DDR-Zwangsarbeit für Ikea Wer zahlt für das Leid von Dirk Maschke?

2012 wurde bekannt, dass Ikea und viele andere Firmen von Zwangsarbeit in DDR-Gefängnissen profitierten. Betroffene fordern Aufarbeitung und Wiedergutmachung - doch passiert ist seitdem wenig. Warum? Von Britta Kollenbroich


Ehemaliges Gefängnis Naumburg
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Ehemaliges Gefängnis Naumburg

Er ist noch da, dieser Geruch nach Metall, Öl und Staub. Dirk Maschke geht ein paar Meter in die Halle hinein, blickt sich um. Sonnenlicht scheint durch die Gitterstäbe und wirft Schatten auf den Betonboden. Obwohl der Raum leer ist, sieht Maschke die Werkbänke und Maschinen genau vor sich. Der Geruch bringt die Erinnerungen zurück: an die Wärter, die Schikanen, den Druck, an die Angst, an Verzweiflung und Willkür.

Das letzte Mal, dass Maschke in dieser Halle war, ist mehr als 30 Jahre her. Im Herbst und Winter 1985/1986 war er politischer Gefangener im Zuchthaus Naumburg. Seine Zelle, die er sich mit 14 anderen Häftlingen teilte, lag zwei Stockwerke höher. Jeden Tag ging Maschke die Treppen herunter, um neun Stunden in der Halle Scharniere zusammenzubauen. Zwangsarbeit, eine Menschenrechtsverletzung, so viel steht heute fest.

Vor vier Jahren hat Maschke zum ersten Mal mit SPIEGEL ONLINE öffentlich über seine Zeit in Naumburg gesprochen. Damals war herausgekommen, dass Zwangsarbeiter in der DDR für den Westen schuften mussten - darunter auch für die Möbelhauskette Ikea. Die Scharniere aus Naumburg wurden in Möbeln der Schweden verbaut. Ikea entschuldigte sich offiziell, beteiligte sich finanziell an einer Studie, sprach mit Opferverbänden.

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"Das reicht nicht", sagt Maschke heute. Die Rückkehr in das "Haus 2", in dem er eingesperrt war, wühlt ihn auf. Seine Frau und drei Kinder begleiten ihn. "Ich habe seitdem nichts von Ikea gehört", sagt Maschke. Aus seiner Sicht stiehlt sich das Möbelhaus aus der Verantwortung. Maschke wünscht sich Aufklärung und Wiedergutmachung.

Bis zuletzt hatte er die Hoffnung, beim "Tag der offenen Tore" in Naumburg auch einen Ikea-Vertreter zu treffen und ihn mit seinen Vorwürfen zu konfrontieren. Die Veranstalter sagen, sie hätten das Möbelhaus eingeladen, eine Unternehmenssprecherin sagt, sie wisse davon nichts.

Am Telefon zeigt sich Ikea den Sorgen und Wünschen der Betroffenen gegenüber aufgeschlossen. "Wir hätten gerne eine Lösung", sagt Sprecherin Sabine Nold und verweist auf lange Gespräche mit der Union der Opfer Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG). "Ikea ist nur ein Unternehmen von vielen in dieser Problematik", sagt Nold.

Zahlreiche Firmen profitierten von DDR-Zwangsarbeit

"Ikea war nur die Spitze des Eisbergs", sagte 2014 auch schon der Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen, Roland Jahn. Die Zwangsarbeit hatte in DDR-Gefängnissen System - der Staat sicherte sich damit zusätzliche Einnahmen. Auf der anderen Seite profitierten die Deutsche Bahn, Vattenfall, Aldi, Volkswagen, C&A und andere Unternehmen aus dem Westen zumindest indirekt von der DDR-Zwangsarbeit. Die Konzerne erfuhren allerdings erst viel später davon.

"Seit der öffentlichen Diskussion vor ein paar Jahren ist zu wenig passiert", sagt Jahn heute. Gerade einmal sechs Firmen haben in der Zwischenzeit bei der Behörde Antrag auf Akteneinsicht gestellt. "Es fällt den Firmen schwer, ihre eigene Vergangenheit aufzuklären und sich mit den Fakten ihrer Geschäfte mit der DDR zu beschäftigen."

Darauf sind die Betroffenen aber angewiesen: Noch immer sind nicht alle Profiteure bekannt. Dem Opferverband UOKG fehlen die Mittel, um alle Firmen ausfindig zu machen. "Es handelt sich um Hunderte von Betrieben, in denen mitunter kleine Gruppen von circa 20 Strafgefangenen arbeiteten, die heute spezielle gesundheitliche Schäden aufweisen", sagt Christian Sachse, Wissenschaftler und Beauftragter der UOKG.

Den Opfern fehlt zudem eine Lobby für ihr Anliegen. Abgesehen von den Betroffenen sowie Ikea, Galeria Kaufhof und der Deutschen Bahn habe sich bisher niemand für die Aufarbeitung interessiert, sagt Dieter Dombrowski, UOKG-Vorsitzender. Die Politik wolle sich mit der Thematik nicht befassen, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten.

Ohne Einsicht der Unternehmen und Politik wird es jedoch auch keine Entschädigungszahlungen geben. Juristisch lasse sich den Unternehmen fast nie nachweisen, dass konkret die von ihnen gekauften Produkte von Zwangsarbeitern hergestellt wurden, sagt Sachse. Es sei aber grundsätzlich nachweisbar, ob Zwangsarbeiter an der Produktion beteiligt waren - und die Unternehmen so damit rechnen mussten, von Zwangsarbeit zu profitieren. "Das sollte ausreichen, um sich zu einer Mitverantwortung zu bekennen."

Welche Entschädigung wünschen sich Betroffene?

