Benny Lauth oder Moritz Volz gibt es nur als Tonspur, in der Halbzeit sehen die Zuschauer keine Herren in piekfeinen Anzügen. Stattdessen blendet DAZN in der Halbzeit lieber Taktiktafeln ein. "Das lieben die Fans bei DAZN", meint Rushton.

Künftig will er seinen Zuschauern noch viel mehr bieten, als es klassische lineare Fernsehsender je tun könnten. Beim Football-Finale Super Bowl bot DAZN die Kommentare in deutscher und in englischer Sprache an. Und schon bald könnten Algorithmen das Programm von DAZN bestimmen. Kunden bekämen dann gemäß ihrer Vorlieben Sport-Events vorgeschlagen, auch eine Kalenderfunktion, die den Fan an das anstehende Match seiner Lieblingsmannschaft erinnert, könnte entwickelt werden. "Wir haben viele Ideen", sagt Rushton.

Viele Branchenexperten wundern sich, dass Rushton sein Team ausgerechnet als erstes nach Deutschland geschickt hat. Schließlich ist der deutsche Sport-TV-Markt hart umkämpft: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat eine große Tradition, der Abo-Sender Sky Deutschland schrieb jahrzehntelang rote Zahlen.

Champions-League-Begegnung Paris St Germain gegen FC Bayern
REUTERS

Champions-League-Begegnung Paris St Germain gegen FC Bayern

Doch das DAZN-Management ist Schlimmeres aus der Heimat gewöhnt. In Großbritannien haben die Preise für Übertragungsrechte enorme Höhen erreicht: Von 2016 bis 2019 zahlen die Fernsehsender Sky und BT Sport insgesamt fast sieben Milliarden Euro, um die erste englische Liga übertragen zu dürfen.

Bald so viele Kunden wie Sky?

Doch auch im günstigeren Deutschland verbrennt DAZN noch eine Menge Geld. Der Streaming-Dienst hat eine zweistellige Millionensumme für eine große Marketingkampagne ausgegeben, hinzu kommen die Ausgaben für das Personal und die Übertragungszentrale in München. Aber gerade einmal 170 Mitarbeiter arbeiten für den Streaming-Anbieter in Deutschland. Zum Vergleich: Beim Platzhirsch Sky, der im Nachbarort Unterföhring seinen Sitz hat, sind es rund 1200.

"Klar ist, dass wir Millionen von Kunden brauchen, damit sich der Preis von knapp unter zehn Euro rechnet", sagt Marketingchef Reininger. Noch ist DAZN aber ein Nischenanbieter für Hardcore-Fans.

Am Ende hängt der Erfolg vor allem von der Übertragungsqualität ab. Das zeigt die peinliche Panne des Eurosport Players am Anfang der Bundesliga-Saison, als zahlreiche Fans Freitagabendspiele gar nicht oder nur mit Störungen sehen konnten. Im Netz gab es für den Fernsehsender Häme und Spott. "Unsere Eurosport-Kollegen taten uns sehr leid", sagt Reininger, "das ist der Gau für einen neuen Anbieter."

Auch DAZN musste bereits solche Erfahrungen machen. Im Oktober 2016 konnten Fans die Partie zwischen Manchester United und Manchester City nicht schauen. "Das Spiel haben wir komplett versemmelt. Wir haben uns sofort bei unseren Fans entschuldigt und es ist seit dem auch nicht mehr vorgekommen", sagt Reininger.

DAZN-Bildschirm
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DAZN-Bildschirm

Ganz auszuschließen sind solche Pannen im Streaming aber nie. Denn die Übertragung von Live-Spielen über das Internet ist technisch komplex: Tausende Abonnenten greifen gleichzeitig auf die Inhalte zu. Da kann es bei technischen Schnittstellen schnell zu Ausfällen kommen. Plattformen wie Netflix oder Amazon haben diese Probleme kaum, weil sie Archiv-Inhalte bereitstellen.

Gleichwohl hält sich das Gerücht in der Branche, dass auch Streaming-Giganten wie Amazon ins Geschäft mit dem Sport einsteigen könnten. Erst kürzlich kündigte das ZDF an, künftig beim Erwerb von Sportrechten mit neuen Partnern zusammenzuarbeiten. "Wir werden uns von Fall zu Fall neue Bündnispartner suchen. Ich habe kein Problem mich dazu zum Beispiel mit der deutschen Telekom zu unterhalten, oder mit Amazon oder mit anderen Pay-TV- und Streaming-Anbietern", sagte ZDF-Sportchef Fuhrmann der "Süddeutschen Zeitung".

Doch Rushton bleibt da gelassen: "Dass nun Konkurrenten in den Markt drängen, zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind."

Zusammengefasst: DAZN ist das derzeit aggressivste Unternehmen im globalen Sportmarkt und fordert mit seinem günstigen Abo-Modell die klassischen Fernsehsender heraus. Hinter der Firma steckt der Milliardär Leonard Blavatnik, der Millionen in die junge Firma pumpt und global expandieren will. Spätestens ab nächster Saison wird DAZN auch im Mainstream angekommen sein: Von da an bietet der Streaming-Anbieter in Deutschland einige Spiele der Champions League live und alle Spiele der Europa League an.



insgesamt 49 Beiträge
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Lankoron 07.10.2017
1. Amazon ist doch schon
in diesem Markt tätig. Zumindest auf dem nordamerikanischen Markt übertragen sie Teile der NFL, sie arbeiten ausserdem mit Eurosport zusammen. Und wer amazon kennt, weiss, dass sie diesen Markt mit Sicherheit ausbauen werden.
Wunderläufer 07.10.2017
2. Okay
Ich habe mit dem neuen Anbieter kein Problem: auf keinen Fall werde ich mir ein Abo zulegen, auch nicht zu diesem Preis. Lieber verzichte ich. Gleiches gilt auch, falls die Sportschau den gleichen Weg gehen sollte
Phil2302 07.10.2017
3. Habe dazn getestet
Als der Kampf zwischen Mayweather und mc Gregor dort zu sehen war. Fand es eine großartige Idee für 10 euro im Monat. Wäre ich sportbegeisterter würde ich mir das sicher zulegen. Da gibt es keine Quatsch wie bei Sky, wo man eigene Geräte braucht und ein Vielfaches zahlt.
Lemberger401 07.10.2017
4. ist mir egal
ich bezahle nichts extra für Sportübertragungen. Schon seit längerem verfolge ich den Fußball nur mit dem guten alten Dampfradio und dem Live-Ticker von SPON. Ist einfach wunderbar. Die letzten Informationen hole ich mir dann aus der Tagespresse. Ich bin zufrieden. Ich bin wohl altmodisch fühle mich aber wohl dabei-
Drunken Masta 07.10.2017
5. Konkurrenz
Man sollte meinen mehr Konkurrenz wirke sich positiv für den Kunden aus. Hier ist das Ergebnis jedoch 10€ mehr pro Monat wenn man als Fußballinteressierter nach wie vor die volle Auswahl haben möchte. Muss jeder selbst wissen ob man das mitmachen muss. Vielleicht sollten wir als Zuschauer auch einfach mal von uns aus 50€ anbieten, damit sich unsre armen Bundesligisten auch vernünftige Spieler kaufen können...?
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