Debatte über steigende Preise Inflation? Kein Grund zur Panik

Untergangspropheten warnen vor einer Hyperinflation in Deutschland - doch die Panik ist völlig unangebracht. Stärker steigende Preise könnten die Wirtschaft sogar in Schwung bringen. Eines ist allerdings klar: In Krisenzeiten sollte die Zentralbank keine Experimente wagen.

Europäische Zentralbank in Frankfurt: Vier statt zwei Prozent Inflation?
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Europäische Zentralbank in Frankfurt: Vier statt zwei Prozent Inflation?

Ein Gastkommentar von Sebastian Dullien


Kaum ein Wirtschaftsthema polarisiert in Deutschland so wie die Inflation. Als die Volkswirte des Internationalen Währungsfonds (IWF) vor wenigen Tagen erklärten, eine etwas höhere Inflation sei besser als eine niedrige, da brachen Stürme der Entrüstung los.

Bundesbank-Chef Axel Weber verteidigte sofort das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von "unter, aber nahe zwei Prozent". In den Medien wurden Schreckensbilder von zerfallenden Gesellschaften wie der Weimarer Republik gemalt. Wenn die EZB künftig statt zwei Prozent die vom IWF ins Gespräch gebrachten vier Prozent Inflation anpeile, werde damit das Fundament der Wirtschaftsordnung untergraben, die Mittelschicht enteignet und die Gesellschaft drohe zu explodieren.

Doch bei genauerem Hinsehen ist es grotesk, was derzeit zu der Frage geschrieben wird. Zuerst einmal kann eine etwas höhere Inflationsrate von vier statt zwei Prozent kaum als Einstieg in die Hyperinflation gewertet werden. Angesichts der gängigen Messfehler bei der Inflationsbestimmung ist es ohnehin schwierig, die Teuerung auf einen oder zwei Prozentpunkte genau zu taxieren.

Vermieter oder Unternehmer könnten einen regelmäßigen Preisanstieg von vier Prozent leicht mit einer jährlichen Preisanpassung abfangen, ohne dass gravierende Verluste entstünden. Auch für Sparer ist eine solche Inflation kaum dramatisch - mit verzinsten Tagesgeldkonten ist eine Vernichtung des Vermögens leicht zu umgehen.

Selbst die Bundesbank ließ früher eine höhere Inflation zu

Die Bundesrepublik hatte jahrelang Inflationsraten von deutlich über zwei Prozent. In den sechziger Jahren gab es gerade drei Jahre mit Inflationsraten unter zwei Prozent, zeitweise stiegen die Verbraucherpreise um knapp vier Prozent. Die Wirtschaft wuchs trotzdem, der Wohlstand legte so rapide zu wie selten später. In den siebziger Jahren lag die durchschnittliche Inflation in Deutschland bei fast fünf Prozent pro Jahr, in der ersten Hälfte der achtziger Jahre immer noch bei 3,8 Prozent.

Auch im Zuge der Wiedervereinigung Anfang der neunziger Jahre stieg die Inflation zeitweise über vier Prozent - alles, ohne dass es zu einer Zerrüttung der Wirtschaftsordnung gekommen wäre. Die Bundesbank akzeptierte damals ganz offiziell Teuerungsraten von mehr als zwei Prozent.

In den USA lag die Inflation ebenfalls lange und nachhaltig höher als zwei Prozent. Anfang der neunziger Jahre wurden sogar sechs Prozent erreicht - ebenfalls ohne sichtbare Schäden für die marktwirtschaftliche Ordnung.

Manche Kommentatoren führen als Einwand gegen ein höheres Inflationsziel das Grundgesetz an. Weil das Bundesverfassungsgericht geurteilt hat, dass die Eigentumsgarantie des Grundgesetzes unter einer Europäischen Zentralbank auf jeden Fall gewahrt werden müsse, sei eine "europäische Inflationsgemeinschaft" nicht zulässig. Auch dieses Argument dürfte nicht greifen, wenn die EZB ihr Inflationsziel auf vier Prozent erhöhen würde - schließlich war auch das jahrzehntelange Verhalten der Bundesbank vor Einführung des Euro nicht verfassungswidrig.