Die Hoffnung auf Aufarbeitung und Wiedergutmachung teilt Ex-Häftling Maschke mit vielen anderen ehemaligen Gefangenen. Uneinig sind sie allerdings in der Frage, wie eine solche Entschädigung aussehen könnte.

Maschke plädiert für eine individuelle Zahlung - gemessen an dem, was ein Angestellter in demselben Zeitraum für vergleichbare Arbeit im Westen bekommen hätte. Er fürchtet, dass Einzelne von einem Fonds nichts haben - wenn denn überhaupt Unternehmen in den Fonds einzahlen.

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Der Bundesbeauftrage der Stasi-Unterlagenbehörde hingegen hält eine Individualentschädigung für schwierig, weil sie neue Ungerechtigkeiten schaffen könnte. Die Unternehmen könnten jedoch die Aufarbeitung unterstützen, Beratungsstellen finanzieren oder in einen Härtefallfonds einzahlen, sagt Jahn.

"Realistisch ist es, Härten abzufedern", sagt auch der UOKG-Vorsitzende Dombrowski. So könnte Geschädigten dort geholfen werden, wo staatliche Leistungen nicht griffen - zum Beispiel mit einem Zuschuss zu Erholungsreisen oder dem altersgerechten Umbau einer Wohnung. "Wir bitten die Unternehmen, einen materiellen Beitrag zu leisten, um in Härtefällen helfen zu können."

Bis es dazu kommt, könnte allerdings noch weitere wertvolle Zeit verstreichen. Zwar begrüßen Unternehmen wie Ikea, Kaufhof und auch die Bundesregierung diese Lösung - doch wie sie umgesetzt werden könnte, ist fraglich. Sie sei gerne bereit, "den Weg zu einem Härtefallfonds zu begleiten", teilt die Bundesbeauftragte für die neuen Bundesländer, Iris Gleicke, mit. "Die konkrete Ausgestaltung einer Entschädigung ist eine Angelegenheit, die zwischen Unternehmen und Betroffenen geklärt werden muss."

Die Unternehmen sehen hingegen die Politik in der Pflicht. Ikea sei zu Entschädigungszahlungen bereit, sagt Sprecherin Nold - "wenn es dafür eine allgemeingültige politische Entscheidung gibt".

Die Situation gleicht einem Patt. "Ohne eine aktive Rolle der Politik ist auch ein privater Fonds der Wirtschaft nicht denkbar", sagt Wissenschaftler Sachse. Für den Herbst sind neue Gespräche zwischen UOKG und Gleicke geplant.

Die Betroffenen wollen sich allerdings nicht darauf verlassen, dass dieser Termin zu einem Durchbruch führt. "Da die Politik sich schwer tut, einen Wiedergutmachungsfonds oder Ähnliches zu organisieren, müssen wir, die Opfer selbst die Initiative übernehmen und Fakten schaffen", kündigte die UOKG nun an. Als nächstes soll ein Stiftungsverein gegründet werden. "Vielleicht können wir damit auch der Politik einen Motivationsschub geben", hofft Dombrowski.

Ex-Häftling Maschke wird diese Entwicklung aus der Ferne beobachten. Er ist zum letzten Mal in Naumburg. "Ich will dieses Kapitel abschließen", sagt er, als er das alte Gebäude verlässt. Das bedeutet für ihn auch räumliche Distanz. In wenigen Monaten wird er endlich Berlin verlassen, vielleicht für immer. Ein neues Haus hat er schon: in Schweden.

Zwangsarbeit in DDR-Gefängnissen
Bedingungen
Die Zwangsarbeit in DDR-Gefängnissen hatte System. Nach 1950 wurden in vielen Haftanstalten Räume zur Produktion eingerichtet und auf umliegenden Freiflächen Hallen gebaut. Die Arbeitsbedingungen waren für Zwangsarbeiter deutlich schlechter als die der zivilen Arbeiter: Sie mussten häufig ohne Hilfsmittel an verschlissenen Maschinen arbeiten. Auch die Ansprüche an Arbeitsleistungen waren höher. Die geltenden Grenzwerte für Lärm, Staub und Schadstoffe wurden häufig überschritten. Im Gegensatz zu den zivilen Arbeitern konnten Zwangsarbeiter nicht entscheiden, ob sie eine Aufgabe verrichten oder nicht. Wer die vorgegebenen Normen nicht erfüllte oder die Arbeit verweigerte, wurde mit Einzel- oder Dunkelhaft bestraft.

Quelle: Christian Sachse, Einleitung zur Ausstellung "Hammer - Zirkel - Stacheldraht: Zwangsarbeit politischer Häftlinge in der DDR" (2015), Hrsg.: Birgitt Neumann-Becker, Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen von Sachsen-Anhalt und Maik Reichel (Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt), Magdeburg November 2015.
Betroffene
Zwischen 1945 und 1990 waren etwa 500.000 Menschen in Zuchthäusern, Gefängnissen, Haftarbeitslagern und Arbeitserziehungskommandos untergebracht, darunter etwa 200.000 politische Häftlinge. Viele Gefangene litten unter Schlafmangel, die hygienischen Zustände waren miserabel. Krankmeldungen wurden häufig ignoriert oder verschleppt. Untersuchungen von politischen Häftlingen zeigen, dass rund ein Drittel bis heute unter den körperlichen, psychischen und psychosozialen Folgen leidet.

Quelle: Christian Sachse, Einleitung zur Ausstellung "Hammer - Zirkel - Stacheldraht: Zwangsarbeit politischer Häftlinge in der DDR" (2015), Hrsg.: Birgitt Neumann-Becker, Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen von Sachsen-Anhalt und Maik Reichel (Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt), Magdeburg November 2015.
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