Dax-Aufsteiger Delivery Hero Der sanfte Ausbeuter

Der Lieferdienst Delivery Hero löst Wirecard im Dax ab. Das Start-up gibt sich hip und modern - kämpft aber erbittert um Marktanteile. Vor allem Fahrer fühlen sich ausgenutzt.
Fahrer der Delivery-Hero-Tochter Foodora: "Alles, was dieses Unternehmen wollte, war ein Monopol, um seine Mitarbeiter dann noch schlechter behandeln zu können"

Fahrer der Delivery-Hero-Tochter Foodora: "Alles, was dieses Unternehmen wollte, war ein Monopol, um seine Mitarbeiter dann noch schlechter behandeln zu können"

Foto: Arnulf Hettrich / imago images

Niklas Östberg ist nicht so grell wie viele Start-up-Gründer. Der 40-Jährige wirkt meist ruhig und besonnen, geht in seiner Freizeit mit seinen Kindern angeln, er hat diesen charmanten schwedischen Akzent, wenn er Interviewern auf Podien seine Geschäftsvision erklärt.

Das Logo seiner Firma Delivery Hero ist ein rot-gelber, stets freundlich dreinschauender Superheld. In ihrer Zentrale, einem alten Berliner Fernmeldeamt, arbeiten überwiegend junge Leute, die sich überwiegend auf Englisch unterhalten.

Klingt nach einem sympathischen Start-up - und nach einem netten Chef dazu. Tatsächlich muss sich das Unternehmen von Niklas Östberg in einem der weltweit wohl am stärksten umkämpften Märkte der Welt behaupten. Und tatsächlich halten viele das Geschäftsmodell von Delivery Hero für Ausbeutung.

Unternehmenschef Östberg: Aggressiver Wachstumskurs

Unternehmenschef Östberg: Aggressiver Wachstumskurs

Foto: imago images/STPP

So oder so wird dem Unternehmen nun eine der größten Ehren der deutschen Wirtschaft zuteil: Es steigt am kommenden Montag in den Dax auf, die Entscheidung fiel am Mittwochabend, dann verkündete die Börse in Frankfurt am Main den Ausschluss des insolventen Münchner Zahlungsdienstleisters Wirecard aus dem deutschen Leitindex. Nachrücken wird Delivery Hero, derzeit gelistet im M-Dax.

Für Östberg und seine Firma bedeutet dieser Aufstieg nicht nur Prestige. Er hat auch handfeste ökonomische Vorteile. Indexfonds, sogenannte ETF, bilden Börsenindizes exakt nach. Dax-ETFs müssen also Aktien von Delivery Hero kaufen. Der Kurs des noch recht jungen Unternehmens dürfte steigen. Stärker noch als er es ohnehin schon tut.

Delivery Hero wurde erst 2011 gegründet, ist aber schon in mehr als 40 Ländern aktiv und beschäftigt nach eigenen Angaben rund 25.000 Mitarbeiter. Mit seinem Plattformmodell, bei dem Kunden an Restaurants und Lieferdienste vermittelt werden, wurde das Berliner Unternehmen schnell zu einem der bedeutendsten Techkonzerne Europas. Und es wächst nach wie vor rasant.

Bekannt wurde Delivery Hero in Deutschland mit den eigenen sowie zugekauften Marken Lieferheld, Pizza.de und Foodora. Mittlerweile ist das Unternehmen hierzulande gar nicht mehr aktiv. Vor rund anderthalb Jahren verkaufte es sein Deutschlandgeschäft an den niederländischen Konkurrenten Takeaway. Kaufpreis: rund eine Milliarde Euro.

Das Geld nutzten die Berliner für ihre Expansion in anderen Erdteilen. Ende 2019 übernahm Östbergs Firma für 3,6 Milliarden Euro die Mehrheit am südkoreanischen Konkurrenten Woowa. Den Großteil seines Umsatzes erwirtschaftet Delivery Hero - ähnlich wie einst angeblich Dax-Absteiger Wirecard - in Asien.