Inflation lässt die Schulden schrumpfen

Auch das Argument, dass Rentner, Arbeitslosenhilfeempfänger und Arbeiter in die Armut getrieben würden, wenn die Inflation etwas höher wäre, ist falsch. Dies wäre einzig der Fall, wenn der Staat die Notenpresse benutzt, um seine Staatsausgaben zu finanzieren. Wenn aber einfach die normale Inflation etwas höher liegt, steigen auch die Löhne etwas stärker. Und solange die Sozialleistungen an die Löhne gekoppelt sind, müssen auch die sozial Schwachen nicht abgehängt werden. In den siebziger Jahren und zur Wiedervereinigung stiegen nicht nur die Preise, sondern auch die Löhne kräftig. Von Verarmung durch die Inflation konnte keine Rede sein.

Im Gegenteil: Eine etwas höhere Inflation brächte eine Reihe von Vorteilen mit sich. Da ist zuerst das Argument des IWF selbst. Die Experten der Organisation erklären, dass in Krisenzeiten starke Zinssenkungen zur Stabilisierung der Wirtschaft notwendig sind. Da bei einem Inflationsziel von vier Prozent die Zinsen höher liegen als bei einem Ziel von zwei Prozent, gibt es mehr Spielraum nach unten. Mit anderen Worten: Die Zentralbank kann auf Krisen stärker reagieren.

Wichtiger als die akute Krisenbekämpfung ist allerdings eine andere Frage: Wie kommen wir von unserem hohen Schuldenberg herunter?

Dabei geht es nicht nur um die Schulden der öffentlichen Hand. Auch die Privathaushalte sind in vielen Ländern extrem verschuldet - oder sogar überschuldet. Eine etwas höhere Inflation bietet die Chance, diese Schuldenlast zu mindern und so schnell die Voraussetzungen für neues Wirtschaftswachstum zu schaffen. Natürlich bedeutet das im Gegenzug eine gewisse Umverteilung von Sparern zu Schuldnern. Angesichts der Alternative, einer möglicherweise lange stagnierenden Wirtschaft, kann dies aber durchaus akzeptabel sein.

Keine Experimente in Krisenzeiten

Dennoch: Trotz all dieser guten Argumente für eine höhere Inflation hat Bundesbank-Präsident Weber Recht, wenn er sich dagegen ausspricht. Das Problem wäre nämlich die Übergangszeit. Es ist alles andere als klar, wie eine Notenbank aus dem Stand eine höhere Inflation produzieren kann.

Inflation entsteht nicht per Dekret, sondern durch ein komplexes Zusammenspiel von Arbeitgebern, Unternehmen, Banken, Anlegern und dem Staat. Veränderungen im Inflationsziel müssen sich erst langsam in das Verhalten der Wirtschaftsakteure, vor allem der Unternehmen und Tarifparteien, einbetten. In der Übergangszeit ist es durchaus möglich, dass die Preise stärker steigen als die Löhne - und somit die Kaufkraft verringert wird. Gut möglich auch, dass sich der Anstieg der Teuerung nur sehr allmählich und über mehrere Jahre vollzieht.

Eines wäre aber klar: Die Anleger an den Bondsmärkten für langfristige Staatsanleihen würden sofort höhere Zinsen als Ausgleich für die zu erwartende höhere Inflation verlangen. Derzeit haben fast alle europäischen Staaten enorme Defizite, die sie mit neuen Schulden decken müssen. Würde das Inflationsziel jetzt angehoben, müssten auf diese neuen Schulden sofort und unmittelbar höhere Zinsen gezahlt werden. Für einzelne Staaten könnte so die Schuldenlast nicht mehr tragbar werden.

Auch für Unternehmen dürfte die Finanzierung sofort teurer werden, weil die Geldgeber unmittelbar höhere Zinsen verlangen. Die Realzinsen würden steigen und Investitionen in Maschinen und Anlagen möglicherweise abwürgen. Gleichzeitig wäre die Entwicklung der Absatzpreise unsicher - für die Unternehmen keine angenehme Situation.