Die Rekordeinnahmen erzählen nur die halbe Geschichte

Östbergs aggressiver Wachstumskurs spiegelt sich in zunächst beeindruckenden Zahlen wider. Im zweiten Quartal verzeichnete Delivery Hero 281 Millionen Buchungen auf seinen Plattformen, fast doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum. Der Jahresumsatz könnte sich 2020 sogar mehr als verdoppeln: auf bis zu 2,8 Milliarden Euro.

Doch die Rekordeinnahmen erzählen nur die halbe Geschichte. In der Branche der Lieferdienste tobt ein heftiger Verdrängungskampf. Am Ende dürften nur eine Handvoll Unternehmen übrig bleiben, die den Weltmarkt für Essenslieferungen unter sich aufteilen.

Delivery Hero will eines dieser Unternehmen sein. Entsprechend stark geht Östbergs Firma ins Risiko, dringt mit hohen Investitionen in neue Märkte, wirbt kostspielig um neue Kunden.

Und entsprechend groß sind die Verluste von Delivery Hero: 2018 waren es minus 242 Millionen Euro, 2019 sogar minus 648 Millionen Euro. Im ersten Halbjahr 2020 fielen laut Analystenschätzungen 352 Millionen Euro Verlust an. Ursprünglich wollte Delivery Hero schon 2018 operativ schwarze Zahlen schreiben.

Dem Erfolg an der Börse schadet das nicht: Seit Jahresbeginn legte die Aktie um 47 Prozent auf rund 104 Euro zu. Delivery Hero wird inzwischen mit 20,7 Milliarden Euro bewertet. Schon jetzt ist die Firma mehr wert als die Deutsche Bank. Investoren scheinen an Östbergs Wachstumsstory, an seine Heldenreise, zu glauben. Obwohl es durchaus Warnungen vor der Firma gibt.

Es gebe Schwachstellen in der Corporate Governance von Delivery Hero, sagte Christian Strenger, Ex-DWS-Chef und Experte für gute Unternehmensführung, dem "Handelsblatt". Für den Dax sei das noch junge Unternehmen noch nicht reif. Die deutsche Börse drohe sich nach Wirecard gleich den nächsten potenziellen Problemfall ins Haus zu holen.

Arbeitnehmervertreter sehen Delivery Hero ebenfalls kritisch. Denn die Firma behandelt ihre Fahrer rechtlich oft als Selbstständige, zahlt ihnen statt gearbeiteter Stunden nur erledigte Fahrten. Die Löhne sind entsprechend überschaubar.

In Kanada wollten Fahrer von Foodora, einer Tochter von Delivery Hero, deshalb eine Gewerkschaft gründen. Foodora warnte sie, das Verhältnis zum Unternehmen nicht "durch Dritte" zu verkomplizieren. Die Firma drohte, der Gewerkschaftsbeitrag könne die Fahrer "bis zu 1100 Dollar" pro Jahr kosten. Vor der nationalen Behörde für Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen argumentierte der Lieferdienst, die Fahrer verfügten nicht über die nötigen rechtlichen Voraussetzungen für die Gründung einer Gewerkschaft.

Die Fahrer zogen vor Gericht, gewannen in allen Instanzen. Kurz darauf beschloss Delivery Hero, sich mit sofortiger Wirkung aus Kanada zurückzuziehen. "Alles, was dieses Unternehmen wollte, war ein Monopol, um seine Mitarbeiter dann noch schlechter behandeln zu können", sagte Alex Kurth, einer der beteiligten Fahrer, im Juni dem SPIEGEL.

Niklas Östberg bestritt das. Auch die Vorwürfe an seinem Geschäftsmodell wies er zurück. Nur in den Regionen, in denen man expandiere, sei man nicht profitabel, sagte er. In anderen Märkten würde man längst Geld verdienen.

Bald sollen zudem neue Geschäftsfelder hinzukommen. Vergangenen Dezember übernahm Östberg das Berliner Start-up Honest Food, das sich auf sogenannte Ghost Kitchens spezialisiert hat: Kochplätze ohne Restaurantfläche, von denen aus Küchenchefs Anwohner mit Essen beliefern. 

Für die klassische Gastronomie sind solche Konzepte eine Kampfansage. Für Delivery Hero sind sie eine neue potenzielle Einnahmequelle - die dabei helfen soll, die Wachstumsstory weiterzuschreiben.

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