Gerade in der aktuellen labilen Wirtschaftslage sollte man die Finger von solchen Experimenten lassen. Europa sollte die Idee eines anderen Inflationsziels erst einmal zu den Akten legen.

insgesamt 1119 Beiträge
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Seite 1
Kontrastprogramm 02.03.2010
1.
Zitat von sysopIn der Finanzkrise haben die Regierungen Milliarden in die Wirtschaft gepumpt, gleichzeitig hält die Europäische Zentralbank die Zinsen auf einem extrem niedrigen Niveau. Wie lange kann das noch gut gehen? Droht Europa eine Mega-Inflation - mit negativen Folgen für den Euro?
Die Zockerei gegen den Euro provoziert geradezu die Verknappung der Geldmenge M3 sowie eine Zinserhöhung. Inflation wohl zwangsläufig - aber keine Megainflation.
TvanH 02.03.2010
2.
Zitat von sysopIn der Finanzkrise haben die Regierungen Milliarden in die Wirtschaft gepumpt, gleichzeitig hält die Europäische Zentralbank die Zinsen auf einem extrem niedrigen Niveau. Wie lange kann das noch gut gehen? Droht Europa eine Mega-Inflation - mit negativen Folgen für den Euro?
Das sind aber auch Themen, so schön apokalyptisch.
Volker Gretz, 02.03.2010
3.
Zitat von sysopIn der Finanzkrise haben die Regierungen Milliarden in die Wirtschaft gepumpt, gleichzeitig hält die Europäische Zentralbank die Zinsen auf einem extrem niedrigen Niveau. Wie lange kann das noch gut gehen? Droht Europa eine Mega-Inflation - mit negativen Folgen für den Euro?
Was soll uns denn noch passieren? Uns hat's nicht gestört als die 1-DM-Läden in 1-euro-Läden umbenannt wurden, die Brötchen plözlich 90 Pfennig und der Liter Benzin 3,20 DM kostete. Nach dem Euro kann uns doch nichts mehr erschüttern :-) Zahlen und rechnen wir halt in 1/100 Feinunzen oder alternativ: Kleibeträgen werden mit Schweizer Taschenmessern, Zigaretten, Alkohol - größere Anschaffungen mit Rolexmodellen bezahlt. ;-)
Astir01 02.03.2010
4.
Bis ein Kind in die grüblerische Stille hinein ruft: "Aber, der König hat ja gar nichts an!" bleibt alles mehr oder weniger beim Alten. Schon heute übersteigt der "Wert" aller Guthaben den aller Waren und Dienstleistungen um einen bedeutenden Faktor. (etwa 10) Durch die exzessive Kreditvergabe zum Nulltarif vergrößert sich diese Diskrepanz immer weiter. So wie eine Bank bankrott geht, wenn alle Einleger gleichzeitig kommen und ihre Guthaben abheben wollen, so würde auch der Wert der Guthaben selbst verfallen, wenn alle Menschen gleichzeitig ihr Geld würden in Waren und Dienstleistungen umtauschen wollen. Bis es soweit ist, verfressen und versaufen die Bürger der USA aber auch die Griechenlands das Geld das wir Deutschen und die Chinesen sparen. Die Griechen haben z.B. eine "Sparquote" von -5%, d.h. sie geben 5 % mehr Geld aus als sie verdienen. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, und den letzten beißen die Hunde.
Oskar ist der Beste 02.03.2010
5.
Zitat von sysopIn der Finanzkrise haben die Regierungen Milliarden in die Wirtschaft gepumpt, gleichzeitig hält die Europäische Zentralbank die Zinsen auf einem extrem niedrigen Niveau. Wie lange kann das noch gut gehen? Droht Europa eine Mega-Inflation - mit negativen Folgen für den Euro?
Inflation zerstört die Demokratie http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,681172,00.html was fuer ein Beitrag im Jahre eins nach dem neoliberalen Supergau. Das waere so, wenn man 1990 behauptet haette, dass der Wegfall der Mauer im 3. Weltkrieg enden wuerde. Natuerlich darf man eine Inflation nicht ungezuegelt sich ausbreiten lassen, andererseits sind 5% Inflation immer noch besser als 5% Arbeitslosigkeit (so Helmut Schmidt). Und die "Buerger", damit sind natuerlich nur die gemeint, die bereits Vermoegen haben, diejenigen aber, die aus welchen Gruenden von Transferleistungen leben, koennen sehr wohl davon leben, dass es eine hoehere Inflation in Folge eines hoeheren Wachstums gibt, denn in dem Szenario haben diese "Empfaenger" naemlich eher wieder einen ertraeglich bezahlten Job. Und mit Hohngelaechter denken wir noch an den famousen Steinbrueck, der doch tatsaechlich von Inflationsgefahren faselte in 2009 als die deutschen Unternehmen zu 70-80% ausgelastet gewesen sind.
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